Neue Kategorien sind zum Beispiel Rechenzentren, nachhaltige Logistik, Kreislaufwirtschaft, Energiespeicherung, Abfallwirtschaft und Energiegewinnung aus Abfall. Diese tiefgreifende Entwicklung wird durch die Dekarbonisierung, den beispiellosen Energiebedarf für KI, die Digitalisierung unserer Volkswirtschaften und die Komplexität der Deglobalisierung vorangetrieben.
Die Dynamik von Angebot und Nachfrage
Ebenso wie die Definition hat sich die Menge an Kapital, die in Infrastruktur fließt, erweitert. Das private Kapital ist um mehr als das 30-Fache gestiegen, von etwa 50 Mrd. US-Dollar im Jahr 2006 (als es nur eine Handvoll Infrastruktur-GPs auf dem Markt gab) auf etwa 1,5 Billionen US-Dollar im Jahr 2024. Prognosen deuten auch darauf hin, dass der Markt für private Infrastrukturinvestitionen bis 2030 voraussichtlich weiter auf geschätzte 2 Billionen US-Dollar wachsen wird.
Das bisherige Wachstum dieser Anlageklasse wurde vor allem von institutionellen Anlegern vorangetrieben. Allerdings gewinnt diese Anlageklasse zunehmend an Bedeutung, da auch Privatanleger und Vermögensverwalter, die von den mit den genannten Megatrends verbundenen langfristigen Chancen profitieren möchten, ihr zunehmendes Interesse bekunden.
Dieses erhöhte Angebot an privatem Kapital ist entscheidend, um die immense und steigende Nachfrage nach Investitionen zu decken. Schätzungen zufolge besteht eine Lücke von 15 Billionen US-Dollar zwischen den prognostizierten Investitionen und dem Betrag, der erforderlich ist, um bis 2040 eine angemessene globale Infrastruktur sicherzustellen.
Disziplin und Diversifizierung
Die Anlageklasse hat sich in zahlreichen Konjunkturzyklen bewährt. Daraus haben wir wichtige Erkenntnisse gewonnen. Von entscheidender Bedeutung ist, dass die Widerstandsfähigkeit der Infrastruktur auf ihren besonderen Eigenschaften beruht – beispielsweise ihrer systemrelevanten Bedeutung, den hohen Eintrittsbarrieren, der Stabilität der Cashflows und dem Inflationsschutz. Dies unterstreicht, wie wichtig Disziplin bei der Kapitalallokation, Diversifizierung über Regionen und Teilsektoren hinweg sowie die Vermeidung übermäßiger Verschuldung sind.
Die Infrastrukturlandschaft bietet heute zwar erhebliche Chancen, erfordert jedoch einen äußerst agilen und umsichtigen Ansatz. Besorgniserregend ist die Gefahr einer „Blase” in bestimmten Segmenten, die durch ein Überangebot an Kapital und zahlreiche Investoren, die auf ähnliche Vermögenswerte abzielen, entsteht. Bestimmte Infrastruktursektoren wie Rechenzentren und Versorgungsunternehmen können sehr teuer sein. Als warnendes Beispiel dient die Erfahrung mit Vermögenswerten wie britischen Wasserwerken, die sich von einem der teuersten Segmente zu einem Bereich entwickelt haben, der Schwierigkeiten hat, Kapital anzuziehen.
Take Privates: Chancen aus Marktverwerfungen nutzen
Agilität ist von entscheidender Bedeutung, um diese Risiken zu bewältigen und Chancen zu nutzen, wenn es zu Marktverwerfungen kommt. Das aktuelle Marktumfeld ist dynamisch, wodurch sich in solchen Phasen günstige Gelegenheiten für Public-to-Private-Transaktionen (P2P) ergeben können.
Infrastrukturunternehmen an öffentlichen Märkten verfügen über inhärente Eigenschaften, die für private Investoren wertvoll sein können. Dies wird jedoch in Zeiten von Marktverwerfungen, Krisen oder erhöhter Volatilität an den öffentlichen Märkten oft nicht angemessen widergespiegelt.
Infrastruktur als strategischer Gegenpol zu Private Equity
Sowohl Infrastruktur als auch Private Equity umfassen Investitionen in private Unternehmen oder Vermögenswerte zur Erzielung von Renditen. Allerdings weisen sie unterschiedliche Kerninvestitionsphilosophien und Risiko-Rendite-Profile auf. Die Anlageklasse Infrastruktur zeichnet sich häufig dadurch aus, dass sie den Schwerpunkt auf die Absicherung gegen Verluste und Widerstandsfähigkeit legt, gleichzeitig aber auch Möglichkeiten für eine erhebliche Wertschöpfung bietet.
Die Fokussierung auf Kapitalerhalt wird durch die physische Natur der Vermögenswerte untermauert, welche ihren Wert beibehalten und eine Absicherung gegen Inflation bieten können.
Zudem ist eine aktive Vermögensverwaltung notwendig, welche operative Verbesserungen wie Effizienzoptimierungen, die Erweiterung der Kunden- und Vertragsbasis sowie die Integration neuer Technologien umfasst. So können Infrastrukturinvestoren beispielsweise Initiativen zur digitalen Transformation umsetzen, Managementteams professionalisieren und ergänzende Akquisitionen tätigen, um ihr Geschäft auszubauen.
Megatrends und politische Impulse
Infrastrukturinvestitionen spielen eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung mehrerer übergeordneter globaler Megatrends. Dazu gehören die zunehmende Bedeutung künstlicher Intelligenz (KI), demografische Veränderungen, kritische Angebots- und Nachfragedynamiken im Energie- und Stromsektor sowie die anhaltende Neukalibrierung globalisierter Volkswirtschaften. Zu den Themenbereichen von besonderem Interesse zählen digitale Infrastruktur, Energiewende, Transport und Logistik sowie Kreislaufwirtschaft.
Der derzeitige Infrastrukturmarkt ist zudem durch bedeutende Chancen geprägt, die durch unterstützende staatliche Maßnahmen, insbesondere in den USA und Europa, sowie durch sich wandelnde geopolitische und wirtschaftliche Prioritäten bedingt sind. Die vollständigen Auswirkungen dieser Maßnahmen sind jedoch noch nicht absehbar.
In Europa – einer Region, die sich in einem finanziellen Wandel befindet – erkennen die politischen Entscheidungsträger einen erheblichen Investitionsbedarf im Infrastrukturbereich, insbesondere in Bezug auf Stromnetze. Programme wie NextGenerationEU zielen darauf ab, EU-weite Sachwerte zu finanzieren. Es wird erwartet, dass diese Initiative erhebliche Investitionen in Bereichen wie saubere Energie, digitale Infrastruktur und physische Strukturen vorantreiben und zu einer umfassenden Erneuerung der europäischen Infrastruktur führen wird.
Den nächsten Abschnitt aktiv gestalten
Die Infrastrukturinvestitionslandschaft, die in zunehmendem Maße durch eine sich ständig weiterentwickelnde Definition dessen geprägt ist, was Infrastruktur ausmacht, bietet beispiellose, aber komplexe Chancen. Um diese dynamischen Veränderungen erfolgreich zu bewältigen, ist ein differenzierter Ansatz erforderlich.
Die wahre Widerstandsfähigkeit und der Wert von Infrastruktur beruhen nicht auf traditionellen Kategorisierungen, sondern auf den spezifischen Merkmalen der zugrunde liegenden Vermögenswerte – stabile Cashflows, unverzichtbare Dienstleistungen und hohe Eintrittsbarrieren. Die Anlageklasse hat sich weit über herkömmliche Straßen, Flughäfen, Häfen und regulierte Versorgungsunternehmen hinaus entwickelt und umfasst nun auch kritische digitale und nachhaltige Infrastruktur wie Rechenzentren und Anlagen für erneuerbare Energien. Angesichts dieser Entwicklung müssen Anleger über veraltete Klassifizierungen hinausblicken und sich stattdessen auf die intrinsischen Eigenschaften konzentrieren, die den langfristigen Wert bestimmen.
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*) Philippe Camu, Co-CIO und Vorsitzender für Infrastruktur bei Goldman Sachs Asset Management
Gastbeitrag: Neue Wege beschreiten – beispiellose Chancen für die Infrastruktur
Philippe Camu
