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Buchbesprechung: Cum/Ex, Milliarden und Moral – Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt

Dieses Buch habe ich nicht aus Neugier gelesen, sondern aus einer inneren Verpflichtung. Über deutlich mehr als zehn Jahre meiner Karriere im Investmentgeschäft war ich wiederholt mit Akteuren in Kontakt, die an genau jenen Modellen beteiligt waren, die unter dem Begriff Cum-Ex bekannt wurden. Prägend war für mich weniger die technische Raffinesse dieser Konstruktionen als das vielfach fehlende Schuld- oder auch nur Problembewusstsein. Vor diesem Hintergrund war es mir wichtig, die Rolle von Anne Brorhilker – und dieses Buch – ernst zu nehmen.

Hans Jürgen Dannheisig zu „Cum/Ex, Milliarden und Moral – Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt" von Anne Brorhilker

Gegenstand und Anspruch des Buches
Cum/Ex, Milliarden und Moral ist kein Enthüllungsbuch im populären Sinn. Brorhilker schreibt weder anklagend noch sensationsorientiert. Ihr Anspruch ist erklärend und einordnend. Sie rekonstruiert die Funktionsweise der Cum-Ex-Geschäfte sachlich und präzise und macht zugleich deutlich, dass es sich nicht um bedauerliche Einzelfälle handelte, sondern um ein systematisch betriebenes Geschäftsmodell mit klarer Zielsetzung: die Abschöpfung staatlicher Mittel.

Der eigentliche Gegenstand des Buches ist damit weniger der Steuerschaden selbst als die Denk- und Rechtfertigungsmuster, die dieses Vorgehen über Jahre hinweg ermöglicht und legitimiert haben.

Analyse und Argumentationslinie
Besonders überzeugend ist Brorhilkers konsequente Zurückweisung der Erzählung von der „rechtlichen Grauzone“. Sie zeigt, dass viele Beteiligte sehr genau wussten, worauf diese Konstruktionen hinausliefen, und sich dennoch auf formale Argumente zurückzogen. Unterstützt durch spezialisierte Berater entstand ein System, in dem Legalität als Schutzschild gegen jede weitergehende Verantwortung fungierte.

Ebenso klar analysiert die Autorin die Rolle staatlicher Institutionen. Zögerliches Handeln, politische Rücksichtnahmen und strukturelle Unterlegenheit gegenüber finanzstarken Akteuren werden nicht entschuldigt, aber nachvollziehbar beschrieben. Das Buch bleibt dabei stets analytisch und vermeidet einfache Schuldzuweisungen.

Persönliche Einordnung
Was dieses Buch für mich besonders relevant macht, ist sein moralischer Ernst. Brorhilker argumentiert nicht moralistisch, aber sie besteht darauf, dass wirtschaftliches Handeln nicht außerhalb gesellschaftlicher Verantwortung steht. Diese Haltung steht in deutlichem Kontrast zu vielen Argumentationsmustern, die mir im beruflichen Kontext begegnet sind: Die Reduktion von Verantwortung auf juristische Zulässigkeit, Marktlogik als moralischer Freibrief.

In dieser Klarheit liegt für mich der eigentliche Wert des Buches. Es liefert eine Sprache für Erfahrungen, die im Finanzalltag häufig unausgesprochen bleiben, und widerspricht einer Kultur der Selbstentlastung, die ich über Jahre beobachten konnte.

Stil und Wirkung
Stilistisch ist Cum/Ex, Milliarden und Moral nüchtern, ruhig und präzise. Brorhilker stellt sich selbst nicht in den Vordergrund, obwohl ihre persönliche Rolle im Kampf gegen Cum-Ex unübersehbar ist. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Buch Glaubwürdigkeit. Der Text wirkt nicht agitierend, sondern argumentierend – und entfaltet gerade dadurch seine Wirkung.

Fazit
Cum/Ex, Milliarden und Moral ist eine ernsthafte, notwendige und unbequeme Lektüre. Das Buch leistet weit mehr als eine Rückschau auf einen Finanzskandal: Es ist eine Positionsbestimmung zur Frage, wie belastbar Rechtsstaatlichkeit ist, wenn sie auf hochprofessionalisierte wirtschaftliche Interessen trifft. Für Leserinnen und Leser mit eigener Erfahrung im Finanzsektor ist diese Lektüre keine Bestätigung, sondern eine Herausforderung – und genau darin liegt ihre Stärke.

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Das Buch: Cum/Ex, Milliarden und Moral – Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt, 272 Seiten

Autorin/Verlag: Anne Brorhilker (mit Traudl Bünger), Heyne Verlag, München

Erscheinungsdatum: 12. November 2025

ISBN: 978-3-453-21911-3

Der Rezensent: Hans-Jürgen Dannheisig ist in vielen Berufen daheim. Als gelernter Handwerker ebenso wie als Organisationsprogrammierer. Nach Studienabschlüssen rund um Ökonomie machte er zunächst eine Karriere als Banker bei einer Großbank, um später das Investmentgeschäft einer alten Privatbank zu verantworten. Erste Gehversuche im Bereich nachhaltige Investments landeten auf Nebengleisen. Erst mit der Gründung eigener Beratungsunternehmen rückte das Thema Transformation der Finanzwirtschaft für ihn mehr in den Fokus. Hans-Jürgen Dannheisig übernimmt Verantwortung, indem er heute als Dozent an der EBS, mit einer auf Impact Investing spezialisierten Beratungsfirma und als Herausgeber von – auf dieses Thema spezialisierten – Publikationen zur Transformation von Finanzwirtschaft und Gesellschaft beiträgt.