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Kommentar: Mit erneuerbaren Energien und Wasserstofflösungen sauber in die Zukunft starten

Die aggressive Covid-19-Pandemie war ein letzter Warnschuss für die Weltbevölkerung, die lange Zeit in einer Umgebung des ökologischen Zerfalls geschlummert hat – und nun ihre Existenz bedroht sieht.

Eoin Murray

Doch ungeachtet der vielen schrecklichen Todesfälle und einer sich abzeichnenden Wirtschaftskatastrophe könnte die Corona-Krise der Menschheit letztlich wieder Hoffnung geben. Denn in der Krise liegt die Möglichkeit, der Mutter aller schlimmsten Endszenarien zu entkommen: dem außer Kontrolle geratenen Klimawandel.

Der Ausbruch des Coronavirus hat bereits zu grundlegenden Anpassungen im Konsum- und Sozialverhalten geführt, von denen einige von Dauer sein könnten. Aber auch Regierungen und Unternehmen sind gefordert, Neuerungen schneller einzuführen, wenn wir die Krise in eine Chance verwandeln wollen.

Kurzfristig mag zwar die Ungewissheit gegenüber produktiven Handlungsansätzen überwiegen. Ein klarer Bruch mit früheren Verhaltensmustern könnte jedoch unseren Blick für neue Möglichkeiten öffnen, sobald wir den Krisenmodus mit der klaren Vision einer langfristig gerechten Zukunft verlassen – ohne zerrüttete Familien und wütende Bürger.

Energiemärkte auf dem Vormarsch
Die Covid-19-Krise fiel mit einem großen Schock für die Energiemärkte zusammen und hat diesen noch verstärkt. So sanken etwa die ohnehin schon niedrigen Ölpreise zeitweise in den negativen Bereich, kurz nachdem die virusbedingten Schließungen und Maßnahmen die Nachfrage zum Erliegen gebracht hatten.

Untersuchungen legen nahe, dass sich neun von zehn bestehenden Entwicklungstendenzen nach einer Krise weiter beschleunigen. Stimmt das, dann sollten sich auch der Niedergang der fossilen Brennstoffe und der Aufstieg nachhaltiger Energielösungen weiter in hohem Tempo fortsetzen.

Gleichzeitig dürften die sinkenden Kosten für erneuerbare Energien den Übergang weg von kohlenstoffintensiven Brennstoffen noch weiter begünstigen, während auf der anderen Seite alternative Stromerzeugungssysteme entsprechend expandieren können.

Sicherlich wird ein derart dramatischer Wandel in einem Schlüsselsektor erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigung haben und eine Umschulung von vielen tausenden  Arbeitskräften allein in dieser Branche erfordern. Die Corona-Krise hat bereits gezeigt, dass die Last der Veränderungen in der Gesellschaft ungleich verteilt ist. Auch die bereits bestehenden Risse und strukturellen Ungerechtigkeiten werden uns noch deutlicher vor Augen geführt.

Die aktuelle Disruption kann jedoch auch einen Weg zum Aufbau eines besseren Sicherheitsnetzes aufzeigen, sowie eine größere Bandbreite an „essenziellen“ Arbeitskräften identifizieren und diese entsprechend entlohnen.

In gewisser Weise könnte sich auch eine gute Bildung – vor allem wenn sie auf lange Zeit vernachlässigte Gruppen wie Frauen in vielen Entwicklungsländern abzielt – als mindestens ebenso wirksame Waffe gegen den Klimawandel erweisen wie jede moderne Technologie. Wenn ein größerer Teil der Gesellschaft über die Risiken des Klimawandels aufgeklärt wird, sollte dies auch mehr Menschen dazu motivieren, die notwendigen Anpassungen in ihrem Lebensstil vorzunehmen und innovative Lösungen zu entwickeln.

Wasserstofflösungen – aus grau mach blau mach grün
Wegweisende Technologien bleiben jedoch ein notwendiger Teil der grünen Debatte. Europa beispielsweise setzt seine Nachhaltigkeitshoffnungen vor allem auf Projekte im Bereich der Wasserstoffenergie, die im Rahmen des klimafreundlichen Corona-Wirtschaftsaufbauprogramms mit in den Genuss mehrerer hundert Milliarden Euro an Investitionen für saubere Technologien kommen werden.

Die Investitionsmöglichkeit in Wasserstoff steckt noch in seinen Kinderschuhen. Aktuell wird er zumeist aus relativ kohlenstoffintensiven Energiequellen wie Erdgas als sogenannter „grauer“ Wasserstoff produziert. „Blaue“ Wasserstoffproduktionstechniken verstärken das Klima-Argument für die Brennstoffquelle, indem sie Verfahren anwenden, bei denen die CO2-Stoffströme abgeschieden und gespeichert werden („carbon capture and storage“ – kurz CCS).

Die sinkenden Kosten für erneuerbare Energien und effizientere Prozesse der Wasserelektrolyse signalisieren indes den Start in eine neue, „grüne“ Wasserstoffära, in der der saubere Brennstoff obendrein noch CO2-frei gewonnen wird.



Wasserstoff scheint einen Wendepunkt erreicht zu haben, wenn es um seine wachsende Akzeptanz geht. Gründe hierfür: Die Kosten sinken und gleichzeitig steigt nach Covid-19 nun die Nachfrage seitens der Länder, die ihre Abhängigkeit von der Versorgungskette der fossilen Brennstoffe reduzieren wollen. Die höhere Energiedichte von Wasserstoff und seine bessere Speicherfähigkeit können dazu beitragen, einige Nachteile von erneuerbaren Energien zu überwinden. Darüber hinaus werden dadurch schwer elektrifizierbare Industrieprozesse dekarbonisiert und die Elektrifizierung von Schwertransportsystemen beschleunigt.

Besonders vielversprechend ist Wasserstoff im Segment der Langstrecken-Schwerlastwagen. Hier gibt es zwei entscheidende Vorteile gegenüber batteriebetriebenen Elektro-Lkws: zum einen das geringere Gewicht, das zu einer höheren Reichweite führt, und zum anderen die schnelle Betankung, für die zudem deutlich weniger Wasserstoff-Tankstellen benötigt werden.

Pandemie als Investitionstreiber für saubere Zukunft nutzen
Wenn es darum geht, die Welt für eine neue Klimarealität vorzubereiten, sind Investitionen in Zukunftschancen, wie sie die Wasserstoffenergie darstellt, natürlich nur ein Aspekt. Das heißt: Wir müssen uns auch darauf konzentrieren, die globale Erwärmung selbst so weit wie möglich zu bremsen.

Die Entscheidungen, die wir jetzt und in den nächsten Jahren treffen, werden die Weltwirtschaft über Jahrzehnte hinweg prägen. Anstatt also die COVID-19-Krise als bloße Ablenkung von der Herausforderung des Klimawandels zu sehen, sollten wir sie nutzen, um den großen Worten nun echte Taten folgen zu lassen.

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*) Eoin Murray ist Head of Investment bei Federated Hermes.