Der deutsche Markt für die vollständige Auslagerung betrieblicher Pensionsverpflichtungen gewinnt an Kontur. VEDRA Pensions verstärkt vor diesem Hintergrund seine Finanzfunktion: Roland Böhmer hat zum 1. September 2026 die neu besetzte Funktion des Head of Finance übernommen. Er verantwortet künftig Rechnungswesen und Controlling der Gruppe sowie die finanzielle Bewertung von Transaktionen.
Interessant ist die Personalie vor allem mit Blick auf Böhmers bisherige Stationen. Der Manager verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung im Finanzsektor und war sowohl auf Berater- als auch auf Unternehmensseite mit M&A- und Kapitalmarkttransaktionen beschäftigt. Bei J.P. Morgan und UBS Investment Bank beriet er insbesondere Versicherungsunternehmen im deutschsprachigen Raum. Als M&A Director bei Aviva sammelte er anschließend Erfahrung im britischen Lebensversicherungsmarkt und damit in einem Markt, in dem Pension Buy-outs bereits seit vielen Jahren etabliert sind.
Zuletzt leitete Böhmer Rechnungswesen und Controlling bei Viridium. Beim deutschen Spezialisten für Lebensversicherungsbestände war er nach Angaben von VEDRA intensiv in die Due-Diligence-Prozesse für Zukäufe im Rahmen der Run-off-Konsolidierungsstrategie eingebunden. Damit bringt Böhmer Erfahrungen aus drei Bereichen zusammen, die für einen skalierenden Pension-Buy-out-Markt relevant sind: Transaktionsstrukturierung, langfristiges Management von Versicherungs- beziehungsweise Pensionsverpflichtungen und die finanzielle Bewertung komplexer Bestände.
Sechs Transaktionen innerhalb von drei Monaten
Die Verstärkung kommt in einer Phase steigender Aktivität. VEDRA gibt an, allein innerhalb der vergangenen drei Monate sechs Pension-Buy-out-Transaktionen abgeschlossen zu haben. Geschäftsführer Tilo Kraus verweist entsprechend „auf steigende Anforderungen“ an die Organisation.
VEDRA ist bereits seit 2016 im deutschen Markt aktiv. Das Unternehmen übernimmt Direktzusagen aus Unternehmensbilanzen mit dem Ziel, die abgebenden Unternehmen final aus der Haftung für die übertragenen Versorgungsverpflichtungen zu lösen.
Das Geschäftsmodell trifft inzwischen auf ein verändertes Umfeld. Pension Buy-outs werden in Deutschland zunehmend als Bestandteil des unternehmerischen De-Riskings diskutiert. Dabei werden Pensionsverpflichtungen typischerweise auf eine separate Rentnergesellschaft übertragen und anschließend die Anteile an dieser Gesellschaft an einen spezialisierten Anbieter veräußert. Entscheidend sind dabei unter anderem eine ausreichende finanzielle Ausstattung, Governance und die langfristige Sicherung der Verpflichtungen gegenüber den Versorgungsberechtigten. Auch EY weist darauf hin, dass Unternehmen neben dem Preis insbesondere Garantien, Compliance- und Reputationsrisiken sowie die finanzielle Ausstattung der jeweiligen Konstruktion prüfen sollten.
Hoher Ausfinanzierungsgrad schafft Spielraum
Ein wichtiger Treiber für die zunehmende Beschäftigung mit dem Thema ist die verbesserte Finanzierungssituation vieler deutscher Pensionswerke.
Nach Berechnungen von WTW erreichte der Ausfinanzierungsgrad der Pensionsverpflichtungen der DAX-Unternehmen Ende 2025 mit 87 Prozent einen Rekordwert. Der Median des Rechnungszinses stieg auf 4,10%. Aus Sicht der Beratung schafft dies zusätzlichen Spielraum, um über De-Risking, Auslagerungen und Pension Buy-outs nachzudenken.
Der höhere Zins hat damit eine interessante Nebenwirkung: Er verändert nicht nur die Kapitalanlage institutioneller Investoren, sondern kann auch die ökonomischen Voraussetzungen dafür verbessern, Pensionsrisiken dauerhaft aus Unternehmensbilanzen zu entfernen.
Dass es sich nicht mehr nur um ein theoretisches Modell handelt, zeigen konkrete Transaktionen. Anfang 2026 übernahm beispielsweise die WTW Pensions Holding die deutschen Pensionsverpflichtungen des ehemaligen AREVA-Konzerns. Dabei wurden die Verpflichtungen zunächst vollständig ausfinanziert und anschließend auf eine Rentnergesellschaft übertragen, deren Anteile WTW vollständig übernahm.
Bereits 2025 wurde bei der ehemaligen VTB Bank Europe eine Konstruktion umgesetzt, bei der Pensionsverpflichtungen auf eine Rentnergesellschaft ausgegliedert, über eine CTA-Struktur besichert und die Gesellschaft anschließend an VEDRA verkauft wurde.
VEDRA baut Plattform und Kapitalbasis aus
Auch bei VEDRA selbst sprechen die Entwicklungen der vergangenen Monate dafür, dass sich das Unternehmen auf höhere Transaktionsvolumina vorbereitet. Im Juni hatte der Anbieter seine Governance-Strukturen erweitert und mit One Investment Management (OneIM) einen neuen Gesellschafter gewonnen. Das zusätzliche Kapital soll VEDRA nach eigenen Angaben ermöglichen, mehr und größere Transaktionen durchzuführen.
Gleichzeitig wurden spezialisierte Gremien für Underwriting, Risk & Compliance sowie Asset Management eingerichtet. Bei der Kapitalanlage arbeitet VEDRA mit Mercer als externem Co-CIO zusammen.
Die Berufung Böhmers lässt sich damit als weiterer Baustein dieser Institutionalisierung lesen. Je größer und zahlreicher die übernommenen Pensionsbestände werden, desto wichtiger werden standardisierte Due-Diligence-Prozesse, Bewertung, Risikomanagement, Reporting und eine belastbare finanzielle Governance.
Großbritannien zeigt, welche Dimension entstehen kann
Wie weit sich ein Pension-Risk-Transfer-Markt entwickeln kann, zeigt der Blick nach Großbritannien – auch wenn sich die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen.
Allein 2025 wurden dort nach Daten von Hymans Robertson 370 Buy-in-Transaktionen mit einem Volumen von 38,2 Mrd. GBP abgeschlossen. Besonders auffällig war die zunehmende Aktivität bei kleineren Pensionsplänen: Die Zahl der Transaktionen unter 100 Mio. GBP stieg gegenüber 2024 um mehr als 30%.
Über die gesamte bisherige Marktentwicklung hinweg wurden in Großbritannien inzwischen Pensionsrisiken von mehr als 500 Mrd. GBP über Buy-ins und Longevity Swaps transferiert. Mehr als die Hälfte dieses Volumens entfiel auf die vergangenen fünf Jahre.
Genau auf diese Entwicklung verweist auch Böhmer selbst. Er erwartet, dass das De-Risking deutscher Betriebsrenten eine ähnlich dynamische Entwicklung nehmen könnte wie der britische Markt in den vergangenen zwei Jahrzehnten.
Kein Selbstläufer
Eine einfache Übertragung des britischen Erfolgsmodells auf Deutschland wäre allerdings zu kurz gegriffen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich erheblich, und mit der endgültigen Übertragung von Pensionsverpflichtungen stellen sich zentrale Fragen hinsichtlich Kapitalausstattung, Governance und Schutz der Versorgungsberechtigten.
Entsprechend wird das Modell inzwischen auch kritisch diskutiert. Juristische Stimmen weisen darauf hin, dass bei Pension Buy-outs genau geprüft werden muss, wie die Rentnergesellschaft finanziert ist und welche langfristigen Risiken mit der Übertragung verbunden sind.
Gerade deshalb dürfte die zunehmende Institutionalisierung der Anbieter eine wichtige Voraussetzung für weiteres Marktwachstum sein. Unternehmen müssen schließlich darauf vertrauen können, dass ein neuer Risikoträger Verpflichtungen erfüllt, die noch über Jahrzehnte bestehen können.
Vom Nischenprodukt zum De-Risking-Instrument?
Noch ist Deutschland weit von den Dimensionen des britischen Pension-Risk-Transfer-Marktes entfernt. Die Voraussetzungen für weiteres Wachstum haben sich jedoch verbessert: höhere Ausfinanzierungsgrade, der Wunsch vieler Unternehmen nach Bilanzentlastung, Restrukturierungen und eine zunehmende Zahl realisierter Transaktionen sorgen dafür, dass Pension Buy-outs stärker auf die Agenda von Finanzvorständen und Pensionsverantwortlichen rücken.
Die Personalie bei VEDRA ist vor diesem Hintergrund mehr als die Besetzung einer Finanzfunktion. Mit Roland Böhmer holt das Unternehmen einen Manager, der sowohl den etablierten britischen Markt als auch die Konsolidierung deutscher Lebensversicherungsbestände aus eigener Erfahrung kennt.
Ob Deutschland tatsächlich eine Entwicklung wie Großbritannien nehmen wird, bleibt offen. Die jüngsten Transaktionen und der Ausbau der Anbieterplattformen sprechen aber dafür, dass sich Pension Buy-outs hierzulande von einer Speziallösung zunehmend zu einer strategischen De-Risking-Option für Unternehmen mit größeren Pensionsverpflichtungen entwickeln.
VEDRA holt Roland Böhmer
Roland Böhmer
