1. Zentrale Lage und hohe Marktintegration
Tschechien liegt im Zentrum Europas und ist eng mit den Strommärkten Deutschlands, Polens, Österreichs und der Slowakei verbunden. Der Markt ist kein isoliertes System, sondern Teil eines stark integrierten mitteleuropäischen Stromnetzes. Das Ideal einer vollständig integrierten, grenzüberschreitenden „Kupferplatte“ ohne nennenswerte Widerstände wird in der Praxis weiterhin zwar durch nach wie vor bestehende regulatorische Unterschiede, Netzengpässe und physische Restriktionen eingeschränkt. Innerhalb Europas zählt Mitteleuropa mit Tschechien in seiner Mitte jedoch zu den am stärksten gekoppelten Stromregionen.
Die hohe Interkonnektivität führt dazu, dass Preisbewegungen, Lastsituationen und Erzeugungsprofile in den Nachbarländern unmittelbar auf den tschechischen Markt durchschlagen. Für Investoren kann daraus ein doppelter Werttreiber entstehen: Zugang zu regionalen Preisspreads sowie zusätzliche Arbitragemöglichkeiten. Strom kann je nach Marktsituation importiert, exportiert oder – bei vorhandener Flexibilität unter anderem durch Speicherkapazitäten – zeitlich optimiert genutzt werden.
2. Strommix und Dekarbonisierungsdruck
Der tschechische Strommix ist weiterhin stark von konventionellen Energieträgern geprägt. Insbesondere Braunkohle spielt noch eine wesentliche Rolle, ergänzt durch einen stabilen Anteil an Kernenergie. Auf erneuerbare Energien entfielen 2025 nur 16,6% der Stromerzeugung. Das ist im EU-Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt und gehört zu den niedrigsten Anteilen innerhalb der Union, nur Malta liegt noch dahinter. Daraus ergibt sich ein struktureller Nachholbedarf.
Dieser wird durch zwei Faktoren verstärkt:
• politischer Druck zur Dekarbonisierung
• ökonomischer Druck durch den EU-Emissionshandel
Insbesondere für energieintensive Industrien steigt der Bedarf an langfristig verfügbarem, grünem Strom. Dies schafft eine robuste Nachfragebasis für neue erneuerbare Erzeugungskapazitäten.
3. Förder- und Vermarktungsrahmen
Der tschechische Markt unterscheidet sich bei den Ertragsmechanismen von klassischen europäischen Fördermärkten. Während in vielen Ländern langfristige Einspeisevergütungen oder CfD-Modelle dominieren, liegt der Schwerpunkt in Tschechien stärker auf der Förderung von Investitionskosten. Solar- und Speicherprojekte erhalten unter bestimmten Voraussetzungen nicht rückzahlbare Capex-Zuschüsse, unter anderem aus dem EU-Modernisierungsfonds. Diese verändern die Risikoverteilung, indem sie den Kapitalbedarf in der Entwicklungs- und Bauphase reduzieren, nach Inbetriebnahme jedoch zu einer stärkeren Marktexponierung der Anlagen führen.
Vor diesem Hintergrund gewinnen langfristige Stromabnahmeverträge (PPAs) zunehmend an Bedeutung. Sie stabilisieren Cashflows und reduzieren die Abhängigkeit vom volatilen Spotmarkt. Gleichzeitig bleiben Netzzugang, Einspeisemanagement und regulatorische Rahmenbedingungen zentrale Erfolgsfaktoren. Der Markt erfordert damit eine integrierte Strukturierung von Finanzierung, Vermarktung und Betrieb und eignet sich weniger für standardisierte Förderstrategien.
4. Photovoltaik und Batteriespeicher als Schlüsseltechnologie
Innerhalb der erneuerbaren Energien weist Photovoltaik in Tschechien klare strukturelle Vorteile gegenüber Windenergie auf. Neben geeigneten Standortbedingungen tragen insbesondere sinkende Modulpreise zur Attraktivität bei. Doch gerade die enge Einbindung in den mitteleuropäischen Strommarkt führt dazu, dass hohe PV-Einspeisung insbesondere in den Sommermonaten regelmäßig mit niedrigen oder zeitweise negativen Strompreisen einhergeht.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Kombination aus Photovoltaik und Batteriespeichern erheblich an Bedeutung, denn sie erlaubt:
• Zeitliche Verschiebung von Einspeisung
• Optimierung von Marktpreisen (Arbitrage)
• Erschließung zusätzlicher Erlösströme (z. B. Regelenergie)
• Reduktion von Preis- und Volatilitätsrisiken
Speicher sind damit nicht nur eine technische Ergänzung, sondern ein integraler Bestandteil des Geschäftsmodells. Dies gilt sowohl für Co-Location-Konzepte als auch für eigenständige Speicherlösungen.
Ein Teil der bestehenden PV-Kapazitäten stammt aus der Förderphase der Jahre 2008 und 2009 und umfasst rund zwei Gigawatt installierte Leistung. Diese Altanlagen sind jedoch häufig klein, technisch heterogen und netzseitig begrenzt aufrüstbar. Das Repowering-Potenzial ist daher strukturell eingeschränkt. Das zukünftige Wachstum dürfte deshalb primär aus neuen PV- und Speicherprojekten resultieren und weniger aus der Erneuerung bestehender Assets.
Investment-Fazit
Tschechien ist kein Standard-Volumenmarkt, bietet aber ein klar differenziertes Investmentprofil mit mehreren strukturellen Treibern:
• zentrale Lage in einem hoch integrierten Strommarkt
• überdurchschnittlicher Dekarbonisierungsbedarf
• Capex-orientierter Förderrahmen mit anschließender Marktexponierung
• steigende Relevanz von Speicherlösungen, insbesondere in Kombination mit Photovoltaik
Die Attraktivität resultiert also nicht aus einem einzelnen Faktor, sondern aus dem Zusammenspiel dieser Elemente. Für Investoren mit differenzierten europäischen Renewables-Strategien kann Tschechien daher eine attraktive Ergänzung zu größeren und stärker standardisierten Märkten darstellen.
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*) Matej Lednicky, Leiter Transaction Management Sustainable Infrastructure, KGAL
Gastbeitrag: Tschechien – Solar und Speicher werden den Renewables-Markt prägen
Matej Lednicky
