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Gastbeitrag: Europas Energieunabhängigkeit beginnt im Portfolio

Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen haben das Bewusstsein vieler Investoren für Versorgungssicherheit und Resilienz nochmals geschärft. Die Ereignisse im Nahen Osten und die damit verbundenen Engpässe bei fossilen Energieträgern verdeutlichen erneut die strukturelle Anfälligkeit traditioneller Energieversorgungssysteme. Sachwerte – insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien und nachhaltigen Infrastruktur – gewinnen daher weiter an Bedeutung. Gleichzeitig werden die Investment-Cases differenzierter. Trotz der engen Vernetzung sind die Unterschiede innerhalb Europas mehr als Details und verschiedene Klimazonen. Für Investoren birgt das die Möglichkeit, ein Renewables-Portfolio in mehreren Dimensionen zu diversifizieren. In dieser Serie werfen wir für die Leser(innen) von IPE DACH einen Blick auf vier relevante europäische Teilmärkte: Polen, Tschechien, Italien und Deutschland. In ersten Teil geht es um Polen und warum der Renewables-Markt dort immer wichtiger wird.

Andreas Ochsenkühn

Polen rückt als Markt für Erneuerbare Energien zunehmend in den Fokus institutioneller Investoren. Dafür sprechen einige wesentliche Faktoren: Polen ist das bevölkerungsreichste osteuropäische EU-Mitgliedsland und hat die mit Abstand größte Volkswirtschaft und den größten Strommarkt der Region. Gleichzeitig schafft ein erheblicher Nachholbedarf bei der Energiewende und der Dekarbonisierung der Stromversorgung ein Investitionsumfeld, das über Jahre hinweg Raum für den Ausbau regenerativer Erzeugung bieten dürfte.

Der polnische Strommarkt verbindet Merkmale, die für Renewables-Investments relevant und zum Teil vorteilhaft sind: eine weiterhin hohe Kohleabhängigkeit, steigenden Strombedarf, klare politische Ausbauziele, ein seit 2016 etabliertes Contract-for-Difference-System und überdurchschnittlich hohe Strompreise. Genau daraus entsteht ein Investment-Case, der sich von vielen westeuropäischen Märkten unterscheidet und sich deshalb zur Diversifizierung eignet.

Der polnische Energiemix wird weiterhin mehr als jeder andere in Europa von Kohle dominiert: 52% der Stromerzeugung entfielen 2025 auf Stein- und Braunkohle. Erneuerbare Energien kamen dagegen auf knapp 30%. Das ist deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren, zeigt aber auch, wie groß der verbleibende Umbau ist. Immerhin ergab sich im Juni 2025 erstmals die für Polen historische Situation, dass der Anteil der Erneuerbaren mit 44 Prozent zeitweise den der Kohle geringfügig übertraf. Das zeigt, dass die Richtung stimmt, aber der Weg noch lang ist. Für Investoren heißt das: Polen ist kein Markt am Ende einer Entwicklung, sondern einer, in dem der Ausbau erneuerbarer Energien erst langsam seine volle wirtschaftliche und systemische Bedeutung entfaltet.

Dieser Umbau erhält zusätzlichen Rückenwind durch eine steigende Stromnachfrage. Treiber sind Elektrifizierung, Wärmepumpen, Elektromobilität und digitale Infrastruktur wie etwa Rechenzentren. Das verändert die Aufgabe des Energiesystems grundlegend: Es geht nicht mehr nur darum, Kohlekapazitäten zu ersetzen, sondern zugleich ein wachsendes, stärker elektrifiziertes Wirtschaftssystem zu versorgen. Für institutionelle Investoren erhöht das die Relevanz skalierbarer und finanzierbarer Projekte in Erzeugung und Flexibilität.

Die politische Zielsetzung ist ambitioniert. Der aktualisierte nationale Energie- und Klimaplan sieht einen Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch von 51-53% bis 2030 und von fast 80% bis 2040 vor. Um das zu erreichen, braucht es nicht nur zusätzliche Wind- und Solarparks, sondern auch netzstützende Technologien wie Batteriespeicher. Diese Kombination aus strukturellem Nachholbedarf und klarem Ausbaupfad macht Polen aus Investorensicht interessant: Der Markt ist groß genug, um relevant zu sein, und weit genug vom Ziel entfernt, um über Jahre hinweg ein hohes Investitionsvolumen aufzunehmen.

Ein wesentlicher Unterschied zu vielen anderen europäischen Märkten liegt in der Fördermechanik. Das polnische CfD-System hat sich seit seiner Einführung 2016 zum wichtigsten Instrument zur Senkung des Investitionsrisikos bei Wind- und Solarprojekten entwickelt. Seit den ersten CfD-geförderten Windprojekten im Jahr 2020 hat das System den Ausbau deutlich beschleunigt. Attraktiv ist dabei nicht nur die Laufzeit von 15 Jahren und die Inflationsindexierung, sondern auch die Flexibilität des Modells. Für institutionelle Investoren ist entscheidend, dass staatliche Absicherung und kommerzielle Vermarktung nicht im Widerspruch stehen, sondern sich je nach Projektstruktur sinnvoll kombinieren lassen.

Für institutionelle Investoren ist das deshalb relevant, weil hier nicht nur staatliche Absicherung, sondern auch kommerzielle Optimierung zusammenkommen und sich somit unterschiedliche Erlösprofile darstellen lassen: stärker abgesichert über CfD, stärker marktnah über PPA oder als Kombination beider Instrumente. In Verbindung mit im europäischen Vergleich hohen Strompreisen entsteht ein Markt, in dem sich Risikoabsicherung und Renditepotenzial in einer für institutionelle Investoren interessanten Weise verbinden.

Der Markt differenziert sich auch technologisch aus. Photovoltaik hat zuletzt stark zugelegt; die Solarstromerzeugung hat sich seit 2021 mehr als verdoppelt. Bei den CfD-Auktionen im Juli 2025 dominierte Photovoltaik mit 126 von 129 bezuschlagten Geboten und mehr als 1,67 Gigawatt Kapazität. Das ist auch deshalb plausibel, weil PV-Projekte in der Regel kürzere Entwicklungszeiten und einfachere Realisierungspfade aufweisen. Dennoch spricht aus Renditesicht nicht alles für die Sonne. Windenergie kann trotz höherer Komplexität die überlegene Wirtschaftlichkeit bieten. Eine frühere Abstandsregel hatte den Onshore-Windmarkt massiv ausgebremst; eine 2023 erfolgte signifikante Lockerung wird sich wegen langer Entwicklungszyklen aber erst verzögert in neuen Projekten niederschlagen. Gerade daraus kann für Investoren eine interessante Konstellation entstehen: Photovoltaik bleibt kurzfristig dominant, Wind könnte mittelfristig wieder an Bedeutung gewinnen und dabei höhere Margen ermöglichen.

Immer wichtiger wird daneben der Speichermarkt. Polen hat für Batteriespeicher (BESS) bereits ein klares Signal gesetzt: Rund eine Milliarde Euro an öffentlichen Fördermitteln für 172 Projekte mit zusammen rund 3,9 Gigawatt wurden bereitgestellt; die Zuschüsse decken bis zu 45% der Investitionskosten. Die Nachfrage überstieg das verfügbare Budget um fast das Siebenfache. Bis 2030 strebt Polen mehr als acht Gigawatt installierte Speicherleistung an. Damit wird BESS von einer Ergänzung zu einem eigenständigen Marktsegment. Das ist gerade für institutionelle Investoren relevant, weil Speicher nicht nur Redispatch und Netzengpässe verringern, sondern auch mehrere Erlösquellen erschließen: Kapazitätszahlungen, Zusatzdienstleistungen und Energiearbitrage. In Verbindung mit Wind- und Solarparks dürften solche Hybridmodelle besonders widerstandsfähig sein.

Polen ist und bleibt kein vollständig risikofreier Markt. Die Energiepolitik ist in Bewegung, regulatorische Änderungen bleiben möglich, und Investitionen sowie Renditen sind in Złoty denominiert. Genau da liegt auch die strategische Relevanz für institutionelle Investoren: Polen ist kein ausgereifter Standardmarkt mit wenig upside, sondern ein Markt, in dem Regulierung, Marktpreisniveau, Vermarktungsmodelle und Technologieauswahl noch echte Differenzierung ermöglichen. Polen bietet nicht nur Wachstum, sondern eine andere Art von Wachstum. Wer Renewables heute nicht mehr nur als Quote, sondern als eigenständigen Baustein resilienter Infrastrukturportfolios versteht und ein attraktives Chance-Risiko-Profil sucht, kommt an Polen kaum vorbei.

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*) Andreas Ochsenkühn, Leiter Portfoliomanagement Sustainable Infrastructure bei KGAL