Damit entwickelt sich Italien zu einem der spannendsten Wachstumsmärkte für erneuerbare Energien in Europa. Für Investoren, die den Markt verstehen und über belastbare lokale Netzwerke verfügen, eröffnen sich attraktive Möglichkeiten. Denn Italiens Solarmarkt wächst weiter mit hohem Tempo. Nach einem Zubau von 6,8 GWp im Jahr 2024 kamen 2025 weitere 6,4 GWp hinzu. Die kumulierte installierte PV-Kapazität Italiens erreichte Ende Dezember 2025 nach Angaben des italienischen Übertragungsnetzbetreibers Terna 43,5 GW. Zugleich deckten erneuerbare Energien bereits zum zweiten Mal in Folge mehr als 40% des italienischen Stromverbrauchs – ein Rekordwert.
Das Ziel ist noch ehrgeiziger. Der aktualisierte Nationale Energie- und Klimaplan (NECP) Italiens strebt bis 2030 einen Anteil erneuerbarer Energien von rund 69% im Stromsektor an, was einer Gesamtleistung von 131 GW entspricht. Italien muss das jährliche Ausbautempo bei erneuerbaren Energien im Vergleich zu den letzten zwei Jahrzehnten vervierfachen, um dieses Ziel zu erreichen. Das regulatorische Regelwerk zur Unterstützung dieser Beschleunigung ist jetzt vorhanden.
Drei Reformen, die die Wirtschaftlichkeit verändern
Drei regulatorische Initiativen definieren das aktuelle Chancenspektrum. Das FER-X-Dekret schafft einen neuen nationalen Förderrahmen für Solar-, Wind-, Wasser- und Biogasprojekte über 1 MW und bietet Differenzverträge (Contracts for Difference, CfDs), die für 20 Jahre feste Preise mit Inflationsabsicherung garantieren. Bei der ersten Interim FER-X-Auktion im September 2025 wurden CfDs für Solarprojekte mit einer Gesamtleistung von knapp 9 GWp vergeben — ein deutliches Signal sowohl für die Reichweite des Programms als auch für die Tiefe des Marktinteresses. KGAL hat sich mit zwei Solarprojekten beteiligt, angezogen von der Ertragsgewissheit, die CfDs bieten, und der langfristigen Cashflow-Planbarkeit, die sie institutionellen Investoren ermöglichen. Von Seiten der EU ist auch das Volumen für die folgenden FER-X Auktionen genehmigt worden. Parallel wird bereits das Nachfolgesystem FER-Z aufgesetzt vorbereitet, welches eine deutliche Weiterentwicklung der Förderlandschaft mit sich bringen wird.
Das Programm „Energy Release 2.0“ verfolgt einen anderen, aber ergänzenden Ansatz. Es wurde entwickelt, um energieintensive Industrieunternehmen zu unterstützen, indem es ihnen ermöglicht, 36 Monate lang Strom zu einem festen, reduzierten Preis zu beziehen - im Gegenzug für die Verpflichtung, neue erneuerbare Kapazitäten zu errichten oder zu fördern. Dies verknüpft die industrielle Dekarbonisierung direkt mit der Entwicklung neuer Projekte, erweitert den Pool kreditwürdiger Stromkäufer und stärkt den PPA-Markt neben staatlichen Mechanismen.
Die dritte Initiative, die TIDE-Reform, führt 15-Minuten-Abrechnungsintervalle im italienischen Intraday-Markt ein und gleicht ihn damit an andere europäische Märkte an. Dies erhöht die Flexibilität, verbessert die Integration erneuerbarer Energien und eröffnet zusätzliche Erlösmöglichkeiten für Speicher- und Hybriderzeugungssysteme.
Wie Italiens Nord-Süd-Gefälle eine Investmentchance schafft
Kein Aspekt der Energiewende Italiens ist für Investoren derzeit folgenreicher als Batteriespeicher. Die strukturelle Herausforderung ist klar: Der Großteil der erneuerbaren Stromerzeugung Italiens konzentriert sich auf den Süden, während die industrielle Stromnachfrage im Norden am höchsten ist. Diese geografische Diskrepanz erzeugt anhaltende Übertragungsengpässe, und mit dem weiteren Ausbau variabler erneuerbarer Kapazitäten wird die Herausforderung, Angebot und Nachfrage in Echtzeit auszugleichen, zunehmen. In den letzten Jahren konnten bereits erste Dispatchments aufgrund eines Überangebots während des Tages beobachtet werden. Elektrische Großspeicher sind das unverzichtbare Gegengewicht.
Der nationale Übertragungsnetzbetreiber Terna schätzt, dass bis 2030 eine Speicherkapazität von 71 GWh benötigt wird, um Systemstabilität und Flexibilität zu gewährleisten. Um dieses Kapital zu mobilisieren, hat Italien MACSE eingeführt, den Meccanismo di Approvvigionamento di Capacità di Stoccaggio Elettrico, einen Kapazitätsbeschaffungsmechanismus, der im Rahmen von Ausschreibungen 15-jährige Festzahlungsverträge an Batteriespeicheranbieter vergibt. Die Struktur ist analog zu einem langfristigen Gestattungsvertrag: Der Vertrag bietet stabile, vorhersehbare Einnahmen für die Vertragslaufzeit als Gegenleistung für den Bau und Betrieb des Speicherprojekts.
Die erste MACSE-Auktion im Herbst 2025 war dramatisch überzeichnet: die Gebote überstiegen die verfügbare Kapazität um mehr als das Vierfache, und 10 GWh wurden an Projekte vergeben, die voraussichtlich bis 2028 in Betrieb genommen werden. Dieses Ausmaß an Wettbewerbsintensität unterstreicht, wie schnell der Speichermarkt reift. Sinkende Lithium-Ionen-Akkupreise - seit 2020 deutlich gefallen - haben die Wirtschaftlichkeit von Großspeichern grundlegend verändert. In Italien wuchs die installierte Batteriekapazität im Versorgungsmaßstab von 222 MW im Jahr 2023 auf 851 MW im Jahr 2024, während die gesamte Energiekapazität von 507 MWh auf 3.359 MWh anstieg.
Italien ist neben Deutschland einer der attraktivsten und dynamischsten Speichermärkte in Europa. MACSE bietet eine vorhersehbare, risikoarme Ertragsbasis, die die frühe Entwicklungsphase für institutionelle Investoren deutlich attraktiver macht — insbesondere für jene, die früh einsteigen und auf der Stufe „Ready-to-Build“ realisieren können. Aber auch alternative Vergütungsstrukturen entwickeln sich dynamisch weiter, z.B. der Kapazitätsmarkt oder die zunehmende Verfügbarkeit von privatwirtschaftlichen Tolling-Agreements.
Italiens Energiewende beschleunigt sich in eine entscheidende Phase. Der politische Rahmen ist kohärent, das Speichermandat ist finanziert und ausgeschrieben, und der Unternehmensmarkt für Stromabnahme vertieft sich. Für institutionelle Investoren mit langem Anlagehorizont stellt sich weniger die Frage, ob Italien in ein europäisches Portfolio für erneuerbare Energien gehört, sondern wie man effektiv Zugang erhält. Wie der aus Sizilien stammende italienische Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa schrieb: „Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.“ (Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.) Italiens Energiesektor verändert sich. Die Renditen werden denjenigen zufallen, die sowohl den Ehrgeiz als auch die Komplexität dieser Transformation verstehen.
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*) Patrick Villmann, Transaction Manager Sustainable Infrastructure, KGAL
Gastbeitrag: Italiens Markt für erneuerbare Energien mit neuer Dynamik
Patrick Villmann
