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„Die Stiftungsverantwortlichen sind keine Finanzprofis, sondern Profis in ihrem Stiftungsbereich und Stiftungszweck“

Wenn man mit Stiftungen über Kapitalanlage spricht, fällt häufig ein Spannungsfeld auf: Auf der einen Seite der Wunsch nach Sicherheit und Stabilität, auf der anderen Seite die Realität der Kapitalmärkte mit Zinswende, Inflation und neuen Anlageklassen. Viele Stiftungsvorstände stehen vor der Herausforderung, langfristig Vermögen zu erhalten und gleichzeitig ausreichend Erträge für den Stiftungszweck zu erwirtschaften. Dabei geht es nicht nur um Produkte, sondern um Struktur, Governance und Entscheidungsprozesse. Ein Gespräch über Anlagerichtlinien, Business Judgement Rule, Private Debt, Infrastruktur und die oft unterschätzte Rolle der Finanzpsychologie bei Stiftungsentscheidungen. Markus Hill sprach für IPE D.A.CH darüber mit J. Paulo M. dos Santos vom VIRIATO Family Office im Vorfeld des Veranstaltungsformats Smart Exellence Forum (Impact Investing & Private Markets).

Markus Hill (unten) im Gespräch mit J. Paulo M. dos Santos

IPE D.A.CH: VIRIATO Family Office – ein Name, den man mit der Betreuung von Stiftungsvermögen verbindet. Wie würden Sie in einem Satz beschreiben, was Ihre Mandanten bei Ihnen suchen, das sie bei einer klassischen Bank nicht finden?
Dos Santos: Wir haben keine eigenen Produkte und verstehen uns erstens als Sparringspartner mit viel Erfahrung im Kapitalmarkt neben unseren klassischen Dienstleistungen wie Reporting, Analyse und Controlling – und zweitens als Partner, der Stiftungen wirklich versteht.

IPE D.A.CH: Das klingt nach einem Vertrauensversprechen. Was eint Ihre Mandanten, wenn es um die Anlagerichtlinie geht? Und wo liegen die größten Fehler, die Stiftungen bei deren Gestaltung machen?
Dos Santos: Wir stellen zwei Typen von Anlagerichtlinien fest. Zum einen sind es Richtlinien, die zu eng gefasst sind. Ein Beispiel: Wir haben eine Anlagerichtlinie einer Stiftung auf dem Tisch bekommen, die nur Anleihen, Cash und ETFs kannte – und die ETFs waren auf 15% beschränkt. Damit steigt das Risiko der Stiftung erheblich, da sie quasi dem Anleihenmarkt ausgeliefert ist. Auf der anderen Seite finden wir Anlagerichtlinien, die einfach zu komplex sind: Sie inkludieren alles Mögliche, aber ohne erkennbare Strategie. Hier wird gerne kopiert – von anderen Stiftungen oder von Banken. Da kommt es dann vor, dass sich Punkte gegenseitig aufheben oder im Widerspruch stehen. Hinzu kommt: Die Stiftungsverantwortlichen sind keine Finanzprofis, sondern Profis in ihrem Stiftungsbereich und Stiftungszweck. Sie blicken dann selbst nicht mehr durch, was ihre eigene Richtlinie eigentlich vorschreibt.
Praxisbeispiel: Eine Stiftung mit 40 Mio. Euro Vermögen hatte nach fünf Jahren nur noch 32 Mio. Euro – ein Verlust von 8 Mio. Euro (20%). Nicht durch schlechte Aktien, nicht durch Skandale. Sondern durch eine Anlagerichtlinie, die nur Anleihen kannte, kombiniert mit zu langen Laufzeiten. Als die Zinsen stiegen, fielen die Kurse. Die Stiftung saß fest: niedrige Kupons, niedrige Kurswerte, lange Laufzeiten.

IPE D.A.CH: Das führt direkt zur Business Judgement Rule – ein Begriff, der im Stiftungsrecht zunehmend diskutiert wird. Was bedeutet sie konkret für einen Stiftungsvorstand, der kein Finanzprofi ist?
Dos Santos: Die Business Judgement Rule ist im Grunde ein Schutzmechanismus für jeden Stiftungsverantwortlichen. Wenn er sich daran hält – nach bestem Wissen und Gewissen, auf Grundlage angemessener Informationen, zum Wohle der Stiftung, ohne Eigeninteresse –, dann ist er auf der sicheren Seite. Und am besten: Er arbeitet mit Profis zusammen.

IPE D.A.CH: Sie erwähnen, dass die Business Judgement Rule externe Expertise nahelegt. Kommen wir zur Kapitalanlage: Stiftungen setzten traditionell auf Anleihen und Dividendenaktien. Warum jetzt Private Debt und Infrastruktur – und was unterscheidet diese beiden Assetklassen?
Dos Santos: Man unterscheidet zwischen klassischen Anlageklassen – Aktien, Anleihen, Immobilien – und den Alternativen Investments. Für uns ist die entscheidende Unterscheidung: gelistet versus nicht gelistet. Wir bewegen uns sehr gerne im Bereich Immobilien und Infrastruktur. Diese lassen sich aufteilen in direkte Beteiligungen – also die Partizipation am Gewinn, wie Eigenkapital – und die indirekte Beteiligung über Private Debt. Private Debt ist im Grunde nichts anderes als eine nicht gelistete Anleihe. Auch hier gibt es verschiedene Ausgestaltungen. Wir führen stets die Verhandlungen für die Stiftungen mit den jeweiligen Anbietern – immer mit Blick auf die für die Stiftung geeignete Form der Anlage.

IPE D.A.CH: Ein häufiger Einwand: Illiquidität, Komplexität, Mindestvolumina. Wie begegnen Sie dem, wenn ein skeptischer Stiftungsvorstand sagt: Das verstehe ich nicht, das machen wir nicht?
Dos Santos: Ein sehr guter Einwand. Deshalb ist es wichtig, Schutzmechanismen und Sicherheiten zu hinterlegen – und das ist der große Vorteil gegenüber üblichen Anleihen. Beim Private Debt verhandeln wir direkt und verlangen Sicherheiten für das Investment. Das kann die Besicherung durch konkrete Anlagen oder Projekte sein – in vielen Fällen sogar ergänzt durch Bürgschaften. Die vermeintlich riskantere Alternativanlage ist in mancher Hinsicht sicherer als die klassische – denn sie kommt mit konkreten Sicherheiten.

IPE D.A.CH: Was bewegt Stiftungen gerade wirklich – abseits der Anlagerichtlinie? Zinswende, Inflation, Krisen – wo spüren Sie den größten Druck bei Ihren Mandanten?
Dos Santos: Es ist ein Zusammenspiel aus Unsicherheiten und der Angst, Fehler zu machen. Um ein zukunftsfähiges Stiftungsportfolio zu konstruieren, braucht es eine klare und verständliche Anlagerichtlinie. Dann muss die Business Judgement Rule konsequent umgesetzt werden: Wenn ich unsicher bin, muss ich mir professionellen und unabhängigen Rat suchen. Nicht alles kaufen, nur weil ein großer Name dahintersteht. Und über allem steht die eigene Finanzpsychologie.

IPE D.A.CH: Finanzpsychologie bei Stiftungsverantwortlichen – das hört man selten. Was meinen Sie damit genau?
Dos Santos: Eine Stiftung ist auf Unendlichkeit angelegt. Wir Menschen denken aber nur in wenigen Jahren. Das ist ein fundamentaler Widerspruch. Wir haben daher unseren KYC-Fragebogen so umgestaltet, dass man sehr gut erkennen kann, wo Unterschiede zwischen der Stiftung und den Stiftungsverantwortlichen liegen. Unser Tool zeigt zudem, welcher Typ Finanzmensch man ist und welche Auswirkungen das auf die tägliche Arbeit mit den Stiftungsfinanzen haben kann.

IPE D.A.CH: Wenn Sie einem Stiftungsvorstand, der gerade neu in sein Amt kommt, drei Dinge mitgeben könnten – was wären das?
Dos Santos: Erstens: Keine Angst vor Entscheidungen und Veränderungen haben. Zweitens: Die Business Judgement Rule kennen und leben. Drittens: Einfacher wird alles mit uns an Ihrer Seite.

IPE D.A.CH: Vielen Dank für diese Gedanken, gerne vertiefen wir diese Themen noch bei unserem Fireside Chat am 17.3. in Frankfurt bei dem Veranstaltungsformat SMART EXECELLENCE FORUM (Impact Investing & Private Markets). Ich freue mich auf ein Wiedersehen und auf viele gute Gespräch vor Ort.

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*) Markus Hill ist unabhängiger Asset Management Consultant in Frankfurt am Main. Kontakt: info@markus-hill.de; Website: www.markus-hill.de

J. Paulo M. dos Santos ist Geschäftsführer der VIRIATO GmbH (Family Office für Stiftungen): https://www.viriato-family-office.de/

Link: INFORMATION zu „Private Markets Execellence Forum“ (16.3. – 17.3.2026)