Der Index- und Datenanbieter MSCI baut seine Position im Markt für Klimarisikoanalysen weiter aus. Das Unternehmen übernimmt den US-Spezialisten First Street, einen führenden Anbieter von Daten und Analysen zu physischen Klimarisiken. Mit der Akquisition reagiert MSCI auf die wachsende Nachfrage institutioneller Investoren nach belastbaren Informationen über die finanziellen Auswirkungen von Extremwetterereignissen und klimabedingten Risiken auf Immobilien, Unternehmen und Anlageportfolios.
Der Kaufpreis beläuft sich zunächst auf 120 Mio. US-Dollar. Hinzu können erfolgsabhängige Zahlungen in den ersten beiden Jahren nach Abschluss der Transaktion kommen. Der Vollzug wird – vorbehaltlich regulatorischer Genehmigungen – für das dritte Quartal 2026 erwartet.
Physische Klimarisiken rücken in den Fokus
Während sich ESG-Analysen in den vergangenen Jahren häufig auf Transitionsrisiken wie CO2-Emissionen oder regulatorische Veränderungen konzentrierten, gewinnen physische Klimarisiken zunehmend an Bedeutung. Überschwemmungen, Waldbrände, Hitzewellen, Dürren oder Stürme können erhebliche Auswirkungen auf Immobilien, Infrastruktur, Lieferketten und Unternehmensstandorte haben – und damit unmittelbar auf Bewertungen und Investmententscheidungen.
Gerade für institutionelle Anleger wie Versicherungen, Pensionskassen, Versorgungswerke oder Immobilieninvestoren wird die Fähigkeit, solche Risiken quantitativ zu erfassen, zu einem wichtigen Bestandteil des Risikomanagements. Gleichzeitig verlangen Aufsichtsbehörden und Regulatoren immer detailliertere Angaben zur Klimarisikoexponierung von Portfolios.
Klimarisiken bis auf Gebäudeebene analysieren
Mit First Street erweitert MSCI seine bisherigen Klima- und Geodatenlösungen um hochauflösende Analysen auf Objektebene. Das Unternehmen modelliert physische Klimarisiken für mehr als zwei Milliarden Gebäude weltweit und bewertet unter anderem Überschwemmungs-, Sturm-, Hitze- und Waldbrandrisiken. Die Modelle berücksichtigen sowohl aktuelle Gefährdungen als auch langfristige Klimaszenarien und leiten daraus potenzielle finanzielle Auswirkungen wie Gebäudeschäden oder Betriebsunterbrechungen ab.
Die Daten sollen künftig in die bestehenden Analyseplattformen von MSCI integriert werden. Dadurch erhalten institutionelle Investoren die Möglichkeit, physische Klimarisiken unmittelbar in Portfolioanalysen, Asset Allocation, Kreditentscheidungen oder Immobilienbewertungen einzubeziehen.
Klimarisiken werden zum finanziellen Faktor
Nach Angaben von First Street ist die Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen nach extremen Wetterereignissen Gewinnwarnungen veröffentlichen müssen, in den vergangenen zwanzig Jahren um mehr als das 6,5-Fache gestiegen. Diese Entwicklung verdeutlicht, dass physische Klimarisiken längst nicht mehr ausschließlich Nachhaltigkeitsthemen sind, sondern zunehmend finanzielle Auswirkungen auf Unternehmen und Investoren entfalten.
Hinzu kommen geopolitische Spannungen und Lieferkettenunterbrechungen, die den Standort von Produktionsstätten, Logistikzentren oder kritischer Infrastruktur stärker in den Mittelpunkt rücken.
Richard Mattison, Leiter Nachhaltigkeit und Klima bei MSCI, erklärt: „Die finanziellen Auswirkungen des Standorts von Vermögenswerten sind aufgrund der jüngsten geopolitischen Turbulenzen, der Störungen in den Lieferketten und der zunehmenden Auswirkungen von Klimagefahren stark in den Fokus gerückt.“ Investoren, Kreditgeber und Versicherer benötigten deshalb zunehmend „tiefergehende und umsetzbare Analysen der physischen Risiken“, um fundierte finanzielle Entscheidungen treffen zu können.
Von der Offenlegung zur Investmententscheidung
Auch First Street sieht den Markt an einem Wendepunkt. Gründer und CEO Matthew Eby betont, dass Klimarisiken künftig nicht mehr lediglich Bestandteil regulatorischer Offenlegungspflichten sein sollten.
„Durch den Zusammenschluss mit MSCI stellen wir unsere auf Objektebene basierende Wissenschaft den weltweit führenden Investoren, Kreditgebern und Versicherern zur Verfügung und machen das Klimarisiko von einer reinen Offenlegungspflicht zu einem täglichen Input für die Preisgestaltung und Allokation von Kapital.“
Wachsende Bedeutung für institutionelle Anleger
Die Übernahme passt in einen breiteren Trend. Immer mehr institutionelle Investoren integrieren standortbezogene Klimarisiken in ihre Investmentprozesse – insbesondere bei Immobilien, Infrastruktur, Private Markets und Kreditportfolios. Auch Zentralbanken und Aufsichtsbehörden nutzen inzwischen entsprechende Datensätze, um die Widerstandsfähigkeit von Finanzsystemen gegenüber klimabedingten Risiken besser beurteilen zu können. Nach Angaben von MSCI setzen bereits große europäische Zentralbanken auf entsprechende Klimadaten, um Risiken in ihren Kreditportfolios zu identifizieren.
Für MSCI bedeutet die Übernahme einen weiteren Schritt vom klassischen Indexanbieter hin zu einer umfassenden Daten- und Analyseplattform für institutionelle Investoren. Für Asset Owner und Asset Manager wiederum dürfte die Fähigkeit, physische Klimarisiken präzise zu quantifizieren und in finanzielle Entscheidungen einzubeziehen, künftig zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor werden.
MSCI übernimmt First Street und stärkt Kompetenz bei physischen Klimarisiken
