IPE D.A.CH: Nachhaltige Fonds und ETFs sind für institutionelle Investoren heute Standard. Wo sehen Sie die zentrale strukturelle Schwäche?
Demmel: Die Vielzahl an ESG-Fonds, nachhaltigen ETFs und Zertifikaten vermittelt den Eindruck eines reifen und differenzierten Marktes. Tatsächlich zeigt sich jedoch unter der Oberfläche ein strukturelles Problem: Trotz komplexer Ausschlussregeln entwickeln sich viele dieser Produkte in ihrer Zusammensetzung wieder ähnlich wie der globale Aktienmarkt.
Mazanec: Für institutionelle Investoren bedeutet das, dass nachhaltige Fonds und ETFs häufig keine klar unterscheidbare Allokation bieten – trotz höherer Kosten und zusätzlicher regulatorischer Komplexität.
IPE D.A.CH: Sie sprechen im Originaltext von einer „großen ESG-Konvergenz“. Wie zeigt sich diese gerade bei Fonds und ETFs?
Demmel: Zahlreiche nachhaltige Fonds und ETFs arbeiten mit unterschiedlichen ESG-Filtern, Ratings und Ausschlusskriterien. Für Anleger entsteht dadurch der Eindruck großer Vielfalt. In der Praxis führen diese unterschiedlichen Kriterien jedoch häufig zu sehr ähnlichen Portfolios.
Mazanec: Folgendes Beispiel macht es deutlich: Fonds A schließt Unternehmen X aus, investiert aber in Y. Fonds B schließt Y aus, investiert aber in X. Wer beide Produkte hält – etwa über verschiedene ETFs oder Mandate – hält am Ende beide Unternehmen. Skaliert über Branchen und Regionen entsteht so eine systemische Annäherung an den globalen Aktienmarkt.
IPE D.A.CH: Welche Konsequenzen hat diese Konvergenz für institutionelle Anleger mit großen ETF-Allokationen?
Demmel: Gerade institutionelle Investoren nutzen nachhaltige ETFs häufig zur kosteneffizienten, breit diversifizierten Allokation. Wenn sich diese ETFs jedoch strukturell kaum vom globalen Markt unterscheiden, wird die tatsächliche nachhaltige Wirkung begrenzt.
Mazanec: Das Ergebnis ist oft weniger Impact, als die Produktdarstellung nahelegt. Für Asset Owner entsteht damit eine Diskrepanz zwischen dokumentierter Nachhaltigkeit und realer Wirkung – ein Thema, das zunehmend auch regulatorisch relevant wird.
IPE D.A.CH: Stichwort Regulierung: Wie verändern SFDR, EU-Taxonomie und CSRD den Blick auf nachhaltige Fonds und ETFs?
Demmel: Die regulatorischen Vorgaben in Europa verlangen zunehmend nachvollziehbare Daten, transparente Methodiken und überprüfbare Nachhaltigkeitskriterien. Insbesondere bei standardisierten Produkten wie ETFs geraten ESG-Modelle unter Druck, die stark auf Selbstauskünften oder schwer vergleichbaren Ratings beruhen.
Mazanec: Regulierungsbehörden erwarten künftig wissenschaftlich hergeleitete Wirkungskonzepte, konsistente Filterkriterien und transparente Datenquellen. Für institutionelle Investoren bedeutet das: Nachhaltige Fonds und ETFs müssen erklärbar sein – nicht nur klassifizierbar.
IPE D.A.CH: Im Text wird ein quantitativer Ansatz als mögliche Weiterentwicklung beschrieben. Warum könnte dieser gerade für institutionelle Investoren relevant sein?
Demmel: Der beschriebene Ansatz setzt auf datenbasierte Prognosemodelle, wie sie etwa von Quantic Financial Solutions entwickelt werden. Der „Deep Data Analyst“ analysiert Finanz- und Unternehmensdaten von Millionen Firmen, um Aussagen über wirtschaftliche Stabilität abzuleiten.
Mazanec: Die zentrale Frage ist, ob sich ein solcher transparenter, quantitativer Ansatz auch auf Nachhaltigkeits- und Wirkungsparameter übertragen lässt – und damit eine Alternative zu klassischen ESG-Scores für Fonds und ETFs bieten kann.
IPE D.A.CH: Wie könnte ein nachhaltiger Fonds oder ETF aussehen, der sich tatsächlich vom globalen Markt unterscheidet?
Demmel: Der Text skizziert konzeptionell einen möglichen neuen Produkttyp, der auf drei Säulen basiert: finanzielle Zukunftsfähigkeit, quantifizierte reale Wirkung und ein kohärentes Regelwerk ohne widersprüchliche Ausschlusslogiken.
Mazanec: Ein solcher Fonds oder ETF könnte Portfolios hervorbringen, die sich sichtbar vom globalen Aktienmarkt unterscheiden. Ob und wie solche Produkte entstehen, hängt jedoch von regulatorischen Vorgaben, Datenqualität und praktischer Validierbarkeit ab. Der Ansatz beschreibt einen konzeptionellen Rahmen – kein bestehendes Produkt.
IPE D.A.CH: Was bedeutet diese Entwicklung für die Rolle nachhaltiger ETFs in institutionellen Portfolios?
Demmel: Die nachhaltige Investmentlandschaft befindet sich im Übergang: von Ausschlüssen zu Wirkungsmessung, von statischen Ratings zu zukunftsorientierten Analysen, von heterogenen Standards zu wissenschaftlich fundierten Kriterien. Für institutionelle Investoren stellt sich zunehmend die Frage, ob nachhaltige ETFs künftig nur ein regulatorisches Instrument bleiben – oder zu einem tatsächlichen Träger messbarer Wirkung werden.
IPE D.A.CH: Besten Dank für diese Einblicke.
Die grüne Illusion – Warum nachhaltige Fonds und ETFs für institutionelle Investoren neu gedacht werden müssen
Dr. Roland Demmel
Sonja Mazanec
