IPE D.A.CH: Herr Hasenböhler, wie hat sich Reichmuth Infrastructure entwickelt und welche Rolle spielt der Transportbereich heute?
Hasenböhler: Wir sind seit 2012 als Direktinvestor im Infrastrukturmarkt aktiv und verwalten heute rund 2,2 Mrd. Euro. Transport ist seit Beginn an einer unserer Schwerpunkte und bildet ein Rückgrat unserer Aktivitäten. Daneben investieren wir seit mehr als zehn Jahren in Energie und auch in die Kreislaufwirtschaft. Im Transportbereich haben wir früh damit begonnen, Güterwagen zu erwerben und langfristig zu vermieten. Dahinter steht ein klassischer Infrastrukturgedanke: werthaltige Anlagen mit langfristigen Verträgen und möglichst stabilen Erträgen zu verbinden. Auf dieser Erfahrung bauen wir heute mit einem breiteren Zugang zu unterschiedlichen Transportsegmenten auf, nicht zuletzt auch durch unseren dedizierten Mobility-Fonds.
IPE D.A.CH: Warum rückt Transportinfrastruktur gerade jetzt stärker in den Fokus?
Hasenböhler: Mehrere Entwicklungen kommen zusammen. Bestehende Infrastruktur ist vielerorts überaltert, gleichzeitig verändern Urbanisierung und neue Anforderungen an die Logistik die Nachfrage. Hinzu kommen die Dekarbonisierung und mit ihr das Ziel, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen. Das schafft einen langfristigen Erneuerungs- und Investitionsbedarf. Öffentliche Haushalte können diesen Bedarf nicht allein finanzieren. Für privates Kapital entstehen dadurch Möglichkeiten, Fahrzeuge, Ausrüstung und Dienstleistungen zu finanzieren. Unser Ausgangspunkt ist dabei die natürliche Nachfrage im Transport. Wir wollen verstehen, welche Leistung gebraucht wird und wie sich daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell mit langfristigen Verträgen entwickeln lässt.
IPE D.A.CH: Sie konzentrieren sich auf den unteren Mid-Market. Was macht dieses Segment attraktiv?
Hasenböhler: Wir bewegen uns bei direkten Investments typischerweise in einer Ticketgröße von etwa 50 bis 100 Millionen Euro. Damit sind wir häufig unterhalb der Größenordnung unterwegs, in der die großen, stark umkämpften Auktionen stattfinden. Das ermöglicht uns einen direkteren Zugang zu Eigentümern und Managementteams. In bilateralen Gesprächen lassen sich zudem Strukturen entwickeln, die den Bedürfnissen beider Seiten entsprechen. Der Vorteil liegt also sowohl im potenziell geringeren Bieterwettbewerb als auch in den Gestaltungsmöglichkeiten. Voraussetzung ist allerdings, dass man die Anlagen und ihre Märkte sehr genau versteht. Gerade bei langlebigen Transport-Assets reicht eine rein finanzielle Betrachtung nicht aus.
IPE D.A.CH: Welche der vier Teilbereiche Schiene, Straße, Schifffahrt und Luftfahrt bieten aus Ihrer Sicht besonders interessante Chancen?
Hasenböhler: Die Schiene bleibt für uns ein besonders wichtiges Feld. Wenn mehr Güter von der Straße auf die Schiene verlagert werden sollen, braucht es entsprechende Kapazitäten und verlässliche Dienstleistungen. Dazu kommt ein erheblicher Ersatzbedarf im bestehenden Fahrzeugbestand. Die Möglichkeiten reichen von Güterwagen und Lokomotiven über Logistik bis zur Instandhaltung. Auch in der Luftfahrt sehen wir interessante Nischen, beispielsweise bei Triebwerken und Hubschraubern für essenzielle Aufgaben. Entscheidend ist für uns aber immer das einzelne Investment: Welche Nachfrage steht dahinter, wie sind die Verträge ausgestaltet und welche Risiken übernehmen wir?
IPE D.A.CH: Können Sie den Ansatz auf der Schiene an einem konkreten Beispiel erläutern?
Hasenböhler: Ein Beispiel ist die TRI Group, die Ersatz-, Sonder- und Verstärkerverkehre im deutschen Schienenpersonennahverkehr anbietet. Sie verfügt über eine Flotte von rund 200 Schienenfahrzeugen und unterstützt öffentliche Auftraggeber sowie Eisenbahnverkehrsunternehmen unter anderem in Bau- und Sanierungsphasen. Wenn das Netz modernisiert wird oder Fahrzeuge ausfallen, muss der Verkehr trotzdem weiterlaufen. Hier wird zusätzliche Flexibilität benötigt. Für uns zeigt das, dass sich Investitionsmöglichkeiten nicht nur aus dem Ausbau des Verkehrs ergeben, sondern auch aus dem Bedarf, den bestehenden Betrieb während der Modernisierung aufrechtzuerhalten.
IPE D.A.CH: Auch die Instandhaltung selbst ist ein Investitionsfeld für Sie. Was ist daran interessant?
Hasenböhler: Wir sind an einem Unternehmen beteiligt, das auf die Schieneninstandhaltung in Europa spezialisiert ist. Dabei kommen unter anderem Gleisfräsmaschinen zum Einsatz. Durch die Bearbeitung beschädigter Schienen lässt sich deren Nutzungsdauer verlängern. Das reduziert den Bedarf, Material vollständig zu ersetzen, und verbindet einen wirtschaftlichen Nutzen mit einem Beitrag zur Ressourcenschonung. Zugleich braucht es dafür spezialisierte und kapitalintensive Ausrüstung. In Europa gibt es nur wenige dieser Maschinen und unsere Gesellschaft besitzt rund ein Drittel davon. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Modernisierungsbedarf, technische Expertise und eine konkrete Dienstleistung zusammenkommen.
IPE D.A.CH: Bei Flugzeugtriebwerken und Hubschraubern denkt man nicht unmittelbar an Infrastruktur. Was ist für Sie das entscheidende Kriterium?
Hasenböhler: Entscheidend sind die Investitionscharakteristika. Wir fragen, ob essenzielle Leistungen erbracht werden, kapitalintensive Assets erforderlich sind, hohe Eintrittsbarrieren bestehen und die Einnahmen über längerfristige, indexierte Verträge planbar sind. Bei Triebwerken investieren wir in Anlagen, die an Fluggesellschaften vermietet werden. Begrenzte Verfügbarkeit und Wartungskapazitäten können den Bedarf an Ersatztriebwerken stützen. Bei Hubschraubern geht es beispielsweise um Suche und Rettung, Brandbekämpfung oder kritische Logistik. Unsere Helikopter-Leasing-Plattform ist auf solche Aufgaben ausgerichtet. Das kann Infrastrukturmerkmale aufweisen, wenn belastbare Vertragsstrukturen und entsprechende Gegenparteien dahinterstehen. Der Sachwert der Anlagen ist dabei ein wichtiger Bestandteil unserer Überlegungen zur Absicherung der Investition.
IPE D.A.CH: Gerade bei langlebigen Anlagen stellt sich die Frage nach technologischem Wandel und Restwerten. Wie gehen Sie damit um?
Hasenböhler: Wir müssen beurteilen, ob ein Asset auch über einen langen Zeitraum gebraucht wird und wirtschaftlich eingesetzt werden kann. Das gilt für Triebwerke ebenso wie für Lokomotiven. Bei einer neuen reinen Diesellokomotive würde ich beispielsweise sehr genau auf die langfristige Einsatzfähigkeit und mögliche Restwertrisiken schauen. Gleichzeitig braucht es pragmatische Übergangslösungen. Wo Strecken noch nicht vollständig elektrifiziert sind, können Dual-Mode-Lokomotiven sinnvoll sein, die unterschiedliche Antriebsarten kombinieren. Unser Ansatz ist, auf bewährte Technik und nachvollziehbare Einsatzmöglichkeiten zu setzen. Technologischer Fortschritt ist wichtig, darf aber nicht dazu führen, dass wir eine langfristige Infrastrukturinvestition auf eine unausgereifte Technologie stützen.
IPE D.A.CH: Gibt es Bereiche, in denen Sie deshalb bewusst zurückhaltend sind?
Hasenböhler: Ja, beispielsweise bei Teilen der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge. Politischer Rückenwind allein macht noch kein Infrastrukturinvestment. Wenn die Einnahmen stark von einer erst aufzubauenden Auslastung abhängen und sich zugleich die Technologie schnell verändert, muss man sehr genau hinsehen. Wir prüfen bei jedem Investment, ob die Risiken zu unserem Ansatz passen. Ein attraktiver langfristiger Trend reicht nicht aus; das konkrete Asset muss auch die erforderlichen Merkmale bei Verträgen, Cashflows und Werthaltigkeit mitbringen.
IPE D.A.CH: Sie investieren nicht nur in die Anlagen, sondern auch in die Betreiber. Wo liegt der zusätzliche Nutzen?
Hasenböhler: Die reine Vermietung eines Assets kann bereits ein sinnvolles Investment sein. Wenn wir uns zusätzlich an der Betriebsgesellschaft beteiligen, können wir die Weiterentwicklung des Geschäfts stärker mitgestalten. Dazu gehören der Aufbau einer Plattform, die Verbesserung operativer Abläufe oder ergänzende Zukäufe. Wir übernehmen dabei große Minderheits- oder Mehrheitsbeteiligungen. Dafür braucht es neben dem Verständnis der Anlagen auch operative Kompetenz. Wir haben deshalb ein eigenes Value Creation Team aufgebaut. Es unterstützt dabei, die Unternehmen zusammen mit ihren Managementteams weiterzuentwickeln. Damit entstehen zusätzliche Wertschöpfungsmöglichkeiten, zugleich wird die Qualität des operativen Geschäfts für den Investmenterfolg noch wichtiger.
IPE D.A.CH: Welche Rolle kann ein spezialisierter Transportansatz im Portfolio eines institutionellen Anlegers spielen?
Hasenböhler: Viele Investoren sind mit breit diversifizierten Strategien in Infrastruktur eingestiegen. Gerade in Deutschland sind erneuerbare Energien in vielen Portfolios bereits stark vertreten. Mit zunehmender Erfahrung stellt sich dann die Frage, wie sich die Allokation gezielt ergänzen lässt. Transport kann andere Nachfrage- und Ertragstreiber erschließen als Energie und dadurch zur Diversifikation beitragen. Innerhalb des Transportbereichs ist wiederum eine Streuung über Subsektoren, Länder und Vertragsstrukturen sinnvoll. Wir verstehen uns dabei als spezialisierter Partner, der dem Investor Zugang zu diesem Bereich eröffnet. Welche Ausgestaltung passt, hängt von dessen bestehendem Portfolio und seinen Anforderungen ab.
IPE D.A.CH: Wie haben sich die Renditeerwartungen seit der Zinswende verändert?
Hasenböhler: Die Zinswende 2022 hat die Maßstäbe verändert. Zuvor waren viele Investoren mit Renditen zufrieden, die sie heute anders einordnen würden. Entscheidend bleibt aber das Risikoprofil. Ein langfristig vermietetes Asset mit gut planbaren Einnahmen ist anders zu bewerten als eine Beteiligung, bei der wir zusätzlich eine Betriebsgesellschaft entwickeln. Man muss deshalb genau unterscheiden, woher die Rendite kommen soll und welche Risiken damit verbunden sind. Eine einheitliche Renditezahl für Transportinfrastruktur würde diesen Unterschieden nicht gerecht.
IPE D.A.CH: Müssen Sie für attraktive Investments zunehmend außerhalb Europas suchen?
Hasenböhler: Unser Schwerpunkt liegt in Zentraleuropa. Hier sehen wir ausreichend Möglichkeiten, unseren Ansatz umzusetzen. Eine Expansion nach Amerika oder Asien ist für uns derzeit kein Thema. Gerade wenn man die Unternehmen operativ begleiten und weiterentwickeln möchte, sind Marktkenntnis und Nähe wichtig. Man muss die regulatorischen Rahmenbedingungen verstehen, die Vertragspartner einschätzen können und Zugang zu den Managementteams haben. Wir sehen in Europa genügend Investitionsbedarf und Möglichkeiten zur Wertschöpfung, um uns darauf zu konzentrieren.
IPE D.A.CH: Was wünschen Sie sich von der Politik, damit privates Kapital stärker zur Modernisierung beitragen kann?
Hasenböhler: Die grundsätzlichen Ziele sind meist klar. Die Schwierigkeiten liegen vielfach in der Umsetzung. Wenn mehr Verkehr auf die Schiene verlagert werden soll, müssen auch die praktischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Überregulierung und langwierige Verfahren können Investitionen erschweren oder verzögern. Das betrifft nicht nur Deutschland, sondern auch andere Länder einschließlich der Schweiz. Hilfreich wären einfachere, verlässliche Abläufe und ein Rahmen, in dem privates Kapital seine Rolle wahrnehmen kann. Denn die öffentlichen Mittel allein werden für den erforderlichen Ausbau und die Modernisierung nicht ausreichen.
IPE D.A.CH: Herr Hasenböhler, vielen Dank für das Gespräch.
„Politischer Rückenwind allein macht noch kein Infrastrukturinvestment“
Stefan Hasenböhler
