Heute indes sieht es danach aus, als sei das Demokratieverständnis diesseits und jenseits des Atlantiks so weit voneinander entfernt wie selten zuvor in der Geschichte der USA, die in diesem Jahr ihr 250-jähriges Jubiläum der Unabhängigkeit feiern werden. Denn US-Präsident Donald Trump polarisiert mit seiner Rhetorik.
Dabei lohnt es sich, im Blick zu behalten, wie lebendig die US-Demokratie ist. Wählerinnen und Wähler haben es in der Hand, die politische Zukunft ihres Landes zu gestalten. Die US-Öffentlichkeit stimmt sich bereits auf die Zwischenwahlen zu Senat und zum Repräsentantenhaus ein. Dabei stehen 35 Sitze im US-Senat und alle 435 Sitze im US-Repräsentantenhaus zur Wahl.
In Deutschland wird Trump als unberechenbar und polarisierend wahrgenommen. Manche Beobachter bezeichnen ihn hinter vorgehaltener Hand als verrückt. Diese Sichtweise aber verstellt den Blick auf die Wahrnehmung in der amerikanischen Bevölkerung. In vielen Gesprächen, die ich mit US-Bürgern in den USA führe, nehme ich wahr, dass Amerikaner die Ängste der Europäer, Trump werde die US-Demokratie außer Kraft setzen, nicht nachvollziehen können. Sie sehen Politik auch aus ihrer Perspektive vor Ort und weisen auf Macht und Einfluss der Gouverneure in den Bundesstaaten.
Was die Entwicklung der US-Wirtschaft betrifft, lohnt es sich, die Fundamentaldaten nicht aus den Augen zu verlieren. Investoren haben gute Gründe, die USA nicht links liegen zu lassen. Die USA verfügen über hohes Potenzialwachstum. Der Internationale Währungsfonds hat die Wachstumsprognose 2026 für die USA im Januar auf 2,4% angehoben, 0,3 Prozentpunkte mehr als in seiner Oktober-Prognose. Und die OECD hat im März 2026 2,0% prognostiziert. Die größte Volkswirtschaft weltweit verfügt über umfangreiche Energie- und Rohstoffvorkommen und bezieht weniger als ein Fünftel ihres Energiebedarfs aus dem Ausland. In vielen Schlüsseltechnologien sind US-Unternehmen führend. US-Universitäten zählen zu den beständigsten Quellen für Wettbewerbsvorteile der Vereinigten Staaten und sind weiterhin eine wichtige Säule des Innovationssystems des Landes.
Der US-Immobilienmarkt hat die Bodenbildung abgeschlossen. Die Mobilität der Amerikaner ist intakt, Mitarbeiter folgen den Unternehmen, und damit steigt die Nachfrage nach Immobilien. Der Wettbewerb zwischen den US-Bundesstaaten um die Ansiedlung von Unternehmen ist lebendig und führt dazu, dass US-Bundesstaaten mit weniger Regulierung auch geringere Lebenshaltungskosten ausweisen.
So verfügt beispielsweise Texas von allen US-Bundesstaaten nach Alaska über die zweitgrößte Fläche und nach Kalifornien die zweitgrößte Bevölkerungszahl. Eine Stadt wie Dallas verfügt über rund 3,25 Millionen Quadratmeter Bürofläche, zählt mehr als 2.500 Unternehmen und rund 200 Unternehmenszentralen oder regionale Niederlassungen, darunter die Hauptsitze von vier Fortune 500-Unternehmen und namhafte Arbeitgeber wie AT&T, Jacobs Engineering, Willis Towers Watson, Comerica Bank, JPMorgan Chase, Goldman Sachs und Invesco.
Der Großraum Dallas-Fort Worth-Metro beherbergt 23 Firmensitze von Fortune-500-Unternehmen und hat die fünftgrößte Konzentration von High-Tech-Arbeitsplätzen in den USA. Der internationale Flughafen ist der zweitgrößte Flughafen der Welt, gemessen am Passagieraufkommen und Frachtbetrieb. Bis zum Jahr 2030 wird die Metropolregion DFW voraussichtlich eine Einwohnerzahl von 10 Millionen erreichen und Chicago als drittgrößte Metropole der USA ablösen.
Ja, Donald Trump polarisiert. Aber ein unverstellter Blick aus erster Hand für Investoren ist so wichtig wie eh und je. Die USA bleiben ein Markt mit starken Fundamentaldaten, hoher Anpassungsfähigkeit und ausgeprägter regionaler Dynamik. Wer fundamental analysiert und selektiv investiert, findet auch 2026 attraktive Perspektiven – insbesondere im Bürosegment, wo fehlende Neubautätigkeit die Aussicht auf Wertsteigerungen fundamental stützt. Nicht trotz der Schlagzeilen, sondern jenseits von ihnen.
---
*) Volker Arndt, Geschäftsführer US Treuhand
Kommentar: Lebendige US-Demokratie und Wettbewerb sorgen für Ausgleich
Volker Arndt
