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Behavioral Finance in der Praxis

Hilfreiches Tool oder doch eher ein theoretisches Konstrukt?

Auch die Kursbewegungen der vergangenen 18 Monate als Folge der Subprime-Krise lassen sich kaum mit ökonomischen Faktoren geschweige denn Modellen erklären. Wie immer, wenn Unvorhergesehenes passiert, treten mehr denn je psychologische und soziologische Elemente in den Blickpunkt. Ein guter Grund, einmal wieder genauer in die Behavioral Finance-Theorie als Teilbereich der modernen Finanzwirtschaft zu blicken. Schließlich berücksichtigt sie nicht nur ökonomische Modelle, sondern gerade eben auch psychologische und soziologische Phänomene rund um das Anlegerverhalten.

Jeder Anleger kann an sich selbst die typischen Anomalien des menschlichen Verhaltens beobachten. Es dürfte keinen geben, der nicht schon den Fehler begangen hat, Gewinne früh glatt zu stellen und Verluste („es kann ja nur besser werden“) laufen zu lassen. Den Homo oeconomicus, also den rationalen Nutzenmaximierer gibt es wohl nicht. Genau darauf, wie auch auf der These, dass bei weitem nicht alle Informationen jederzeit in den Kursen enthalten sind, setzt die Behavioral-Finance-Theorie an.

Ursprünglich stammt diese Forschungsrichtung aus den USA. Dort wurde sie Mitte der 80er Jahre nach und nach richtig entdeckt und findet nun auch in Europa immer mehr Anhänger. Neben ökonomischen Aspekten, werden ebenso Methoden und Erkenntnisse der Psychologie und der Soziologie berücksichtigt.

Dabei sind es im wesentlichen fünf psychologische Effekte, die das Entscheidungsverhalten der Marktteilnehmer maßgeblich beeinflussen können. Hier gilt es für Fondsmanager bei der Umsetzung einer Behavioral Finance gestützten Anlagestrategie Anzusetzen.

1. Verankerungsheuristik (anchoring)
Die Verankerungsheuristik ist ein kognitives Verhalten, mit dem ein Akteur einen meist aus externen Informationen gewonnenen Richtwert als Ausgangspunkt seiner Überlegungen wählt (sog. Anker). Dabei ist insbesondere die relative Abweichung zum Richtwert ausschlaggebend dafür, ob der Investor das Investitionsobjekt als über- oder unterbewertet einstuft. Der tatsächliche Wert liegt häufig weit vom „Anker“ entfernt. So kann es unbewusst zu systematischen Fehlern des Akteurs kommen, die dem Finden der objektiv besten Entscheidungsalternative entgegensteht.

2. Kognitive Dissonanz
Bei Entscheidungen zwischen mehreren Alternativen geraten Menschen in einen Konflikt, da jede der verworfenen Alternativen auch positive Eigenschaften aufweist. Diese Merkmale stehen natürlich in einem Widerspruch zur getroffenen Entscheidung, obwohl der Entscheider davon ausgeht, die beste Alternative gewählt zu haben. Andererseits hat die gewählte Option auch negative Eigenschaften, was ebenfalls ein gewisses Unbehagen auslöst. Jeder Mensch versucht deshalb, Unstimmigkeiten in Wahrnehmung und Denken möglichst schnell zu beseitigen. Dazu werden meist eigene Kognitionen so manipuliert, dass diese zu den anderen passen.

3. Overconfidence
Overconfidence (auch Overconfidence-Bias) charakterisiert ein übersteigertes Selbstvertrauen, das sich in systematischer Selbstüberschätzung im Bezug auf eigenes Wissen und eigene Bewertungen ausdrückt.

4. Dispositionseffekt
Unter dem Dispositionseffekt versteht man die unter den Anlegern verbreitete Tendenz, Gewinneraktien „zu früh“ und Verliereraktien „zu spät“ zu verkaufen. Der Vergleich „zu früh“ bzw. „zu spät“ bezieht sich dabei auf theoretische Vorhersagen zum Anlegerverhalten, die unter Berücksichtigung insbesondere der Renditeerwartung der Wertpapiere sowie steuerliche Aspekte abgeleitet werden.

5. Herding (behavior)
„Herding behavior“, zu Deutsch „Herdenverhalten“, ist ein an den Finanzmärkten häufig beobachtetes Phänomen. Hierbei folgen viele Anleger der Masse, da sie beispielsweise der Meinung sind, dass die Kapitalmarktakteure über mehr Informationen verfügen als sie selbst. Als Folge vermeintlicher Informationsasymmetrien unterliegen die betreffenden Anlagen heftigen Preisschwankungen bzw. sind laufend unter- oder überbewertet.

Zur tatsächlichen Beschaffung derartig abgeleiteter Informationen und damit auch für den tatsächlichen Sprung von der Theorie in die Praxis stehen mittlerweile zahlreiche Quellen zur Verfügung.

So veröffentlicht beispielsweise Consensus in den US seit 1983 Marktsentiments zu den größten amerikanischen Futures und Terminmärkten. Diese geben Aufschluss über das Marktsentiment in Währungs-, Rohstoff-, Aktien- und Rentenfuturesmärkten. Darüber hinaus existieren Anbieter wie Cognitrend und Sentix, die ebenfalls die vorherrschende Stimmung an den Märkten analysieren und entsprechend auswerten.

Auch auf der Fondsanbieterseite tut sich im Hinblick auf die Nutzung der Behavioral Finance-Theorie etwas. Bestes Beispiel ist der jüngst von der HSH Nordbank aufgelegte Publikumsfonds HSH Strategy Sentiment LS, der mit einem marktunabhängigen Ansatz eine Reihe der vorher beschriebenen Phänomene in die Kauf- und Verkaufsentscheidungen mit Einfließen lässt. Im derzeitigen Krisenumfeld bietet der Fonds dabei volle Transparenz und tägliche Liquidität. Die dem Fonds zu Grunde liegende Strategie wird seit April 2007 als Teilfondsstrategie eines Spezialfonds ausgesprochen erfolgreich praktiziert, wie das Ergebnis für 2008 von +8,1% bei einer Vola von 2,8% zeigt.