Die Schweizer Pensionskassen befinden sich in einer bemerkenswert komfortablen finanziellen Verfassung. Nach einer durchschnittlichen Rendite von 6,3% im Jahr 2025 konnten sie ihren kapitalgewichteten Deckungsgrad von 111,8 auf 114,4% erhöhen. Gleichzeitig profitierten die Versicherten stärker als in den meisten Vorjahren: Die Sparguthaben wurden im Durchschnitt mit 4,3% verzinst – laut der aktuellen Pensionskassenstudie „Risiko Check-up 2026“ von Complementa der höchste Wert seit 25 Jahren.
Und die positive Entwicklung setzte sich 2026 bislang fort. Bis Ende August erreichten die untersuchten Vorsorgeeinrichtungen weitere 5,0% Rendite. Der Deckungsgrad stieg dadurch auf 118,5%. Die langfristige Grafik der Studie zeigt, dass die finanzielle Ausgangslage damit inzwischen sogar oberhalb des Niveaus von Ende 2021 liegt – bevor der Zins- und Marktschock 2022 den Deckungsgrad deutlich zurückwarf.
Die Zahlen sind allerdings mehr als eine Momentaufnahme guter Kapitalmärkte. Hinter ihnen steht ein langfristiger Umbau der Portfolios der zweiten Säule.
Aktien lösen Obligationen als wichtigste Anlageklasse ab
Besonders deutlich wird dieser Strukturwandel bei den festverzinslichen Anlagen. Als Complementa vor mehr als 30 Jahren mit der Untersuchung Schweizer Pensionskassen begann, war nahezu jeder zweite Franken in Obligationen investiert. 2025 erreichte deren Anteil mit nur noch 29,3% einen historischen Tiefststand.

Aktien stellen dagegen mit 34,1% inzwischen das zweite Jahr in Folge die größte Anlageklasse. Immobilien folgen mit 22,6%. Alternative Anlagen machen 9,8% der Portfolios aus.
Die langfristige Allokationsgrafik der Studie macht den Wandel besonders anschaulich: Seit 2006 ist der Anteil festverzinslicher Anlagen kontinuierlich zurückgegangen, während insbesondere Aktien, Immobilien und Alternative Anlagen an Bedeutung gewonnen haben.
Interessant ist dabei auch, wo Pensionskassen ihre Bond-Exposures reduzieren. Complementa verweist auf geringere Investments in globale Staatsanleihen, unter anderem vor dem Hintergrund steigender Staatsverschuldung und höherer Absicherungskosten. Teile dieser Mittel wurden in Schweizer-Franken-Obligationen und globale Unternehmensanleihen umgeschichtet.
Damit verändert sich nicht nur die Gewichtung zwischen den Anlageklassen. Auch innerhalb des Fixed-Income-Portfolios reagieren die Kassen auf veränderte Risikoprämien und Kosten der Währungsabsicherung.
Alternative Anlagen bleiben bei rund zehn Prozent – aber ihr Innenleben verändert sich
Auf den ersten Blick wirkt die Entwicklung der Alternatives erstaunlich unspektakulär. Seit rund zehn Jahren bewegt sich ihr Anteil am Gesamtportfolio um die Marke von zehn Prozent. Aktuell sind es 9,8%. 84% der untersuchten Pensionskassen investieren mittlerweile in Alternative Anlagen.
Deutlich stärker verändert hat sich jedoch deren Zusammensetzung.
Während früher unter anderem Hedgefonds eine dominante Rolle spielten, ist heute Infrastruktur mit 2,8% des Gesamtvermögens die größte alternative Anlageklasse. Sie steht damit für 28% der gesamten Alternatives-Allokation. Private Equity folgt mit 2,4% des Gesamtportfolios beziehungsweise 24% der alternativen Anlagen.
Das ist für institutionelle Investoren ein wichtiger Befund. Die Entwicklung der vergangenen Jahre lässt sich weniger als pauschale Expansion von „Alternatives“ lesen, sondern vielmehr als Verschiebung innerhalb der alternativen Risikoprämien – hin zu langfristigen Real Assets und Private Markets.
35,7% des Portfolios sind inzwischen illiquide
Noch deutlicher wird dieser Strukturwandel, wenn Complementa nicht nach regulatorischen Anlagekategorien, sondern nach Liquidität unterscheidet.
Der Anteil illiquider Anlagen ist innerhalb von 15 Jahren von 28,2 auf 35,7% gestiegen. Dazu zählt Complementa unter anderem Immobilien, Hypotheken und Alternative Anlagen. Als wesentliche Treiber nennt die Studie das Tiefzinsumfeld der 2010er-Jahre sowie die Suche nach zusätzlichen Renditequellen und Diversifikation.

Damit steckt mittlerweile mehr als jeder dritte Anlagefranken einer Schweizer Pensionskasse in einem nicht oder nur eingeschränkt handelbaren Investment.
Diese Zahl ist strategisch womöglich wichtiger als die reine Alternatives-Quote von knapp 10%. Denn die entscheidende Frage für die Asset Allocation lautet zunehmend nicht mehr nur, wie viel Private Equity, Infrastruktur oder Immobilien ein Portfolio verträgt. Sie lautet, wie viel Illiquidität die gesamte Bilanz tragen kann.
Diversifikation schlägt Renditeargument
Bemerkenswert sind dabei die Motive der Investoren. Für 87% der befragten Pensionskassen sind zusätzliche Diversifikationseffekte und die damit verbundene Reduktion des Portfoliorisikos ein relevantes oder sehr relevantes Argument für illiquide Anlagen. Der Zugang zu zusätzlichen Renditequellen folgt mit 84%.
Illiquidität wird damit offenbar nicht primär als Instrument zur Maximierung der erwarteten Rendite verstanden. Sie soll zusätzliche, möglichst unabhängige Renditetreiber erschließen.
Doch mit zunehmender Quote verändert sich die Fragestellung. Je größer das illiquide Portfolio wird, desto stärker müssen Kapitalabrufe, Ausschüttungen, Verpflichtungsstruktur und Liquiditätsreserven gemeinsam betrachtet werden.
Rund ein Drittel der von Complementa befragten Einrichtungen arbeitet deshalb bereits mit einer expliziten Obergrenze für illiquide Anlagen. Bei den übrigen Kassen wirken insbesondere Flexibilität und zunehmende Komplexität als faktische Begrenzungen. 68% beziehungsweise 62% bewerten diese Faktoren als relevant oder sehr relevant. Hinzu kommen Verpflichtungsstruktur, Regulierung und Kosten.
Das ist ein wichtiger Punkt: Nach Jahren des Aufbaus von Private Markets und anderen illiquiden Anlagen rückt zunehmend das Management der Gesamtilliquidität in den Vordergrund.
Infrastruktur bleibt auf der Einkaufsliste
Von einer generellen Abkehr von illiquiden Anlagen kann dennoch keine Rede sein. Vielmehr werden die Pensionskassen selektiver. Die in der Studie dargestellten Investitionsabsichten zeigen ein ausgesprochen differenziertes Bild. 31% der befragten Kassen wollen Schweizer Immobilien neu aufbauen oder weiter aufstocken. Bei Infrastruktur sind es 28%. Private Equity folgt mit lediglich 11%.

Bei Private Debt planen sieben Prozent eine Aufstockung oder einen Neueinstieg, während 68% überhaupt keine Investments halten und derzeit auch keine planen. Besonders deutlich fällt die Gegenbewegung bei ausländischen Immobilien aus: Nur zwei Prozent wollen aufstocken, 21% dagegen reduzieren oder aussteigen.
Das spricht weniger für einen weiteren undifferenzierten Illiquiditätsaufbau als für eine Umschichtung innerhalb des illiquiden Portfolios. Schweizer Immobilien und Infrastruktur stehen auf der Agenda, während insbesondere bei Auslandsimmobilien Konsolidierung angesagt ist.
Mehr Komplexität – trotzdem sinkende Kosten
Ein weiterer Befund der Studie wirkt zunächst kontraintuitiv. Obwohl Pensionskassen ihre Portfolios über Jahre diversifiziert und kostenintensivere Anlageformen wie Immobilien und Alternatives ausgebaut haben, sind die durchschnittlichen Vermögensverwaltungskosten weiter gesunken.
2025 erreichten sie mit 0,40% den bislang niedrigsten Stand der Erhebung.
Allerdings warnt die längerfristige Complementa-Auswertung vor einer zu einfachen Gleichung zwischen Kosten und Anlageerfolg: Besonders günstige Umsetzungen führten nicht automatisch zu höheren Nettorenditen – gleichzeitig erzielten kostenintensivere Umsetzungen keinen systematisch höheren Ertrag.
Für institutionelle Investoren spricht das für eine differenzierte Kostenbetrachtung: Entscheidend ist nicht die niedrigste TER beziehungsweise Kostenquote an sich, sondern ob zusätzliche Gebühren durch Diversifikation, Zugang zu Renditequellen oder eine bessere risikoadjustierte Rendite gerechtfertigt werden.
Weniger Druck bei Umwandlungssätzen
Auch auf der Verpflichtungsseite zeichnet sich eine gewisse Stabilisierung ab. Der technische Zinssatz sank 2025 zwar leicht um 0,05 Prozentpunkte auf 1,75%. Dadurch mussten Rentnerkapitalien und entsprechende technische Rückstellungen höher bewertet werden, was den Deckungsgrad belastete.
Der langjährige Rückgang der Umwandlungssätze verliert jedoch an Dynamik. Für 2026 geben die Pensionskassen einen durchschnittlichen Umwandlungssatz im Alter 65 von 5,20% an. In den kommenden fünf Jahren erwarten sie nur noch einen marginalen weiteren Rückgang.
Zusammen mit den hohen Deckungsgraden und gut gefüllten Reserven verschafft das den Kassen derzeit mehr Handlungsspielraum als in vielen vergangenen Jahren.
Vom Renditedruck zum Management der Illiquidität
Die Complementa-Studie zeichnet damit das Bild einer zweiten Säule, die finanziell ausgesprochen robust aufgestellt ist – deren Portfolios sich gleichzeitig fundamental verändert haben.
Das klassische, stark von Obligationen dominierte Pensionskassenportfolio gehört zunehmend der Vergangenheit an. Aktien sind inzwischen die größte Anlageklasse, Infrastruktur hat innerhalb der Alternatives die Führung übernommen und 35,7% der Vermögen sind illiquide gebunden.
Gerade diese Entwicklung könnte die nächste Phase der strategischen Asset Allocation prägen. Nach den Null- und Negativzinsjahren ging es zunächst darum, neue Renditequellen zu erschließen. Bei inzwischen hohen Private-Markets-, Immobilien- und anderen illiquiden Beständen verschiebt sich die Herausforderung: Nicht der Zugang zu Illiquidität ist länger das zentrale Problem, sondern ihre Steuerung auf Ebene des Gesamtportfolios.
Dabei starten die Schweizer Vorsorgeeinrichtungen aus einer komfortablen Position. Nach 6,3% Rendite 2025 stehen für die ersten acht Monate 2026 bereits weitere 5,0% zu Buche; der Deckungsgrad liegt bei 118,5%.
Die Aussagekraft der Untersuchung ist dabei vergleichsweise hoch: Der „Risiko Check-up“ wird 2026 zum 32. Mal durchgeführt. Der Datenkorpus umfasst 469 Pensionskassen mit 1,009 Billionen Franken Kapital und damit rund 80% des Schweizer Pensionskassenvermögens. Zum diesjährigen Sonderthema Illiquidität liegen zusätzlich Antworten von 212 Pensionskassen vor.
Schweizer Pensionskassen: Aktien überholen Anleihen – Illiquiditätsquote steigt auf fast 36%
