Vor diesem Hintergrund argumentiert Glenn Inniss, Managing Director der Gii Finance Group, dass der Private-Debt-Markt zunehmend differenziert betrachtet werden müsse. Entscheidend sei weniger die Anlageklasse selbst als vielmehr die konkrete Kreditstrategie, das Risikomanagement und die Struktur der Portfolios.
Fokus auf klassische Unternehmensfinanzierung
Der von Gii beratene Gii Trade Income Fund verfolgt eine Corporate-Lending-Strategie mit Schwerpunkt auf mittelgroßen bis großen europäischen Unternehmen. Anders als viele Private-Debt-Fonds positioniert sich das Vehikel bewusst nahe am traditionellen Bankgeschäft. Etwa die Hälfte der Investments erfolgt in bilateralen Krediten direkt an Unternehmen, während die andere Hälfte aus Beteiligungen an syndizierten europäischen Krediten besteht, die in der Regel von großen Geschäfts- oder Investmentbanken arrangiert werden.
Ziel sind Nettoerträge im mittleren einstelligen Bereich. Die Kreditlaufzeiten bewegen sich typischerweise zwischen drei und sieben Jahren. Damit unterscheidet sich der Ansatz von vielen Fonds, die stärker auf hochverzinsliche oder stark strukturierte Finanzierungen setzen.
„Wir sehen uns in gewisser Weise als Cashflow-Lender“, sagt Inniss. Entscheidend sei die Stabilität der operativen Erträge eines Unternehmens. Asset-basierte Finanzierungen spielten dagegen eine untergeordnete Rolle. Entsprechend stehe bei der Analyse die Qualität und Nachhaltigkeit der Cashflows im Mittelpunkt.
Tiefe Due Diligence statt quantitativer Modelle
Ein wesentliches Merkmal der Strategie ist der hohe Analyseaufwand vor einer Kreditvergabe. Während manche Marktteilnehmer Kreditentscheidungen zunehmend auf Ratings, quantitative Modelle oder algorithmische Screeningverfahren stützen, setzt das Team bewusst auf einen klassischen Credit-Ansatz. Die Vermögensdeckung ist dabei ein wichtiger Teil der Investmentanalyse, steht aber hinter dem Cashflow zurück. Keine Kredite werden ausschließlich auf Basis von Vermögenswerten vergeben.
Die Prüfung eines bilateralen Kredits dauert in der Regel einige Monate. In dieser Zeit werden Unternehmensbesuche durchgeführt, Geschäftsmodelle analysiert und Managementgespräche geführt. Erst danach folgt die Vertragsphase, die ebenfalls einige Monate dauern kann.
„Unser Ansatz erinnert eher an traditionelles Merchant Banking“, sagt Inniss. Man strebe langfristige Beziehungen an und führe eine entsprechend detaillierte Due Diligence durch. Investoren könnten dies als einen „Private-Equity“- Ansatz verstehen – allerdings mit dem Fokus auf Fremdkapital. Entsprechend seien Kreditverträge auch deutlich restriktiver strukturiert als in vielen modernen Leveraged-Loan-Strukturen.
So verzichtet der Fonds bewusst auf sogenannte „Covenant-light“-Strukturen. Stattdessen werden umfangreiche Covenants vereinbart, deren Ausgestaltung häufig intensiver Verhandlungen bedarf. Für Kreditnehmer bedeutet das zwar einen höheren Aufwand im Vorfeld, dafür erhalten sie nach Aussage des Managers häufig attraktivere Finanzierungskonditionen.
Selektivität als Kern der Strategie
Die Konsequenz dieser Vorgehensweise ist eine hohe Selektivität. Nur etwa jede zehnte geprüfte Transaktion werde letztlich umgesetzt. Gleichzeitig sieht Inniss ausreichend Investmentmöglichkeiten im europäischen Markt, solange die Fondsgröße moderat bleibt. Inniss sieht in diesem gegenwärtigen Ansatz innerhalb Europas hierfür ein Potential bei rund 5 Mrd. Euro, außerhalb Europas ein deutlich größeres.
Gerade im Segment unterhalb klassischer Investment-Grade-Finanzierungen gebe es zahlreiche Unternehmen mit soliden Geschäftsmodellen, die von Banken oft erst zu einem späteren Zeitpunkt finanziert werden. Private Kreditgeber können in solchen Situationen früher einsteigen – allerdings nur, wenn sie bereit sind, den Analyseaufwand zu leisten.
Risikomanagement über mehrere Ebenen
Der Fonds kombiniert mehrere Schutzmechanismen, um das Kreditrisiko zu begrenzen. Erstens erfolgt die Finanzierung grundsätzlich als vorrangig besicherter Kredit. Zweitens wird Wert auf eine substanzielle Assetdeckung gelegt, falls Cashflows temporär unter Druck geraten.
Ein besonderes Merkmal ist zudem der Einsatz von Kreditversicherungen. Bis zu 90% der einzelnen Kreditexposures werden über entsprechende Policen abgesichert. Dadurch erhält das Portfolio faktisch eine zusätzliche Bonitätsschicht.
Dieser Ansatz reduziert zwar die Rendite – unter anderem durch Versicherungsprämien –, soll jedoch das Risiko deutlich senken. Ziel bleibt eine stabile Nettoverzinsung von rund 6% p.a. bei niedriger Volatilität.
Die bisherige Performance spiegelt diesen Ansatz wider. Seit Auflage wurden laut Fondsangaben keine Verluste oder Wertberichtigungen verzeichnet. Für 2025 lag die Nettorendite bei 5,83%, 2024 bei 7,31%, während ein Großteil der Erträge jährlich als Dividende ausgeschüttet wird.
Marktverzerrungen durch Kapitalzuflüsse
Inniss sieht den Private-Debt-Markt derzeit allerdings strukturellen Spannungen ausgesetzt. In den vergangenen Jahren sei eine enorme Menge institutionellen Kapitals in die Anlageklasse geflossen. Viele Manager hätten deshalb erheblichen Druck verspürt, dieses Kapital zu investieren.
„In manchen Bereichen wird schlicht zu viel Geld in zu wenige attraktive Deals gesteckt“, sagt er. Besonders problematisch sei dies bei Kreditportfolios, die stark auf Ratings oder standardisierte Kreditmodelle vertrauen.
Die Folge seien teilweise verzerrte Risiko-Rendite-Profile. Beispielsweise könnten europäische Unternehmen mit Single-B-Rating derzeit zu Spreads finanziert werden, die aus Sicht des Managers das tatsächliche Risiko nicht ausreichend widerspiegeln.
Rolle von CLOs und Sekundärmärkten
Zusätzliche Komplexität bringt der wachsende Einfluss von Collateralized Loan Obligations (CLOs). Diese Strukturen haben zwar zu mehr Liquidität im Sekundärmarkt für Leveraged Loans geführt, gleichzeitig aber auch neue Marktdynamiken geschaffen.
Für größere Investoren wird es dadurch schwieriger, Positionen effizient aufzubauen, da viele Transaktionen nur in kleinen Volumina gehandelt werden. Das führt mitunter zu ineffizienten Preisbildungsprozessen.
Hinzu kommt die mangelnde Liquidität in Teilen des Sekundärkreditmarkts. Beide Faktoren bedeuten, dass Manager, die für ihre Rendite darauf angewiesen sind, Positionen aktiv ein- und auszuhandeln, mit Liquiditätsproblemen konfrontiert werden können und voraussichtlich mit Abschlägen auf die nominalen Kreditpreise verkaufen müssen. GTIF sei eine Buy-and-Hold-Strategie, die sich logisch aus dem beziehungsorientierten Ansatz mit gründlicher Due Diligence ergebe. Positionen werden typischerweise nur zum Zweck des Portfoliorebalancings verkauft.
Private Debt zwischen Stabilität und Illiquidität
Ein weiterer Diskussionspunkt betrifft die Liquidität. Gerade in Deutschland legen viele institutionelle Investoren großen Wert auf jederzeit handelbare Anlagen – selbst dann, wenn ihre Verbindlichkeiten langfristig sind.
Private-Debt-Strategien bieten dagegen meist nur eingeschränkte Liquiditätsfenster. Gleichzeitig vermeiden sie aber auch die mark-to-market-Volatilität börsennotierter Anleihen oder Aktien.
Diese Eigenschaft gewinnt in Phasen hoher Marktschwankungen zunehmend an Bedeutung. In den USA beobachten Marktteilnehmer bereits verstärkte Allokationen in Private Debt, weil Investoren ihre Portfolios gegen kurzfristige Marktvolatilität stabilisieren wollen.
Warnsignal aus großen Fondsstrukturen
Die jüngsten Probleme einiger großer Private-Debt-Vehikel haben die Diskussion um Liquidität jedoch verschärft. Wenn Fonds gleichzeitig illiquide Kreditportfolios halten und Investoren kurzfristige Rückgaben verlangen, können strukturelle Spannungen entstehen.
Inniss sieht einen Teil der Ursache darin, dass viele neue Marktteilnehmer relativ opportunistisch in das Segment eingestiegen seien – häufig aus dem Private-Equity-Bereich heraus. Dort suchten Manager nach Möglichkeiten, zusätzliche Liquidität zu generieren. „Viele größere PE-Fondsgruppen haben in den vergangenen Jahren enorme Summen für ihre Private-Debt-Fonds eingesammelt und mussten dieses Geld schnell investieren. Jetzt sehen wir die Folgen, da der Markt unter Druck gerät – in Teilen des Marktes verschlechtert sich die Kreditqualität tatsächlich und es handelt sich nicht nur um ein Liquiditätsproblem.“
Nicht immer hätten diese Häuser jedoch über die gleichen Kredit- und Risikomanagementstrukturen verfügt wie traditionelle Lending-Spezialisten. Entsprechend überrascht ihn die aktuelle Entwicklung nicht. „ Das grundlegende Problem ist, dass ihre Firepower zu groß ist, um Kreditnehmer-beziehungen organisch wachsen zu lassen – was in Europa der langsamere, sicherere und traditionelle Ansatz ist. Stattdessen wurden sie in einen US-geprägten Kapitalmarktansatz gedrängt, der auf quantgetriebenes Volumeninvestment ausgerichtet ist“, so Inniss.
Ausblick: Konsolidierung wahrscheinlich
Für den europäischen Corporate-Lending-Markt erwartet Inniss grundsätzlich stabile Perspektiven. Besonders in entwickelten Volkswirtschaften wie Deutschland, den Benelux-Staaten, den nordischen Ländern oder Großbritannien sieht er weiterhin attraktive Kreditopportunitäten.
Allerdings rechnet er mittelfristig mit einer Marktbereinigung. Viele Vermögenswerte – nicht nur im Kreditbereich – seien global betrachtet hoch bewertet. Eine Korrektur erscheine deshalb unvermeidlich.
Sollte diese eintreten, könnten gerade konservativ strukturierte Private-Debt-Strategien an Bedeutung gewinnen. Für institutionelle Investoren wird dann entscheidend sein, zwischen verschiedenen Ansätzen innerhalb der Anlageklasse zu unterscheiden.
Denn während manche Fonds auf maximale Rendite setzen, verfolgen andere – wie klassische Corporate-Lending-Strategien – eher das Ziel stabiler, langfristiger Cashflows. In einem zunehmend differenzierten Markt dürfte genau diese Unterscheidung an Relevanz gewinnen.
Private Debt unter Druck: Warum selektive Corporate-Lending-Strategien an Bedeutung gewinnen
