Während die Ausgangslage zu Jahresbeginn noch von soliden Fundamentaldaten, robuster Nachfrage und einem unterstützenden Finanzierungsumfeld geprägt war, haben sich die Rahmenbedingungen im Jahresverlauf spürbar verschlechtert. Die Spannungen im Mittleren Osten erhöhen die Risiken für die globale Energieversorgung und verstärken den Inflationsdruck über höhere Energiepreise. Der daraus resultierende stagflationäre Impuls belastet das Wachstum und verschärft den Zielkonflikt der Zentralbanken zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsstabilisierung. Zwar haben die USA und der Iran eine gemeinsame Absichtserklärung zur Beendigung der Kampfhandlungen sowie zur Aufhebung der gegenseitigen Seeblockaden unterzeichnet, dennoch bleibt die Lage fragil. Die Erklärung schafft den Rahmen für weitere Verhandlungen, völkerrechtlich bindend wäre eine Einigung jedoch erst mit dem Abschluss eines Friedensabkommens.
Vor diesem Hintergrund dürfte der globale Zinspfad volatiler verlaufen als bislang erwartet. Gleichzeitig ist angesichts unterschiedlicher Inflationsdynamiken und wirtschaftspolitischer Zielsetzungen mit einer stärkeren geldpolitischen Divergenz zwischen der Eurozone und den USA zu rechnen. Während die US-Notenbank Fed in unserem Basisszenario vorerst an ihrem aktuellen Zinsniveau festhalten dürfte, erwarten wir einen restriktiveren geldpolitischen Kurs der Europäischen Zentralbank.
Die Fed dürfte im Zuge des Führungswechsels ihre Einschätzung des makroökonomischen Umfelds teilweise anpassen, insbesondere mit Blick auf potenzielle Produktivitätsgewinne durch Künstliche Intelligenz. Zugleich steht sie unter größerem Druck, die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen nicht durch dauerhaft hohe Zinsen zu belasten. Weitere Zinserhöhungen der Fed erwarten wir daher nur, wenn sich die Inflationserwartungen nachhaltig vom Zielniveau lösen.
Fiskalpolitik wird zunehmend zum strukturellen Instrument
Neben den kurzfristigen zyklischen Auswirkungen des Iran-Konflikts wird das Umfeld für Kreditmärkte zunehmend durch strukturelle Herausforderungen geprägt. Die Fragmentierung der globalen Wirtschaftsordnung zeigt sich nicht nur in zunehmenden Handelsfriktionen und steigenden Anforderungen an die Versorgungssicherheit, sondern auch in einer veränderten sicherheitspolitischen Lage.
Angesichts dieser Herausforderungen wird Fiskalpolitik sowohl in der Eurozone als auch in den USA zunehmend als strukturelles Instrument eingesetzt, um Konjunkturschwankungen abzufedern und langfristige wirtschafts- und sicherheitspolitische Ziele zu verfolgen. Im Fokus stehen dabei Investitionen in Verteidigung, digitale Infrastruktur, Energiewende und kritische Lieferketten sowie Maßnahmen zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Verglichen mit Europa verfügen die USA über etwas größere fiskalische Spielräume.
Trotz dieser zunehmenden konjunkturellen, strukturellen und geopolitischen Belastungsfaktoren erwarten wir eine Fortsetzung des Kreditzyklus. Wir gehen weiterhin von einer verhaltenen, aber robusten wirtschaftlichen Entwicklung aus. Unterstützt wird dieses Szenario durch ein positives technisches Marktumfeld mit anhaltend hoher Nachfrage nach Anleihen. Eine globale Rezession infolge eines anhaltenden Energiepreisschocks halten wir für ein Szenario mit geringer Wahrscheinlichkeit.
Chancen mittels einer moderat risikofreudigen Positionierung nutzen
Für die Kreditmärkte führt dieses Umfeld zu einer veränderten Bewertung von Kreditrisiken. Ein wesentlicher Treiber ist die zunehmende fiskalische Expansion. Während diese in der Vergangenheit dazu beitrug, konjunkturelle Schwankungen abzufedern und die Spreadvolatilität zu reduzieren, geht sie heute zunehmend mit strukturell höheren Defiziten und dem Fehlen glaubwürdiger Strategien für einen nachhaltigen Schuldenabbau einher. Zudem verändert der technologische Wandel, insbesondere im Bereich der künstlichen Intelligenz, die Wettbewerbsdynamik in zahlreichen Branchen. Während langfristig erhebliche Produktivitätsgewinne möglich sind, gehen die Entwicklungen kurzfristig mit höherem Anpassungsdruck, steigendem Investitionsbedarf und einer wachsenden Unsicherheit hinsichtlich einzelner Geschäftsmodelle einher.
Dabei entstehen Relative-Value-Chancen vor allem dort, wo veränderte Finanzierungsstrategien und technische Faktoren attraktive Einstiegspunkte schaffen, ohne dass sich die zugrunde liegende Kreditqualität verschlechtert. Besonders robust erscheinen Sektoren, die von fiskalischer Expansion profitieren, darunter Rüstung, Versorger, Telekommunikation sowie Hersteller elektrotechnischer Ausrüstung. Darüber hinaus schaffen kapitalintensive Investitionszyklen, insbesondere im Bereich der KI-Infrastruktur, zusätzliche Opportunitäten in projektbezogenen und besicherten Finanzierungsstrukturen, sofern die damit verbundene höhere Komplexität angemessen vergütet wird.
Um diese Opportunitäten gezielt zu nutzen, halten wir an einer moderat risikofreudigen Positionierung fest. Vor dem Hintergrund solider Fundamentaldaten, robusten nominalen Wachstums und einer anhaltend hohen Nachfrage nach Kreditanlagen erwarten wir weiterhin, dass sich Credit Spreads in einer strukturell engen Bandbreite bewegen werden. Gleichzeitig stärkt die sinkende Bonität staatlicher Emittenten die relative Attraktivität von Unternehmensanleihen.
Konzentration auf qualitativ hochwertige und widerstandsfähige Emittenten
Angesichts erhöhter Unsicherheit und volatiler Märkte vermeiden wir jedoch eine pauschale Risikoausweitung. Stattdessen konzentrieren wir uns auf qualitativ hochwertige und widerstandsfähige Emittenten und allokieren Risiko dort, wo Fundamentaldaten, Bewertungen und technische Faktoren ein attraktives Rendite-Risiko-Verhältnis bieten.
Dabei verfolgen wir einen selektiven Bottom-up-Ansatz, um Emittenten mit belastbaren Wettbewerbspositionen zu identifizieren und Geschäftsmodelle mit erhöhten strukturellen Abwärtsrisiken zu vermeiden. Für besonders interessant halten wir Sektoren wie Banken, Telekommunikation und Versorger.
Ein wesentlicher Bestandteil der Risikosteuerung bleibt zudem die Laufzeitenpositionierung, wobei wir kurze bis mittlere Laufzeiten bevorzugen. Dort erscheinen Rendite und Kurspotenzial aus unserer Sicht weiterhin attraktiv. Gleichzeitig bleibt ausreichend Flexibilität erhalten, um auf veränderte Inflations-, Wachstums- oder geldpolitische Signale zu reagieren. Gestützt durch die Rückkehr attraktiver Neuemissionsprämien sowie die Erwartung, dass größere Bewertungsunterschiede zunehmend in den Sekundärmärkten eingepreist werden, halten wir zudem den Primärmarkt für eine besonders attraktive Möglichkeit zum Aufbau von Positionen. Regional sehen wir vor allem den europäischen Kreditmarkt weiterhin positiv, nicht zuletzt aufgrund attraktiver lokaler und währungsgesicherter Renditen.
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*) Mahmoud El-Shaer, Lead PM for customized global credit solutions, Wellington Management
Gastbeitrag: Kreditmärkte im neuen Regime – Fiskalische Dominanz, geldpolitische Divergenz und technologischer Umbruch
Mahmoud El-Shaer
