IPE D.A.CH: Wie positioniert sich Liechtenstein gegenüber den bekannten Fondsdomizilen Luxemburg und Irland?
Gamper: Luxemburg und Irland sind die Plattformen für globale Großanbieter – standardisiert, skalierbar und auf internationale Asset-Management-Konzerne ausgelegt. Liechtenstein hingegen positioniert sich bewusst anders. Wir sind der Standort für White-Label-Fonds: Hier stehen nicht Größe, sondern Flexibilität und Individualisierung im Vordergrund. Der Fokus liegt auf kleineren bis mittelgroßen Asset Managern, Vermögensverwaltern und spezialisierten Fondsboutiquen. Darüber hinaus spielt die Vermögensstrukturierung für Family Offices, vermögende Privatkunden und Stiftungen eine zentrale Rolle. Kurz gesagt: Während Luxemburg und Irland auf Volumen setzen, positioniert sich Liechtenstein als spezialisierter Anbieter für maßgeschneiderte Fondslösungen.
IPE D.A.CH: Wie würden Sie die Regulierung des Fondsstandorts Liechtenstein beschreiben – wie streng ist sie im Vergleich zu anderen europäischen Standorten?
Gamper: Die Regulierung in Liechtenstein entspricht vollumfänglich den europäischen Standards. Als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums übernimmt das Land alle Richtlinien wie zum Beispiel UCITS, AIFMD und MiFID und setzt diese konsequent um. Gleichzeitig vermeidet das Land darüber hinausgehende Regulierung, sogenanntes Goldplating. In Bezug auf die Strenge gibt es daher keinen grundlegenden Unterschied zu etablierten EU-Standorten. Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr in der Umsetzung: Die Finanzmarktaufsicht agiert effizient, pragmatisch und stark dialogorientiert. Dank der klaren Priorisierung von Anfragen profitieren Marktteilnehmer von sehr kurzen Reaktionszeiten. Das erhöht die Planungssicherheit und wirkt sich direkt positiv auf die Time-to-Market bei Fondsauflagen aus. Einfach ausgedrückt: Liechtenstein verbindet europäische Regulierungsqualität mit hoher Effizienz in der praktischen Umsetzung.
IPE D.A.CH: Wie wichtig ist der Faktor „Time-to-Market“ bei der Fondsauflage?
Gamper: Der Faktor „Time-to-Market“ ist bei White-Label-Fonds aus meiner Sicht zentral – oft sogar entscheidend. Dies gilt sowohl für die Vermögensstrukturierung als auch für zum Vertrieb zugelassene Fonds. Sobald sich ein Family Office oder ein vermögender Privatkunde für eine Fondsstruktur entscheidet, besteht in der Regel ein unmittelbarer Investitionsbedarf. Gleiches gilt für Seed-Investoren, die den Start eines Fonds ermöglichen und zeitnah allokieren wollen. Darüber hinaus ist Geschwindigkeit insbesondere für kleinere und mittelgroße Asset Manager, Fondsboutiquen und Family Offices ein klarer Wettbewerbsvorteil. Eine effiziente und schlanke Aufsetzung erlaubt es, Strategien schnell zu lancieren und gezielt auf Marktchancen oder Kundenbedürfnisse zu reagieren. Schnelligkeit ist kein „Nice-to-have“ mehr, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor bei der Fondsauflage.
IPE D.A.CH: Wie beurteilen Sie die Time-to-Market in Liechtenstein?
Gamper: Hervorragend. Liechtenstein gehört hier zu den effizientesten Fondsstandorten in Europa. Zum einen sind die Fondsgesellschaften darauf spezialisiert, White-Label-Strukturen sehr schnell aufzusetzen. Zum anderen schafft auch der regulatorische Rahmen klare Vorteile: Gesetzlich ist festgelegt, dass das Zulassungsverfahren für OGAW maximal 10 Arbeitstage und für AIF maximal 20 Arbeitstage dauern darf. In der Praxis liegt die Finanzmarktaufsicht jedoch deutlich darunter. Trotz umfassender Prüfung bewegen sich die durchschnittlichen Bewilligungszeiten aktuell bei rund fünf Arbeitstagen.
IPE D.A.CH: Welche Chancen sehen Sie für Wachstum in Liechtenstein?
Gamper: Ein besonders großes Wachstumspotenzial sehe ich in der Vermögensstrukturierung. Ausschlaggebend hierfür sind insbesondere die strukturellen, administrativen und steuerlichen Vorteile, die Fonds bieten. Zudem verbindet Liechtenstein die Sicherheit und Qualität der EU-Regulierung mit einem eigenständigen, politisch und wirtschaftlich äußerst stabilen Umfeld. Faktoren wie eine solide Staatsfinanzierung, eine starke Währung und die AAA-Bonität schaffen gerade für vermögende Privatkunden und Family Offices ein sehr attraktives Gesamtpaket. Gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Chancen im Bereich der klassischen White-Label-Fonds. Der Fondsstandort wird zunehmend internationaler: Während früher vor allem Initiatoren aus der Schweiz und Liechtenstein dominierten, sehen wir heute zusätzlich eine deutlich steigende Nachfrage aus Märkten wie Deutschland und Großbritannien. Wachstum entsteht somit sowohl durch die steigende Nachfrage nach stabilen Vermögensstrukturen als auch durch die fortschreitende Internationalisierung des Standorts.
IPE D.A.CH: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Gamper: Der Wettbewerb zwischen den Fondsstandorten ist sehr intensiv. Größere Länder verfügen oft über mehr Ressourcen und eine höhere internationale Bekanntheit. Für Liechtenstein ist es daher entscheidend, die eigenen Stärken – Effizienz, Spezialisierung und Stabilität – konsequent weiter auszubauen. Eine zentrale Herausforderung bleibt zudem die Wahrnehmung im Ausland. Ein wesentlicher Teil der Arbeit besteht in der Aufklärung: Liechtenstein erfüllt heute sämtliche internationalen Regulierungsstandards und gilt – auch im Bereich der Steuertransparenz – als vorbildlich. Organisationen wie die OECD attestieren dem Standort regelmäßig sehr hohe Bewertungen. Entsprechend wichtig ist eine aktive internationale Positionierung. Hier leisten sowohl der Liechtensteinische Anlagefondsverband (LAFV) als auch Liechtenstein Finance einen wesentlichen Beitrag, indem sie den Standort gezielt in wichtigen Märkten wie Deutschland repräsentieren. Man kann sagen, dass die Herausforderung weniger in der Substanz liegt als in der internationalen Wahrnehmung - und genau dort setzt die Standortarbeit an.
IPE D.A.CH: Vielen Dank für das Gespräch.
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*) Markus Hill ist unabhängiger Asset Management Consultant in Frankfurt am Main. Kontakt: info(at)markus-hill.de; Website: www.markus-hill.de
Informationen zum Liechtensteinischer Anlagefondsverband (LAFV) & Veranstaltungen in 2026: www.lafv.li
„Der Wettbewerb zwischen den Fondsstandorten ist sehr intensiv“
David Gamper
Markus Hill
