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Kommentar: Quartiere werden vom Prestigeprojekt zur Risikostrategie

Lange Zeit galten Quartiersentwicklungen als die prestigeträchtigste Form moderner Stadtentwicklung. Große Nutzungsmischungen, ikonische Architektur und eine an den ESG-Kriterien orientierte Planung sollten zeigen, wie die Stadt der Zukunft funktioniert. Heute dominieren jedoch andere Themen die Immobilienmärkte: Refinanzierung, Repricing, Regulierung und Nutzungssicherheit. Gleichzeitig ist es auffallend ruhig um das Thema Quartiere geworden.

Kai Mende

Das bedeutet jedoch nicht, dass Quartiersentwicklungen an Bedeutung verlieren. Vielmehr verändert sich ihre Rolle grundlegend. In einem volatilen Marktumfeld werden Quartiere zunehmend weniger als Prestigeprojekte, sondern vielmehr als Instrument zur Risikosteuerung betrachtet. Gerade institutionelle Investoren beginnen diesbezüglich umzudenken.

Monostrukturen werden zum Problem
Die vergangenen Jahre haben viele Gewissheiten der Immobilienwirtschaft infrage gestellt. Büroimmobilien kämpfen mit veränderten Arbeitsmustern, der Einzelhandel bleibt unter Anpassungsdruck und selbst Wohnimmobilien stehen zunehmend unter regulatorischer Beobachtung. Hinzu kommen steigende ESG-Anforderungen und ein Kapitalmarkt, der Risiken deutlich sensibler bewertet als noch während der Niedrigzinsphase.

Damit geraten monostrukturierte Investments zunehmend unter Druck. Immobilien, die ausschließlich auf eine Nutzungsart ausgerichtet sind, reagieren empfindlicher auf Marktveränderungen. Genau an diesem Punkt gewinnen Quartiere an strategischer Relevanz. Denn Nutzungsmischung bedeutet nicht nur Urbanität. Sie bedeutet vor allem Diversifikation.

Während einzelne Nutzungsarten zyklisch schwanken, stabilisieren gemischt genutzte Stadtbausteine ihre Frequenz, Cashflows und Standortqualität gegenseitig. Wohnen, Büro, Nahversorgung, Gastronomie, Healthcare, Hospitality, soziale und technische Infrastruktur folgen unterschiedlichen Nachfragezyklen. Das reduziert Abhängigkeiten und erhöht die Anpassungsfähigkeit eines Standorts. Die eigentliche Stärke von Quartieren liegt deshalb heute weniger in ihrer städtebaulichen Symbolkraft als in ihrer wirtschaftlichen Robustheit.

Die Kapitalmärkte bevorzugen Flexibilität
Das klassische Bild großformatiger Quartiersentwicklungen entstand in einer Zeit extrem hoher Liquidität. Lange Entwicklungszeiträume, hohe Vorlaufkosten und komplexe Finanzierungskonstruktionen erschienen kalkulierbar, weil Kapital günstig und nahezu unbegrenzt verfügbar war. Diese Rahmenbedingungen existieren nicht mehr. Institutionelle Investoren achten heute stärker auf steuerbare Risiken, flexible Exitmöglichkeiten und belastbare Cashflow-Strukturen. Das zeigt sich auch im Transaktionsmarkt. Großvolumige Einzeldeals bleiben weiterhin selten, während kleinere und phasenweise strukturierte Investments an Bedeutung gewinnen. Laut CBRE Research lag das gewerbliche Transaktionsvolumen in Deutschland im ersten Quartal 2026 zwar rund 20% über dem Vorjahreswert, die Marktaktivität konzentrierte sich jedoch weiterhin stark auf selektive Einzeltransaktionen und Core-nahe Produkte.

Das verändert auch die Art und Weise, wie Quartiere entwickelt werden. Anstelle gigantischer Masterplan-Projekte entstehen zunehmend modulare Entwicklungsansätze. Einzelne Baufelder werden separat finanziert, Nutzungen phasenweise realisiert und unterschiedliche Exitpfade von Beginn an mitgedacht. Forward Funding, Joint Ventures oder Teilverkäufe gewinnen an Bedeutung.

Das Quartier wird damit selbst flexibler und nähert sich stärker den Anforderungen institutioneller Kapitalallokation an.

Der Wettbewerbsvorteil entsteht außerhalb des Gebäudes
Gleichzeitig verändert sich die Frage, wie Immobilien überhaupt bewertet werden. Lange standen vor allem Objektqualitäten im Mittelpunkt: Lage, Mietvertrag, ESG-Zertifizierung oder technische Ausstattung. Inzwischen rückt jedoch zunehmend das Umfeld in den Fokus. Denn Nutzer entscheiden sich immer seltener isoliert für ein Gebäude. Ausschlaggebend ist vielmehr die Qualität des gesamten urbanen Kontexts: Mobilität, Aufenthaltsqualität, Infrastruktur, Nahversorgung und soziale Angebote beeinflussen die Attraktivität eines Standorts unmittelbar.

Diese Entwicklung ist derzeit besonders in den Top-7-Standorten wie Berlin sichtbar. Während der Wohnungsmarkt weiterhin von extremer Angebotsknappheit geprägt ist und die Angebotsmieten steigen, bleiben moderne, ESG-konforme Büroflächen in zentralen Lagen gleichzeitig stabil nachgefragt. Genau diese auseinanderlaufenden Nutzungsdynamiken erhöhen den strategischen Wert gemischt genutzter Quartiere.

Das verschiebt auch die Investmentlogik. Der Wert eines Assets entsteht künftig stärker aus seinem eingebetteten Umfeld als aus der Immobilie allein. Wer urbane Zusammenhänge aktiv gestalten kann, erhält dadurch einen strukturellen Wettbewerbsvorteil.

ESG funktioniert auf Quartiersebene anders
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Viele ESG-Herausforderungen lassen sich auf Quartiersebene deutlich effizienter lösen als im Einzelobjekt. Energieversorgung, Mobilitätskonzepte, Freiraumgestaltung oder soziale Infrastruktur entfalten ihre Wirkung meist erst im Zusammenspiel mehrerer Nutzungen. Gleichzeitig steigt der regulatorische Druck auf Bestandshalter kontinuierlich. Dekarbonisierung, Taxonomie-Konformität und Klimarisiken lassen sich zunehmend schwerer isoliert auf Gebäudeebene betrachten.

Quartiere schaffen hier Skaleneffekte. Eine gemeinsame Energieinfrastruktur, integrierte Mobilitätslösungen oder flexible Flächennutzungen erhöhen neben der ökologischen Nachhaltigkeit auch die wirtschaftliche Effizienz. Dadurch entsteht ein Vorteil, der über klassische ESG-Zertifizierungen hinausgeht. Langfristig orientierte Investoren beginnen deshalb stärker auf urbane Gesamtsysteme zu schauen statt ausschließlich auf Einzelassets.

Governance wird zum entscheidenden Faktor
Allerdings steigt mit der Komplexität auch der Steuerungsaufwand. Quartiere funktionieren nur dort dauerhaft erfolgreich, wo Governance-Strukturen professionell organisiert werden. Das betrifft Genehmigungsprozesse ebenso wie Infrastruktur, Nutzungsmischung oder den laufenden Betrieb. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung öffentlicher Akteure weiter zu. Städte, Investoren und Betreiber müssen deutlich enger zusammenarbeiten als bei klassischen Einzelentwicklungen. Die Immobilienwirtschaft entwickelt sich dadurch zunehmend vom reinen Entwickler hin zum langfristigen Betreiber urbaner Systeme.

Das verändert auch die Anforderungen an Investoren. Gefragt sind heute weniger kurzfristige Entwicklungsrenditen als vielmehr langfristige Managementkompetenz, operative Steuerbarkeit und Anpassungsfähigkeit.

Die Quartiersidee verschwindet nicht, sie wird erwachsen
Die aktuelle Marktphase trennt deshalb weniger zwischen großen und kleinen Projekten als zwischen resilienten und unflexiblen Strukturen. Quartiere verlieren nicht an Bedeutung. Sie verlieren lediglich ihre frühere Rolle als prestigeträchtige Großvision der Niedrigzinsära. An ihre Stelle tritt ein deutlich pragmatischeres Verständnis urbaner Entwicklung.

Nicht maximale Größe entscheidet künftig über den Erfolg, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Nutzungen, Marktzyklen und regulatorische Anforderungen dauerhaft miteinander zu verbinden. Genau darin liegt die Zukunftsfähigkeit moderner Quartiersentwicklungen und ihr größtes Potenzial für institutionelle Investoren.

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*) Kai Mende, CEO von CBRE Germany