Doch fast die gesamte Infrastruktur hängt von Lieferketten ab, die überwiegend über China verlaufen. Wenn die westlichen Regierungen nicht rasch handeln, laufen sie Gefahr, eine Energieabhängigkeit gegen eine andere einzutauschen.
Europas Verwundbarkeit im Bereich der Energiespeicherung
Im Zuge der fortschreitenden Dekarbonisierung Europas boomt der Markt für Batteriespeicher. Die kumulierte installierte Leistung erreichte im Jahr 2024 61,1 GWh, wobei allein in diesem Jahr ein Rekordzuwachs von 21,9 GWh verzeichnet wurde. Aurora Energy Research prognostiziert, dass die Kapazität der Batterie-Energiespeichersysteme (BESS) auf dem Kontinent bis 2030 die 50-GW-Marke überschreiten könnte, was neue Investitionen in Höhe von rund 80 Mrd. Euro erfordern würde.
Fast die gesamte Kapazität wird auf der relativ alten Lithium-Ionen-Phosphat-Technologie (LFP) basieren, dem bewährten Arbeitstier der netzgroßen Speicherung. LFP hat jedoch ein seit langem bestehendes Problem, das sich durch keine noch so starke Kostensenkung beheben lässt: Über 95% der globalen Lieferkette verläuft über China, vom Bergbau über Vorläuferchemikalien bis hin zur Zellfertigung.
Für Infrastrukturinvestoren, die Projekte mit einem Zeithorizont von 15 bis 25 Jahren finanzieren, stellt dies eine strukturelle Anfälligkeit dar.
Natrium-Ionen-Batterien kommen ins Spiel
Lange Zeit galt die Natrium-Ionen-Batterie als vielversprechende, aber noch nicht ausgereifte Alternative. Inzwischen hat diese Technologie jedoch unbemerkt einen Wendepunkt erreicht. Die Technologie ist nicht mehr experimentell, aber auch noch nicht etabliert. Sie entwickelt sich jedoch schnell genug, dass Investoren aufmerksam werden.
Für stationäre Speicher im Stromnetz sind zwei Eigenschaften von Natrium-Ionen-Batterien besonders relevant. Erstens benötigen sie nicht dieselben kostspieligen zusätzlichen Kühlsysteme wie Lithium-Ionen-Batterien, ein echter betrieblicher Vorteil bei großem Maßstab.
Zweitens verringert die diversifiziertere Lieferkette die langfristige Abhängigkeit von Preisschocks bei kritischen Mineralien. Für diese Technologie werden weder Lithium noch Kobalt und deutlich weniger Graphit benötigt. Darüber hinaus sind die verwendeten Rohstoffe weltweit in großen Mengen vorhanden und geografisch breit verteilt. Wenn ein Investor ein Projekt mit einer Laufzeit von 20 Jahren modelliert, stellt eine Batterie, die weniger stark solchen Preisschocks ausgesetzt ist, ein solides Risikomanagement dar.
Die entscheidende Einschränkung sind derzeit noch die Kosten. Natrium-Ionen-Batterien kosteten 2025 durchschnittlich 59 US-Dollar pro kWh, verglichen mit 52 US-Dollar pro kWh für LFP-Batterien. Das entspricht einem Aufschlag von 13%, der bei Projekten im Versorgungsmaßstab erheblich ist. Eine Kostenparität mit LFP wird erst in einigen Jahren erwartet. Für Projekte, die heute ihren finanziellen Abschluss erreichen müssen, ist diese Kostenlücke relevant.
Warum eine westliche Lieferkette wichtig ist
Europa hat erste, noch vorsichtige Schritte bei der Einführung der Natrium-Ionen-Technologie unternommen, während es in den USA bislang nur begrenzte Anwendungen gibt. In den kommenden Jahren dürften weitere hinzukommen. Diese Anlagen sind im Vergleich zu den heute routinemäßig finanzierten Lithium-Ionen-Projekten noch klein. Doch die Entwicklungsperspektiven und die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Technologie sind eindeutig und China setzt Natrium-Ionen-Technologie bereits kommerziell ein.
Für Europa geht es daher nicht mehr um die Frage, ob Natrium-Ionen-Batterien eine Rolle beim Ausbau der Energiespeicherung spielen werden, sondern wann dies geschehen wird, und entscheidend wer dann die Lieferkette kontrolliert. Auf China entfallen bereits deutlich mehr als 95 %der weltweit angekündigten Produktionskapazität. Wenn europäische und US-amerikanische Hersteller nicht jetzt ihre Kapazitäten ausbauen, riskiert der Kontinent, eine Abhängigkeit gegen eine andere einzutauschen.
Strategische Überlegungen
Die strategische Dimension könnte sich letztlich als wichtiger erweisen als die Entwicklung der Kostenkurve. Der russische Überfall auf die Ukraine hat Europas Verwundbarkeit durch importierte fossile Brennstoffe offengelegt. Die anhaltende Instabilität im Nahen Osten sorgt weiterhin für Unsicherheit hinsichtlich der globalen Energieversorgungswege.
Die Lehre daraus ist eindeutig: Energieunabhängigkeit muss entlang der gesamten Wertschöpfungskette aufgebaut werden, nicht nur bei den Anlagen zur Energieerzeugung. Gasimporte durch Batterien zu ersetzen, die in einem einzigen ausländischen Land hergestellt werden, ist keine Energieunabhängigkeit, sondern ein erhebliches Lieferkettenrisiko.
Das Muster, das den frühen Lithium-Ionen-Markt prägte, eine rasche chinesische Industrialisierung, auf die eine Abhängigkeit des Westens folgte, droht sich bei der Natrium-Ionen-Technologie zu wiederholen, wenn europäische und US-amerikanische Hersteller nicht jetzt handeln und von den politischen Entscheidungsträgern entsprechende Anreize erhalten.
Aus Investorensicht kann ein europäisches oder US-amerikanisches Natrium-Ionen-Produkt, das 10 bis 15% mehr kostet als ein vergleichbares chinesisches Produkt, dennoch die richtige Investitionsentscheidung darstellen. Dabei sind Lieferkettenrisikoprämien, die regulatorischen Anforderungen etwa im Rahmen der EU-Batterieverordnung, mögliche CO2-Grenzausgleichsmechanismen sowie die langfristige politische Beständigkeit staatlicher Förderprogramme zu berücksichtigen, die die heimische Produktion ausdrücklich begünstigen.
Europa benötigt erhebliche Investitionen in die Energiespeicherung, um echte Energieunabhängigkeit zu erreichen. Diese Lücke wird weder durch eine einzelne Technologie noch durch eine einzige Region geschlossen werden. Der eigentliche strategische Gewinn liegt im Aufbau einer Speicherindustrie und einer umfassenderen Netzinfrastruktur, die von den westlichen Staaten kontrolliert werden.
---
*) Dario Bertagna, Senior Managing Director, Co-Head of Clean Energy at Capital Dynamics
Gastbeitrag: Tauscht Europa eine Energieabhängigkeit gegen eine andere ein?
Dario Bertagna
