Die kommunale Wärmewende zählt zu den größten Infrastrukturaufgaben Deutschlands. Getrieben durch die kommunale Wärmeplanung, die Dekarbonisierung von Gebäuden und die Transformation industrieller Prozesswärme entsteht ein hoher Investitionsbedarf. Wärmenetze entwickeln sich dabei zunehmend zu kritischer Infrastruktur.
Mit dem 500 Mrd. Euro schweren Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) hat der Bund auf diesen Bedarf reagiert. Für Länder und Kommunen sind daraus 100 Mrd. Euro vorgesehen. Zugleich verdeutlichen Schätzungen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), dass der Finanzierungsbedarf deutlich darüber hinausgeht – bis 2030 sind Investitionen von 721 Mrd. Euro für die Energiewende erforderlich, bis 2035 sogar 1,2 Bio. Euro.
Mammutaufgabe der Dekarbonisierung
Stadtwerke und kommunale Unternehmen (KU) stehen im Zentrum dieser Aufgabe, stoßen jedoch an finanzielle und operative Grenzen: Binnen kurzer Zeit müssen Rekordsummen in neue Netze, den Ausbau erneuerbarer Energien und lokale Wärmeprojekte fließen. Zugleich engen steigende Ausgaben im Sozial- und Personalbereich sowie höhere Zinslasten den Spielraum weiter ein. Dabei lag das kommunale Finanzierungsdefizit 2025 bereits bei 31,9 Mrd. Euro – die kommunalen Spitzenverbände erwarten zugleich einen weiteren Anstieg auf mehr als 35 Mrd. Euro pro Jahr.
Die Doppelbelastung aus Transformation und bilanziellen Restriktionen hemmt die Handlungsfähigkeit der Kommunen, während Netzmodernisierung, Digitalisierung und Versorgungssicherheit parallel um Ressourcen konkurrieren. Erschwerend: Wärmenetze erfordern hohe Anfangsinvestitionen bei langen Amortisationszeiten. Hinzu kommt, dass gesetzliche Fristen und Transformationspfade – insbesondere aus dem Wärmeplanungsgesetz, flankiert durch die Klimaziele des Bundes-Klimaschutzgesetzes und den europäischen Green-Deal-Rahmen – ein Tempo vorgeben, das mit kommunalen Planungs-, Genehmigungs- und Vergabeprozessen häufig schwer vereinbar ist.
Das klassische Finanzierungsmodell kann den Investitionsgraben nicht schließen
In der Vergangenheit reichten in der Regel klassische Kredite, meist vergeben durch regionale Banken, für die Realisierung kommunaler Energieprojekte aus. Angesichts des heutigen Finanzbedarfs stößt dieses Modell an seine Grenzen. Allein über Kredite/Fremdkapital ist die Transformation nicht zu stemmen: Je höher die Kreditaufnahme, desto stärker geraten die Eigenkapitalquoten unter Druck. Ohne tragfähige Eigenkapitalbasis verlieren selbst gesunde Unternehmen ihre Kreditfähigkeit. Aus Sicht der Banken sind Versorger insolvenzfähige Kreditnehmer: Entsprechende Finanzierungen müssen daher regulatorisch mit Eigenkapital unterlegt werden. Der klassische Finanzierungsweg stößt damit an eine harte kaufmännische Grenze.
Wer auf eine umfassende Lösung dieses Problems durch das Sondervermögen des Bundes gehofft hat, muss feststellen, dass diese Lücke nicht allein über öffentliche Mittel geschlossen werden kann. Die Mittel des SVIK schaffen wichtige Spielräume, ersetzen aber keine tragfähige Finanzierungs- und Umsetzungslogik für die Energieinfrastruktur vor Ort. Für den Ausbau der erforderlichen Infrastruktur muss privates Kapital daher stärker als bisher mobilisiert werden.
Gleichzeitig wächst das Interesse institutioneller Investoren an Infrastruktur-Investitionen. Daraus ergibt sich die die Frage: Wie lässt sich die Brücke zwischen kommunalem Kapitalbedarf und privatem Kapital schlagen?
Das Problem ist nicht die Assetklasse
Deutsche Versicherungen, Versorgungswerke und Pensionskassen verwalten ein Anlagevolumen von 2,39 Billionen Euro. Für diese Investoren ist die Assetklasse Infrastruktur hochattraktiv, da sie verlässliche Cashflows, Inflationsschutz sowie ein passendes ESG-Profil bietet und als wichtiger Baustein zur Portfoliodiversifikation dient. Gleichzeitig entwickeln sich Wärmenetze zunehmend zu Plattforminfrastrukturen für sektorübergreifende Energieintegration. Die stärkere Einbindung industrieller Abwärme und Rechenzentrumswärme könnte künftig zusätzliche Investitionsdynamik erzeugen.
Warum ist dann ausgerechnet bei kommunalen Projekten ein umgedrehter „Home Bias“ zu beobachten? Großanleger investieren weltweit in Infrastruktur, meiden aber den heimischen Markt. Im Kern liegt das an mangelnder Skalierbarkeit: Der Wärmemarkt ist sehr stark fragmentiert. Die geringen Ticketgrößen von Projekten einzelner kommunaler Projekte treffen dort zusätzlich auf hohe Overhead-Kosten, weil Rahmenvertragswerke und operative Prozesse häufig fehlen, die einen gewissen Grad an operativer Standardisierung ermöglichen würden.
Um diesen Investitionsknoten aufzulösen, braucht es gezielte Hebel: die Bündelung von Projekten über kommunale Grenzen zur Skalierung von Volumina, Standardisierung von Finanzierungs- und Umsetzungsprozessen sowie regulatorische Weiterentwicklung und beschleunigte Genehmigungsverfahren. Diese Hebel verbessern die Standortattraktivität und adressieren zugleich die Projekt- und Umsetzungsebene.
Fonds als Brücke zwischen kommunaler Realität und Kapitalmarkt
Damit bleibt das Problem der „Investierbarkeit“. Während institutionelle Anleger skalierbare Strukturen, standardisierte Prozesse, lückenlose Reportings und Risikotransparenz benötigen, ist die kommunale Projektlandschaft fragmentiert und heterogen.
Häufig liegt die Herausforderung daher nicht allein in der Kapitalbeschaffung. Viele Wärmeprojekte erreichen die für institutionelle Investoren erforderliche Investitionsreife erst mit erheblichem Aufwand. Zwischen politischem Beschluss, technischer Planung und belastbarem Business Case bestehen oftmals erhebliche Lücken bei Standardisierung, Risikobewertung und Wirtschaftlichkeitsnachweisen. Die eigentliche Engstelle der Wärmewende liegt daher nicht nur im Zugang zu Kapital, sondern ebenso in der Entwicklung einer ausreichenden Pipeline investierbarer Projekte.
Ein Fondsmodell kann hier als geeigneter Intermediär deutlich mehr leisten als reine Kapitalvermittlung: Es bündelt kleinteilige Projekte in kapitalmarktfähige Strukturen und übernimmt zentrale Aufgaben wie technische Due Diligence, Beschaffung und (ESG-)Reporting.
Besonders relevant ist dabei die Frage, wie Zielsetzungen und wirtschaftliche Tragfähigkeit in Einklang gebracht werden können: Es muss geregelt sein, welche Akteure welche finanziellen Risiken tragen können und wie diese Risiken im Verhältnis zur Rendite verteilt werden. Gelingt dies, erhalten kleinere und mittlere Stadtwerke über ein solches Fondsmodell Zugang zu einer Investorenvielfalt, die sonst kaum erreichbar wäre. Das so freigesetzte Kapital, aber auch die eingebrachte Kompetenz, kann zum Schlüssel für eine hochwertige Infrastruktur werden, von der Nutzende und Anlegende durch Versorgungssicherheit, planbare Cashflows und stabile Erträge langfristig profitieren.
Transformation als strategischer Schulterschluss
Deutschland steht vor einem historischen Infrastrukturzyklus, in dem öffentliche Interessen und Kapitalmarktanforderungen komplementär ineinandergreifen müssen. Fließt das Kapital institutioneller Anleger in heimische Netze, stärkt dies die finanzielle Transformationsfähigkeit und bietet ein zusätzliches Potential durch skalierbare Umsetzungsstrukturen und niedrigere Projektkosten. Zugleich partizipieren Bürgerinnen und Bürger über Pensionskassen und Versorgungswerken mittelbar an stabilen Renditen der Dekarbonisierung. Im demografischen Wandel kann dies ein Hebel für gesellschaftliche Akzeptanz sein. Echte Chancen für einen solchen Schulterschluss bieten sich selten. Sie sollten genutzt werden.
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*) Maxi Kussatz, Senior-Investmentberaterin Infrastrukturprojekte bei der aconium, und Robert Guzialowski, Leiter Business Development Real Assets bei der HANSAINVEST
Gastbeitrag: Kommunale Wärmewende zwischen Förderkulisse und Kapitalmarkt
Maxi Kussatz
Robert Guzialowski
