IPE D.A.CH: Herr Dr. Verbiest, ein zentrales Thema Ihrer Arbeit ist die Regulierung. Wo sehen Sie das Hauptproblem heutiger aufsichtsrechtlicher Modelle?
Verbiest: Das Kernproblem sind die kurzfristige Perspektive und die Missachtung von Renditen. Die Regulierung – insbesondere Solvency II – bewertet Portfolios auf Basis eines Einjahres-Risikos. Das führt zu systematischen Fehlanreizen, weil langfristige Investoren wie Versicherungen und Pensionsfonds (im Grunde alle Altersvorsorgeeinrichtungen) eigentlich Risiken über Jahrzehnte tragen. Wenn man nur ein Jahr betrachtet, erscheinen renditestarke Anlagen wie Private Equity oder Aktien übermäßig riskant. Für langfristige Verpflichtungen ist diese Sichtweise jedoch ökonomisch völlig falsch.
IPE D.A.CH: Was bedeutet das konkret für institutionelle Investoren mit einem entsprechenden Horizont bei den Verpflichtungen wie die genannten Versicherer und Pensionssysteme?
Verbiest: Versicherungen müssen Kapital für das sogenannte Einjahres-Extremrisiko vorhalten. Private Equity wird dort mit etwa 49% Risikofaktor angesetzt. Wenn ein Versicherer langfristig sinnvoll investieren möchte – zum Beispiel 50% Private Equity, 10% Aktien und 40% Anleihen –, rutscht seine Solvenz-Quote schnell in den Bereich von 100%. Das verhindert ökonomisch sinnvolle Allokationen. Für Pensionssysteme ist diese Logik noch problematischer: Renten sind nicht kündbar oder kapitalisierbar. Es gibt keinen realistischen „Liquidationsfall“. Trotzdem wird Regulierung so gestaltet, als müsse man jederzeit alles verkaufen können.
IPE D.A.CH: Sie argumentieren, dass sichere Anleihen langfristig riskanter sein können als Aktien oder Private Equity. Wie ist das zu verstehen?
Verbiest: Für einen Pensionsfonds ist das größte Risiko nicht kurzfristige Volatilität, sondern Inflation und steigende Lebenserwartung. Ein Anleiheportfolio ohne Renditepuffer kann diese Risiken nicht ausgleichen. Wenn Inflation steigt oder Menschen länger leben, reichen die Erträge nicht aus. Renditestarke Anlagen bieten hier eine Sicherheitsmarge. Man kann es – bildhaft gesprochen – vergleichen mit einem Ballwurf über eine Mauer: Man zielt nicht knapp über die Mauer, sondern deutlich darüber. Rendite – am besten deutlich – über den Verpflichtungen ist diese Sicherheitsmarge.
IPE D.A.CH: Welche Rolle spielen dabei Private Markets?
Verbiest: Private Equity erzielt historisch rund drei bis vier Prozentpunkte mehr Rendite als börsennotierte Aktien – bei vergleichbarer langfristiger Volatilität. Der Unterschied liegt vor allem in der Illiquidität: Man bindet Kapital langfristig und erhält dafür eine Illiquiditätsprämie. Langfristig gesehen ist das Risiko nicht höher als bei Aktien, aber der Ertrag ist stabiler. Außerdem basiert der Großteil von Private Equity auf realwirtschaftlichen Unternehmen mit operativem Cashflow, nicht auf spekulativen Bewertungsniveaus wie teilweise an Aktienmärkten.
IPE D.A.CH: Es gibt von unterschiedlichen Gruppen immer wieder Kritik, dass Private Equity nur wegen Leverage und Bewertungsglättung gut aussehe. Wie bewerten Sie das?
Verbiest: Wenn man sich tatsächliche Rückflüsse anschaut – also Cash, der an Investoren zurückgezahlt wird –, bestätigt sich die Outperformance. Zudem zeigen Studien, dass Fonds mit höherem Leverage nicht systematisch besser abschneiden als solche mit moderatem Leverage. Ein weiterer Punkt dazu: Schulden disziplinieren das Management. Unternehmen mit Kapitalmarktdruck arbeiten oft effizienter als solche mit überschüssiger Liquidität.
IPE D.A.CH: Sie haben ein eigenes langfristiges Simulationsmodell zur Portfoliooptimierung entwickelt. Warum?
Verbiest: Weil klassische Portfoliooptimierung nur wenige Jahresperioden betrachtet. Für Verpflichtungen über 40 oder gar 70 Jahre braucht man Cashflow-basierte Modelle. Ich wollte ein System entwickeln, das Inflation, Zinsen, Langlebigkeit und verschiedene Assetklassen konsistent integriert. Am häufigsten werden hierfür Monte-Carlo-Modelle verwendet, die jedoch Black Boxes sind. Mein Ansatz ist deterministisch: Hier lässt sich genau nachvollziehen, wie ein Ergebnis zustande kommt.
IPE D.A.CH: Was haben Sie am Beispiel eines großen staatlichen Fonds wie dem KENFO (Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung) simuliert und was waren die Resultate?
Verbiest: Wir haben simuliert, ob der Fonds seine Verpflichtungen erfüllen kann. Das Ergebnis: In rund 93% der Szenarien kann er alle Zahlungen leisten Dies ist auf die hohe Allokation in privaten Märkten und Aktien zurückzuführen. Bei einem reinen Anleihenportfolio wäre diese Wahrscheinlichkeit deutlich geringer.
IPE D.A.CH: Direkt und etwas ketzerisch gefragt – warum investieren europäische Institutionen dann trotzdem so wenig in Private Markets?
Verbiest: Hauptgrund ist Regulierung. Versicherungen werden in Staatsanleihen gedrängt. Außerdem gibt es starken Peer-Druck: Niemand will stark von der „Standardallokation“ abweichen. Große angelsächsische Pensionsfonds haben dagegen oft 50% bis hin zu 70% in Private Markets. Europa ist hier deutlich konservativer.
IPE D.A.CH: Wir haben über den Status Quo bereits gesprochen, was müsste sich aus Ihrer Sicht konkret regulatorisch ändern?
Verbiest: Erstens sollte man sich von der Einjahresperspektive lösen und stattdessen Risikohorizonte betrachten, die der Laufzeit der Verbindlichkeiten entsprechen. Zweitens müssen Renditen in die Risikobewertung einbezogen werden. Drittens sollte die Bürokratie reduziert werden, denn Solvency II erzeugt Hunderte von Meldeformularen, die kaum Bedeutung haben. Es wäre sinnvoll, die Risikotragfähigkeit und die Stresstests über die gesamte Laufzeit der Verbindlichkeiten zu regeln.
IPE D.A.CH: Welche gesellschaftliche Dimension hat diese Debatte?
Verbiest: Wenn institutionelles Kapital nicht in produktive Investitionen fließt, fehlt es an Finanzierung für Innovation und Infrastruktur. In den USA stammt ein Großteil des Venture Capitals indirekt aus Pensionsvermögen. In Europa blockiert Regulierung diesen Kanal. Langfristig schwächt das Wachstum und verschärft das Rentenproblem.
IPE D.A.CH: Wie lautet dann Ihr Fazit?
Verbiest: Langfristige Verbindlichkeiten brauchen langfristige Renditen. Wer nur auf kurzfristige Risiken schaut, produziert langfristige Sicherheitseinbußen. Private Markets sind kein exotisches Risiko, sondern ein notwendiger Bestandteil nachhaltiger Altersvorsorge.
IPE D.A.CH: Vielen Dank für diese spannenden Einblicke und offenen Worte.
„Regulierung im Spannungsfeld: Wie Solvency II-ähnliche Regulierung die Altersvorsorge gefährdet“
Dr. Eddy Verbiest
