Nach der aktuellen Studie „DAX-Pensionswerke 2025“ der Beratungsgesellschaft WTW legte der Ausfinanzierungsgrad gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozentpunkte zu. Während die Pensionsvermögen leicht auf 258 Mrd. Euro zurückgingen, sanken die Verpflichtungen deutlich stärker auf 298 Mrd. Euro. Haupttreiber dieser Entwicklung ist der signifikante Anstieg des Rechnungszinses, der im Median um 67 Basispunkte auf 4,10% kletterte.
Für Hanne Borst, Leiterin Retirement Deutschland bei WTW, ist die Entwicklung Ausdruck eines strukturellen Trends: Die Kombination aus steigenden Zinsen und soliden Kapitalmärkten habe die Pensionswerke „erneut deutlich entlastet“ – viele Unternehmen stünden heute so gut da wie seit Jahren nicht.
Vom Nullzins zur neuen Normalität
Der Hintergrund dieser Entwicklung reicht mehrere Jahre zurück. Nach einer langen Phase ultraniedriger Zinsen bis 2021 hat sich das Marktumfeld seit 2022 grundlegend verändert. Der kräftige Zinsanstieg – ausgelöst durch Inflationsdynamik und geldpolitische Straffung – wirkt sich unmittelbar auf die Bewertung von Pensionsverpflichtungen aus, die mit Marktzinsen diskontiert werden.
Der aktuelle Rechnungszins von 4,10% markiert dabei mehr als nur eine Momentaufnahme. Vieles spricht dafür, dass sich ein neues, strukturell höheres Zinsniveau etabliert. Eine Rückkehr zu den Niedrigzinsen der Vergangenheit gilt als zunehmend unwahrscheinlich. Stattdessen erwarten Marktteilnehmer ein Umfeld, in dem sich Zinsen in einem breiteren Korridor bewegen.
Diese „neue Zinsnormalität“ hat weitreichende Konsequenzen: Steigende Diskontierungszinsen reduzieren den Barwert der Verpflichtungen – und verbessern damit automatisch die Ausfinanzierungsgrade. Genau dieser Effekt hat die aktuelle Entwicklung maßgeblich geprägt.
Dr. Johannes Heiniz, Leiter General Consulting Retirement bei WTW, bringt die veränderte Ausgangslage auf den Punkt: Ein Ausfinanzierungsgrad nahe 90% „verändert die Spielregeln im Pensionsmanagement“ und eröffnet neue Optionen zur systematischen Risikoreduktion.
Kapitalmärkte: robust, aber nervöser
Parallel zum Zinsanstieg zeigten sich die Kapitalmärkte 2025 widerstandsfähig – trotz geopolitischer Spannungen, Handelskonflikten und geldpolitischer Unsicherheiten. Aktienmärkte legten zu, während Anleihen – abhängig von Laufzeit und Bonität – differenzierte Ertragsbeiträge lieferten.
Gleichzeitig hat sich die Marktmechanik spürbar verändert. Narrative, politische Entwicklungen und kurzfristige Erwartungsänderungen gewinnen an Einfluss. „Die Märkte reagieren heute stärker auf wahrgenommene Entwicklungen als auf Fundamentaldaten“, beobachtet Nikolaus Schmidt-Narischkin, Managing Director Investments bei WTW. Die Folge sind höhere Schwankungen – aber auch neue Opportunitäten für aktive Investoren.
Auch der Blick auf 2026 unterstreicht die Fragilität des Umfelds: Steigende Inflationserwartungen, unter anderem getrieben durch höhere Energiepreise, haben die Zinserwartungen zuletzt wieder nach oben verschoben. Weitere Zinssenkungen erscheinen aktuell unwahrscheinlich, teilweise werden sogar erneute Erhöhungen eingepreist.
Strategische Neuausrichtung der Kapitalanlagen
Vor diesem Hintergrund gewinnt die strategische Steuerung der Kapitalanlagen weiter an Bedeutung. Viele Pensionswerke justieren ihre Allokationen, um sowohl von höheren Renditen zu profitieren als auch Risiken gezielter zu steuern.
Ein zentrales Element bleibt dabei das Liability-Driven Investment (LDI), bei dem die Zinssensitivität der Assets eng an die Verpflichtungen gekoppelt wird. Gleichzeitig gewinnen Cashflow-orientierte Strategien an Attraktivität. Anlagen mit stabilen Zahlungsströmen – etwa Infrastrukturkredite, Private Credit oder langfristig vermietete Immobilien – können die Finanzierung der Pensionsleistungen planbarer machen.
Das gestiegene Renditeniveau spielt diesen Strategien in die Hände. Fixed Income ist wieder ein tragfähiger Ertragsbaustein, während illiquide Anlagen zusätzliche Diversifikation bieten. Entsprechend betont Schmidt-Narischkin die Notwendigkeit breiter Diversifikation, um „Marktschwankungen abzufedern und verlässliche Renditeprofile zu sichern“.
De-Risking rückt in den Vordergrund
Mit dem gestiegenen Ausfinanzierungsgrad verschiebt sich der Fokus vieler Unternehmen zunehmend von Renditeaufbau hin zur Risikoreduktion. Der aktuelle Spielraum ermöglicht es, Pensionsrisiken aktiv zu managen und teilweise aus den Bilanzen zu entfernen.
Neben etablierten Instrumenten wie Contractual Trust Arrangements (CTA) oder Pensionsfonds gewinnen umfassendere Lösungen an Bedeutung. Insbesondere Pension-Buyouts – also die vollständige Übertragung von Verpflichtungen auf externe Anbieter – rücken stärker in den Fokus.
Für Heiniz ist dieser Trend bereits sichtbar: Jüngste Transaktionen zeigten, dass entsprechende Strukturen nicht nur konzeptionell, sondern auch operativ funktionieren und Bilanzrisiken effektiv reduzieren können.
Mehr als Bilanzthema: Mitarbeiter rücken in den Fokus
Parallel zur bilanziellen Optimierung gewinnt ein weiterer Aspekt an Bedeutung: die finanzielle Bildung der Mitarbeitenden. Viele Unternehmen investieren verstärkt in digitale Informations- und Beratungstools, um Transparenz über Rentenansprüche und Vorsorgebedarf zu schaffen.
Damit erweitert sich das Pensionsmanagement zunehmend über die reine Kapitalanlage hinaus – hin zu einem ganzheitlichen Ansatz, der auch die individuelle Vorsorgekompetenz der Beschäftigten adressiert.
Fazit: Zinswende als Katalysator struktureller Veränderungen
Die Entwicklung der DAX-Pensionswerke im Jahr 2025 ist mehr als ein zyklischer Effekt. Der Übergang in ein neues Zinsregime wirkt als Katalysator für tiefgreifende Veränderungen im Pensionsmanagement.
Höhere Zinsen entlasten die Bilanzen, erhöhen die Ausfinanzierungsgrade und eröffnen strategische Optionen. Gleichzeitig bleibt das Umfeld volatil und komplex – was eine aktive, differenzierte Steuerung der Kapitalanlagen erfordert.
Für institutionelle Investoren bedeutet das: Die Phase des reinen „Durchhaltens“ im Niedrigzinsumfeld ist vorbei. An ihre Stelle tritt ein Umfeld, das wieder mehr Gestaltungsspielraum bietet – aber auch neue Anforderungen an Governance, Risikomanagement und Investmentstrategie stellt.
DAX-Pensionswerke profitieren vom Zinsregimewechsel – Spielräume für De-Risking wachsen
Nikolaus Schmidt-Narischkin
Hanne Borst
