Unsicherheit bleibt das dominierende Marktmerkmal
„Noise“ sei derzeit das prägende Merkmal der Kapitalmärkte, erklärte George Gatch, CEO von J.P. Morgan Asset Management. In Gesprächen mit institutionellen Investoren dominierten geopolitische Konflikte, Inflationssorgen, Bewertungsfragen sowie die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf Wirtschaft und Asset Management. Ein derart hohes Maß an Unsicherheit habe er in seiner bisherigen Karriere selten erlebt. Gleichzeitig sei genau dieses Umfeld ein Argument gegen eine statische Asset Allocation. Vielmehr zwinge die Marktphase Investoren dazu, Portfolios kontinuierlich zu hinterfragen und neue Renditequellen zu erschließen. Das größte makroökonomische Risiko bleibe dabei die Inflation.
Bewertungsrisiken konzentrieren sich auf wenige Marktsegmente
Besonders aufmerksam blickt Gatch auf die Bewertung der größten US-Technologieunternehmen. Die zentrale Frage sei weniger, ob künstliche Intelligenz langfristig Wertschöpfung generiere, sondern ob die derzeitigen Gewinnerwartungen tatsächlich erreicht werden können. Entsprechend konzentrieren sich die Bewertungsrisiken vor allem auf jene Unternehmen, deren Aktienkurse bereits sehr hohe Wachstumserwartungen eingepreist haben.
Neben den Aktien- und Rentenmärkten rückt auch die boomende Assetklasse Private Assets zunehmend in den Fokus institutioneller Investoren. Gatch erwartet eine stärkere Konvergenz zwischen öffentlichen und privaten Märkten und warnt davor, das Renditepotenzial privater Anlagen zu unterschätzen. Gleichzeitig erfordere dieses Segment aufgrund seiner geringeren Liquidität, komplexeren Bewertungsmechanismen und spezifischen Risikoprofile ein hohes Maß an Expertise. Wer sich ausschließlich auf börsennotierte Anlagen konzentriere, laufe Gefahr, einen wachsenden Teil des globalen Investmentuniversums auszublenden.
Karen Ward, Chief Market Strategist EMEA, sieht deshalb eine zunehmende Verbreiterung der Marktchancen. Nach Jahren, in denen die Performance globaler Aktienmärkte nahezu ausschließlich von wenigen US-Mega-Caps getragen wurde, dürfte sich das Gewinnwachstum künftig auf weitere Regionen und Branchen ausdehnen. Gleichzeitig erscheint der MSCI ACWI mit einem für 2026 erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp unter 15 deutlich attraktiver bewertet als die Top-10 Unternehmen aus dem S&P 500. Dennoch sieht die Fondsgesellschaft weiterhin attraktive Opportunitäten insbesondere in den Emerging Markets. Laut Ward flossen seit 2022 rund 1,2 Billionen US-Dollar an Kapital nach Asien und etwa 400 Milliarden US-Dollar nach Europa. Für die Strategin ist dies ein Indiz dafür, dass sich Wachstum und Kapitalmarkterträge künftig sowohl regional als auch sektoral breiter verteilen werden. Ihr Appell an Investoren lautet daher: „Be invested despite political headlines.“
Höhere Renditen schaffen neue Diversifikationsmöglichkeiten
Auch aus Sicht des Anleihemarktes zeichnet sich ein differenzierteres Bild ab. Ian Stanley, International CIO Global Fixed Income, Currency and Commodities (GFICC), wies darauf hin, dass sich die einjährigen Inflationserwartungen der Marktteilnehmer zuletzt nur wenig verändert hätten. Zwar hätten die Energiepreisschocks die Wachstumserwartungen gedämpft, ihr Einfluss auf die langfristigen Inflationserwartungen sei jedoch deutlich geringer ausgefallen als vielfach befürchtet. Gleichwohl könnten steigende Anleiherenditen die Stimmung an den Aktienmärkten im weiteren Jahresverlauf belasten. In den USA rentieren zehnjährige Staatsanleihen inzwischen bei rund 4,5%, in Großbritannien nähern sich die Renditen der Fünf-Prozent-Marke.
Europa rückt wieder in den Fokus
Positiv bewertet Gatch darüber hinaus die Entwicklung europäischer Kapitalmärkte. Die steigenden Kapitalzuflüsse spiegelten das wachsende Vertrauen internationaler Investoren wider. Gleichzeitig sieht er erhebliches Potenzial, sollte ein größerer Teil der privaten Ersparnisse in produktive Kapitalmarktanlagen fließen. Während in den USA rund 60% des Haushaltsvermögens in Wertpapieren investiert seien, liege dieser Anteil in Europa bei ca 40-45% deutlich niedriger. Aus Sicht von Gatch stellt diese Investitionslücke einen strukturellen Wachstumshebel für den europäischen Kapitalmarkt dar.
Europa braucht Wachstum – und produktiveres Kapital
Für Patrick Thomson, CEO von J.P. Morgan Asset Management für Europa, liegt die größte Herausforderung der Region weniger in den Kapitalmärkten als im Wachstum selbst. Europa verfüge über enorme private Ersparnisse, doch ein erheblicher Teil dieses Vermögens liege unverzinst auf Bankkonten. Würde auch nur ein Teil dieser Mittel in produktive Kapitalmarktanlagen fließen, könnte dies nicht nur die Finanzierung von Unternehmen erleichtern, sondern angesichts der demografischen Herausforderungen auch das langfristige Wirtschaftswachstum unterstützen.
Gleichzeitig erkennt er einen Wandel der politischen Rahmenbedingungen. Im Vergleich zu früher seien europäische Regierungen berechenbarer geworden und stärker darauf ausgerichtet, Investitionen anzuziehen. Entscheidend seien dabei weniger staatliche Anreize als vielmehr verlässliche und langfristig stabile regulatorische Rahmenbedingungen. Diese zunehmende Planungssicherheit könnte Europa im internationalen Wettbewerb um Kapital zusätzlich stärken. Zugleich mahnte Thomson die etablierte Finanzindustrie, den zunehmenden Wettbewerb durch Neobanken nicht zu unterschätzen und den technologischen Wandel aktiv mitzugestalten.
Fazit
Die Kapitalmärkte stehen weiterhin unter dem Einfluss geopolitischer Risiken, einer hartnäckigen Inflation und höherer Zinsen. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass die Phase einer extremen Marktkonzentration ihrem Ende entgegengeht. Chancen entstehen zunehmend außerhalb der großen US-Technologiewerte – regional in Europa, Japan und den Emerging Markets sowie thematisch entlang der KI-Infrastruktur und ausgewählter Rentensegmente. Für institutionelle Investoren spricht damit vieles für eine breiter diversifizierte Asset Allocation, die Bewertungsrisiken reduziert und gleichzeitig strukturelle Wachstumstreiber konsequent nutzt.
Zwischen Unsicherheit und Chancen: Warum Anleger jetzt den Blick weiten sollten
