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Kommentar: Wenn Geopolitik zum bestimmenden wirtschaftlichen Faktor wird

In einem Marktumfeld, in dem geopolitischen Risiken zunehmend Normalität statt Ausnahme sind, muss strategische Portfoliostärkung und -diversifikation neu ausgerichtet werden. Lange Zeit taten sich die Märkte schwer damit, solche Risiken adäquat einzupreisen. Dies liegt primär daran, dass geopolitische Eskalationen häufig als temporäre Volatilitätsschocks missverstanden werden – in der Erwartung, diese lediglich aussitzen zu müssen, bis nach einer Beruhigung der Lage wieder der Status quo eintritt.

Marc Seidner

Pramol Dhawan

Geopolitische Spannungen sind heute kein punktuelles Phänomen mehr, sondern das Kennzeichen einer zunehmend fragmentierten, multipolaren Weltordnung. Die globale Stabilität schwindet, was mit einer Schwächung multinationaler Institutionen einhergeht. In der Folge war die unmittelbare Wirkung geopolitischer Dynamiken auf Handelsströme, Lieferketten, die Energie- und Industriepolitik sowie Inflation und Wachstum nie größer. Anders ausgedrückt: Geopolitik ist zu einem zentralen ökonomischen Einflussfaktor avanciert, der im Portfoliomanagement zwingend Berücksichtigung finden sollte.

In einer Welt mit geringen geopolitischen Risiken, expansiver Geldpolitik und moderater Volatilität hatten passive Investmentansätze ihre Blütezeit. Diese Epoche ist jedoch vorbei. An ihre Stelle ist ein Marktumfeld getreten, in dem Risiken asymmetrisch verteilt sind – was zu einer ausgeprägten Divergenz mit klaren Gewinnern und Verlierern über Länder, Sektoren und Anlageklassen hinweg führt.

Die Navigation in einem solchen Umfeld erfordert Agilität: Positionen müssen flexibel umgeschichtet, angepasst und Marktineffizienzen opportunistisch genutzt werden – eine Reaktionsfähigkeit, die passiven Indizes strukturell fehlt. Strategisch am besten geeignet sind daher flexible, branchenübergreifende Ansätze, die auf einer rein objektiven Risikobewertung basieren. Nachhaltiger Anlageerfolg erfordert daher künftig eine präzise Differenzierung nach Branchen, Anlageklassen und Liquiditätsprofilen, um die attraktivsten risikobereinigten Renditechancen zu identifizieren.

Makroökonomische Ausgangsbedingungen
Die aktuelle, konfliktbedingte Marktvolatilität verleitet zu Vergleichen mit dem Jahr 2022. Damals kollidierte ein exogener Energieschock mit einer postpandemischen Weltwirtschaft, die durch erhebliche strukturelle Ungleichgewichte und historisch niedrige Anleiherenditen gekennzeichnet war. Infolge der rasant steigenden Inflation kam es zu einem synchronen Ausverkauf an den Aktien- und Anleihemärkten. Generell nahmen die Korrelationen zwischen unterschiedlichen Assetklassen stark zu. Möglichkeiten zur Diversifikationen schienen also ausgerechnet dann zu verschwinden, als sie eigentlich dringend gebraucht wurden.

Der entscheidende Unterschied heute liegt in den Ausgangsniveaus der Renditen. Signifikant höhere Renditen bei festverzinslichen Wertpapieren bieten Portfolios nun einen substanziellen Risikopuffer. Anleihen haben in jüngsten Stressphasen ihre traditionelle Funktion zur Schockabsorption wieder erfolgreich aufgenommen.

Abb. 1: Renditen boten im Vergleich zum Jahr 2022 eine höhere Sicherheitsmarge

Source: Bloomberg data as of 21 April 2026

Fokus auf strategische Diversifikation
Geopolitische Verwerfungen treffen einzelne Länder und Anlageklassen mit stark asymmetrischer Intensität. Angesichts dieser zunehmenden Divergenz zwischen Gewinnern und Verlierern büßt die reine Marktentwicklung – das Beta – spürbar an Relevanz ein. Dagegen gewinnt Selektivität durch die anhaltende geopolitische Fragmentierung massiv an Bedeutung. Beispielhaft lässt sich diese Entwicklung an den Schwellenländern ablesen, deren Stabilität und Ertragspotenzial stark davon abhängen, ob es sich um Energieexporteure oder -importeure handelt.

Gezielte Instrumente zur Inflationsabsicherung
Inflationsrisiken stehen seit dem Ausbruch des Nahostkonflikts im Fokus der Kapitalmärkte, was die strategische Relevanz inflationsgebundener Anleihen untermauert. In den USA bieten sich hierfür klassischerweise Treasury Inflation-Protected Securities (TIPS) als liquides Absicherungsinstrument an. Allerdings weisen diese in volatilen Marktphasen eine strukturelle Schwäche auf: Steigen die Realrenditen, führen die längeren Laufzeiten aufgrund des erhöhten Zinsänderungsrisikos zu Kursverlusten – selbst bei gleichzeitig anziehenden Inflationsrisiken.

Portfoliostrategien mit Fokus auf kurzlaufende inflationsgebundene Titel sowie der gezielte Einsatz von Inflationsswaps optimieren den Absicherungseffekt signifikant. Solche Ansätze erlauben es, die reine Inflationskomponente im Portfolio zu isolieren und parallel dazu die Sensitivität gegenüber allgemeinen Renditebewegungen effektiv zu steuern.

Potenziale im Rohstoffsektor
Kaum eine Assetklasse spiegelte die steigenden Inflationserwartungen in den letzten Monaten so lehrbuchmäßig wider wie die Rohstoffe, was sich in ausgeprägten Kursschwankungen und oft sehr hohen Kursgewinnen äußerte. Wichtig zu beachten bleibt, dass temporär erhöhte Marktturbulenzen die Risikoprämien – definiert als die Vergütung, die Anleger für das Tragen bestimmter Risiken erhalten – regelmäßig neu kalibrieren. Im Rohstoffbereich kreierte dieses Umfeld enorme langfristige Gelegenheiten. Strategisch erfolgreich sind hierbei Akteure, die primär den relativen Wert analysieren – etwa entlang von Rohstoffkurven und Preisrelationen zwischen verschiedenen Rohstoffen–, statt auf ungesicherte Richtungswetten zu vertrauen.

Fazit: Resilienz als Leitmotiv in einem volatilen geopolitischen Umfeld
Effektive Risikominimierung setzt voraus, dass Investoren ihre Portfolios so strukturieren, dass sie Anpassungsfähigkeit gegenüber singulären Schocks und langfristigen strukturellen Trends im geopolitischen Gefüge vereinen.

Auf kurze Sicht und in volatilen Marktphasen präsentieren sich Korrelationen zwischen Anlageklassen häufig uneinheitlich, sodass Diversifikation auf den ersten Blick schwer realisierbar scheint. Ausgerichtet auf eine langfristige Perspektive, setzt sich der risikomindernde Effekt der Diversifikation im Portfolio jedoch verlässlich wieder durch.

Flexible, multilaterale Strategietypen – wie dynamische Anleihefonds und einkommensorientierte Portfoliostrukturen – sind optimal mit den Anforderungen des heutigen Umfelds vereinbar. Mittels dieser Ansätze lassen sich Disparitäten gewinnbringend nutzen, eine gezielte Inflationsminderung anstreben und Relative-Value-Chancen im Markt realisieren.

Das aktuelle Marktumfeld belohnt Flexibilität und bestraft Starrheit. Anpassungsfähigkeit ist daher kein reines Qualitätsmerkmal der Portfolioplanung mehr, sondern die entscheidende Strategie.

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*) Marc Seidner, CIO Non-traditional Strategies, und Pramol Dhawan, Head of Emerging Markets Portfolio Management beide PIMCO