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Kommentar: Strukturelle Unsicherheit als neue Normalität - die neue Rolle von Private Credit und Private Equity

Das aktuelle Kapitalmarktumfeld ist von anhaltender Unsicherheit geprägt. Geopolitische Spannungen, strukturelle Veränderungen in der Weltwirtschaft und ein zunehmend fragmentiertes regulatorisches Umfeld erschweren verlässliche Prognosen. Gleichzeitig suchen institutionelle Anleger gerade in diesem Umfeld verstärkt nach stabilen Ertragsquellen und widerstandsfähigen Portfoliobestandteilen. Private Märkte rücken daher zunehmend in den Fokus strategischer Allokationsentscheidungen.

 

Laura Parrott

Trotz niedrigerer Inflationsraten erscheinen öffentliche Anleihemärkte auf den ersten Blick attraktiv. Allerdings bleiben Risiken bestehen: Das Durationsrisiko ist angesichts der potenziellen Zinsvolatilität nach wie vor präsent, während sich die Kredit-Spreads in vielen Segmenten bereits deutlich verengt haben. Für langfristige Anleger mit klar definierten Commitments ist das Renditepotenzial traditioneller Fixed-Income-Benchmarks daher begrenzt. Zudem stoßen öffentliche Märkte zunehmend an ihre Grenzen, wenn es um vorhersehbare Cashflows und das aktive Management von Risikotreibern geht.

Vor diesem Hintergrund gewinnen alternative Kreditstrategien strukturell an Bedeutung. Viele institutionelle Portfolios sind nach wie vor in privaten Kreditmärkten untergewichtet, obwohl diese nicht nur zusätzliche Renditequellen erschließen, sondern auch Funktionen übernehmen können, die bisher traditionellen Kernallokationen vorbehalten waren. Die bewusste Übernahme von Illiquiditätsrisiken ermöglicht langfristig höhere laufende Renditen, eine größere Kontrolle über die Strukturierung und Besicherung sowie eine geringere Abhängigkeit von kurzfristigen Marktbewegungen.

Zu den relevanten Segmenten zählen Senior Loans, Mid-Market Direct Lending, Collateralized Loan Obligations (CLOs), öffentliche und private verbriefte Vermögenswerte sowie Immobilien- und Infrastrukturfinanzierungen. Darüber hinaus gewinnen spezialisierte Strukturen wie C-PACE-Finanzierungen an Bedeutung, da sie langfristige Cashflows mit Investitionen in Energieeffizienz und nachhaltige Immobilien verbinden. Für Anleger mit langfristigen Verbindlichkeiten können diese Strategien somit einen stabilisierenden Beitrag zur Portfoliostruktur leisten.

Gleichzeitig verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Kreditmärkten. Die Transaktionsvolumina im privaten Direktkreditgeschäft erreichen mittlerweile Größenordnungen, die bisher dem syndizierten Kreditmarkt vorbehalten waren. Asset-basierte Finanzierungen werden zunehmend so strukturiert, dass sie sowohl für öffentliche als auch für private Kapitalmarktinvestoren attraktiv sind. Diese Entwicklung erfordert ein Umdenken in der Portfoliostrukturierung: weg von einer Trennung nach Marktsegmenten hin zu einer integrierten Betrachtung der Kreditrisiken über das gesamte Public-to-Private-Spektrum.

Der schnell wachsende Private-Credit-Markt ist in letzter Zeit zunehmend in die Kritik geraten. Fragen nach einer möglichen Überhitzung greifen jedoch zu kurz. Zwar gibt es Anzeichen für eine aggressivere Kreditvergabe und schwächere Covenants in einzelnen, risikoreicheren Segmenten, doch ergeben sich insbesondere im Bereich der Direktkredite an kleine und mittlere Unternehmen weiterhin attraktive Chancen, nicht zuletzt aufgrund des anhaltenden Rückzugs der Banken aus Teilen der Unternehmensfinanzierung.

Die zunehmende Streuung der Ergebnisse ist hier ein entscheidender Faktor. Die Phase, in der steigende Kapitalzuflüsse allen Marktteilnehmern gleichermaßen zugutekamen, dürfte vorbei sein. Selektivität, Strukturierungstiefe, robuste Kreditbedingungen und aktives Management gewinnen deutlich an Bedeutung. Erfahrene Manager mit etablierten Origination-Netzwerken und der Fähigkeit, Kreditbeziehungen aktiv zu steuern, haben einen klaren Vorteil – insbesondere in Stressphasen, in denen Restrukturierungen erforderlich sein können.

Unter diesen Umständen verdient auch Private Equity eine stärkere strategische Berücksichtigung. Sinkende Zinsen könnten die M&A-Aktivitäten wiederbeleben, während das schwierigere Kapitalbeschaffungsumfeld dazu führt, dass vor allem erfahrene Manager mit disziplinierten Investitionsansätzen Kapital einsetzen. Strategien, die sich auf vorrangiges Kapital und ausgewählte Sekundärmarkttransaktionen mit klaren, transparenten Strukturen konzentrieren, erscheinen besonders attraktiv. Für institutionelle Anleger bietet Private Equity somit nicht nur potenzielle Renditen, sondern auch die Möglichkeit, langfristig an der realen Wertschöpfung teilzuhaben.

Langfristige strukturelle Trends verstärken die Relevanz privater Märkte zusätzlich. Der steigende Energiebedarf aufgrund von Elektrifizierung, Reindustrialisierung und dem Ausbau von Rechenzentren, Investitionen in die Energieinfrastruktur und Dekarbonisierung sowie demografische Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt schaffen einen Finanzierungsbedarf, der über Jahrzehnte bestehen wird. Private-Credit- und Private-Equity-Strategien sind ideal geeignet, um diese Entwicklungen flexibel und im Einklang mit den Kapitalmärkten zu begleiten.

Insgesamt gibt es viele Gründe, alternative Kredite und Private Equity nicht mehr nur als taktische Ergänzung von Portfolios zu betrachten. In einem Umfeld begrenzter Renditen an den öffentlichen Märkten, erhöhter Volatilität und strukturellem Finanzierungsbedarf übernehmen sie zunehmend die Funktionen traditioneller Kernkomponenten: Sie bieten vorhersehbare Cashflows, ermöglichen ein gezieltes Management von Kreditrisiken und tragen zur Stabilisierung der Portfoliostruktur bei. Für institutionelle Anleger mit einem langfristigen Anlagehorizont sind sie daher weniger eine zyklische Chance als vielmehr eine strategische Antwort auf ein dauerhaft verändertes Kapitalmarktumfeld.

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*) Laura Parrott, Leiterin Private Fixed Income bei Nuveen