Der Blick auf 2026 wird dadurch geprägt, dass zyklische Interpretationen mit einer Realität kollidieren, die von langfristigen technologischen und politischen Kräften getragen wird. Die Dynamik ähnelt keiner klassischen Phase historischer Wirtschaftszyklen. Vielmehr entsteht ein Gefüge, das die USA in eine Position struktureller Resilienz führt. Diese basiert auf Produktivitätsmechanismen, technologischer Diffusion, staatlich verankerter Industrieförderung und einer nach innen gerichteten Investitionslogik, die globalen Störfaktoren weitgehend standhält.
Ein wesentlicher Grund für die Widerstandskraft liegt in einem makroökonomischen Gleichgewicht, das trotz moderater Wachstumszahlen eine stabile Ausgangslage schafft. Das erwartete reale BIP-Wachstum von ca. 1,6% für 2026 ergibt in Verbindung mit dem Inflationspfad ein Umfeld, das sich historisch als ausgesprochen günstig für Aktienmärkte erwiesen hat. Während viele Volkswirtschaften unter schwachem Wachstum, politischer Unsicherheit und niedriger Investitionstätigkeit leiden, unterscheiden sich die USA in einem zentralen Punkt: Es existiert ein robuster, politisch katalysierter Investitionszyklus, der unabhängig vom globalen Umfeld Nachfrage stimuliert und sowohl Industrie als auch technologiegetriebene Sektoren trägt.
Dieser Investitionszyklus – gespeist durch IRA, CHIPS Act und ergänzende Programme – bildet den größten politisch gesteuerten Industrialisierungsschub der USA seit Jahrzehnten. Anders als klassische Konjunkturprogramme beruhen diese Maßnahmen nicht auf kurzfristigen Anreizen, sondern auf langfristigen Strukturentscheidungen. Die USA verfolgen das Ziel, kritische Wertschöpfungsketten wie Energie, Halbleiter, Batterien, elektrische Infrastruktur, Netzausbau und industrielle Schlüsselkomponenten ins Inland zurückzuholen. Fertigungsindustrien verzeichnen bereits steigende Auftragseingänge in Maschinenbau, Elektronikfertigung, Netzausbau und industrieller Infrastruktur. Entscheidend ist, dass die USA geopolitische Sicherheit, Energiepolitik und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eng miteinander koppeln und so einen robusten Nachfragekern schaffen.
Small Caps profitieren hiervon überproportional, weil ein erheblicher Teil des inländischen Investitionsvolumens in nicht global diversifizierte Unternehmen fließt. Die Kombination aus zinssensitiven Geschäftsmodellen und steigenden industriellen Aufträgen schafft ein Umfeld, in dem kleine und mittelgroße Unternehmen erstmals seit Jahren strukturellen Rückenwind erhalten.
Der jüngste Produktivitätsschub zeigt sich zunehmend als strukturelle Bewegung. Jahrzehntelang wuchs die Produktivität entlang eines flachen Trends von ca. 1,4%. Die erwarteten Zuwächse von 2,4 bis 2,9% für 2026 stellen einen tiefgreifenden Bruch dar. Die erste Phase des KI-Zyklus war geprägt von massiven Ausgaben für Rechenzentren, Halbleiterkapazitäten, Trainingsinfrastruktur und spezialisierte Hardware. 2026 beginnt die Phase, in der diese Investitionen in konkrete Prozesse diffundieren. Unternehmen setzen KI zunehmend ein, um Arbeitsabläufe zu beschleunigen, Fehlerquoten zu senken, administrative Tätigkeiten zu automatisieren und operative Prozesse zu optimieren. Dies zeigt sich bereits in Unternehmensberichten großer Technologieanbieter, die von deutlichen Effizienzsteigerungen berichten.
Die demografische Struktur der USA verstärkt diesen Trend. Der Arbeitskräftezuwachs verlangsamt sich, während der Bedarf an Dienstleistungen und Gesundheitsversorgung steigt. Produktivität wird daher zur notwendigen Wachstumsbasis. KI dient nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu knappen Arbeitskräften. Wenn Produktivität nahezu im Gleichschritt mit Löhnen wächst, bleiben die Lohnstückkosten stabil. Die operative Nettomarge von ca. 13,3% reflektiert genau diese Dynamik und bildet die Grundlage für das hohe erwartete EPS-Wachstum.
Das Gewinnwachstum des S&P 500 liegt 2026 voraussichtlich im Bereich von 13-14% und übersteigt das historische langfristige Wachstum deutlich. Die Bewertung mit einem Forward-KGV von ca. 23 erscheint moderat erhöht, wird aber durch Margen, Produktivität und die strukturelle Breite der Ertragsbasis gestützt. Wenn die Gewinne wie erwartet steigen, liegt das realisierte KGV im Bereich von 20 bis 21,5. Die Rolle der Megacaps bleibt bedeutend, doch das Wachstum wird sich breiter verteilen: Industriewerte und Infrastrukturunternehmen rücken stärker in den Fokus. Rückkäufe bleiben ein stabilisierendes Element, da sie das EPS stützen und Volatilität dämpfen.
2026 entsteht damit eine sektorale Struktur, die sich deutlich von jener der Jahre 2020 bis 2023 unterscheidet. Während in dieser Phase das Wachstum stark konzentriert war und die „Magnificent 7“ einen überproportionalen Beitrag leisteten, zeichnet sich nun eine breitere Dynamik ab. Industriewerte profitieren von einer Sichtbarkeit, die sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum hatten. Die Nachfrage nach Maschinenbau, elektrischer Infrastruktur, Fertigungstechnik und Industrieregelungstechnik steigt. Kommunikations- und Medienunternehmen profitieren vom Bedarf an Dateninfrastruktur. Energieunternehmen erhalten Impulse durch klimaneutrale Erzeugung wie auch durch gestiegene Nachfrage nach konventionellen Energiequellen. Healthcare profitiert von der demografischen Struktur und der zunehmenden Integration von KI in Forschung und Diagnostik, Biotech wiederum von staatlichen Förderprogrammen und schnelleren Zulassungsprozessen.
Auffällig ist, dass die anhaltende Marktstärke nicht von Euphorie getragen wird, sondern von stabilen Kapitalströmen und einer vorsichtigen, aber konsequenten Positionierung institutioneller Anleger. Die USA bleiben Anker des globalen Aktienkapitals; mehr als 70% des MSCI World entfallen auf US-Aktien, und ETF-Volumina liegen auf historischen Höchstständen. Zugleich halten institutionelle Investoren signifikante Goldbestände, was auf Absicherung und Risikobewusstsein hindeutet. Ein Markt, der steigt und gleichzeitig konservative Absicherungen aufweist, besitzt eine gesunde Struktur.
Risiken bestehen weiterhin: Politisch motivierte Zollerhöhungen könnten kurzfristig „stagflationäre“ Effekte erzeugen. Sollte sich das Gewinnwachstum erneut zu stark auf große Technologieunternehmen konzentrieren, könnte der erwartete breite Marktimpuls ausbleiben. Ebenso besteht das Risiko, dass Produktivitätsgewinne langsamer eintreten als prognostiziert. Diese Risiken sind jedoch nicht struktureller Natur, sondern abhängig von externen Entscheidungen oder zeitlichen Verzögerungen.
Alles weist darauf hin, dass 2026 keinen Übergang in eine Abschwächung markiert, sondern den Eintritt in eine Phase, in der technologische, fiskalische und produktivitätsgetriebene Kräfte das Fundament der US-Wirtschaft dauerhaft stärken. Die Kombination aus moderatem, aber stabilem Wachstum, sinkender Inflation, normalisierter Zinsstruktur, Reindustrialisierung, KI-Produktivitätswelle und robusten Kapitalzuflüssen erzeugt eine seltene Konstellation. Für die Aktienmärkte bedeutet dies: hohe fundamentale Leistungsfähigkeit, zunehmende Marktbreite und überdurchschnittliches Gewinnwachstum. Die USA bleiben damit 2026 der dominanteste und widerstandsfähigste Aktienmarkt der Welt.
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*) Maik Komoss, Partner und Portfoliomanager bei der Vates Invest
Kommentar: 2026 – ein Jahr, das die US-Konjunkturskeptiker überraschen dürfte
Maik Komoss
