„Für die Einschätzung von Aktienmärkten braucht es eine enorme Vorausschau auf strukturelle Veränderungen“, erläutert Hünseler.
Ein solcher war für die Landesbank Baden-Württemberg das Thema Verteidigung. Im Dezember 2024 hat sie über ihren Asset Management-Arm deshalb einen fokussierten „Sicher Leben“-Fonds zum Thema Verteidigung aufgelegt.
„Verteidigung war ein struktureller Bruch, der deutlich erkennbar war und sich auf mittlere Sicht nicht mehr verändern wird“, ist Hünseler überzeugt, der seit 2023 bei der LBBW Asset Management in der Rolle des CIO tätig ist. „Auch Demokratien müssen sich verteidigen“, ergänzt er.
Weitaus weniger deutlich ist für ihn die Entwicklung in Sachen Künstliche Intelligenz (KI). „Hier setzt sich der Strukturbruch erst in Teilen in Bewegung“, so Hünseler. „Wenn man sich etwa aus heutiger Sicht den reinen Speicher- und Energiebedarf etc. abschätzen und eine Prognose treffen würde, dann würde man sagen, dass sich das alles nicht ausgeht – es müssen also zunächst neue Wege und Ansätze gefunden werden.“
Abzuwarten bleibe etwa auch, inwieweit KI dann Produktivitätsgewinne beeinflussen wird. „Demographisch bedingt arbeiten immer weniger Menschen, Arbeitszeiten haben abgenommen und das könnte die KI auffangen“, gibt Hünseler zu bedenken.
Keine Blase
Eindeutig sichtbar ist der Einfluss des KI-Trends an den Kapitalmärkten in den USA und Europa. „Selbst die großen Leitindizes weisen hier eine starke Konzentration auf nur wenige Unternehmen im Technologie-Segment auf“, bestätigt der CIO der LBBW Asset Management.
Vor allem im vergangenen Jahr hatten ein paar wenige Tech-Unternehmen ETFs und darunterliegende Aktienindizes hohe Gewinne einfahren lassen. „Aber das Vertrauen, dass die großen Tech-Companies auch dieses Jahr die Indizes ziehen werden, ist deutlich gesunken“, gibt Hünseler zu bedenken. Im Augenblick sei daher ein gleichgewichteter Index das bessere Investment.
Oder aber natürlich ein aktiver Ansatz. Hünseler ist überzeugt: „Das ist die Stunde des aktiven Managements, denn wir sind überzeugt, dass die Aktienmärkte noch viel Potenzial haben – aber es ist mehr denn je entscheidend zu wissen, wo dieses Potenzial zu heben ist.“ Neben der geeigneten Einzeltitelauswahl sei die richtige Sektor- und Faktor-Rotation entscheidend.
Gerade für langfristige institutionelle Investoren empfiehlt Hünseler einen starken Core-Satellite Ansatz für das Portfolio. „Die Allokation sollte nicht jedes Jahr oder sogar unterjährig neu gedacht werden und sie sollte um Investmentthemen ergänzt werden, die Strukturbrüche abdecken.“
In Sachen Investment werde die KI helfen, Strukturbrüche vorherzusagen, aber nur, wenn die richtigen Daten herangezogen werden, so Hünseler: „Zunächst stellt auch die KI zur Erkennung von Mustern auf historische Daten ab und das kann zu Verwerfungen führen – ganz ohne noch von Halluzinationen zu sprechen.“
Für den KI-Trend werde einer der Prüfsteine die Leistbarkeit sein. „Im Jahr 2025 haben die großen vier Tech-Unternehmen einen Betrag in der Höhe des BIPs Argentiniens an neuen Schulden aufgenommen“, berichtet Hünseler. Im Moment werde das Geld auch für Hardware wie Chips ausgegeben, die aber schnell veraltet ist.
Keineswegs würde Hünseler jedoch von einer gefährlichen Marktentwicklung ausgehen: „Wir sprechen nicht von einer Blase, wie etwa Anfang des Jahrtausends, wo die Cashflows problematisch waren.“ Dennoch stelle sich der Kapitalmarkt gerade auf eine höhere Volatilität ein. „Die Nervosität steigt.“
Europa abwartend
Fraglich bleibe auch, wer das KI-Rennen für sich entscheiden werde bzw. ob das überhaupt wichtig sei. In China sieht Hünseler mehr Daten und weniger Einschränkungen, während Amerika die bessere Technologie habe.
„In Europa ist vor allem die Regulierung entscheidend, denn für Unternehmen kann es wichtig sein, einen Rahmen zu haben, in dem sie ihre Technologien gut einsetzen können,“ gibt Hünseler zu bedenken.
Auch der Einsatz der KI im Trading selbst müsse sich erst entwickeln, vor allem bei den Anleihenmärkten, die derzeit noch intransparenter seien als Aktienmärkte.
„KI setzt sich als Strukturbruch teilweise erst in Bewegung“
Michael Hünseler
