„In den meisten großen Volkswirtschaften liegt die Inflation weiterhin über den Zielwerten der Zentralbanken. Obwohl kein eindeutiger globaler Trend erkennbar ist, könnten mehrere zyklische und strukturelle Faktoren in den nächsten Jahren zu einem erneuten Inflationsdruck führen“, so der Invesco-Experte. Das könne den Spielraum für zusätzliche Zinssenkungen verringern und eine mittelfristig restriktivere Geldpolitik zur Folge haben.
Während der Offenmarktausschuss der US-Notenbank (FOMC) die derzeitige Geldpolitik weiterhin als restriktiv einschätzt, scheint der Markt zu befürchten, dass die Fed hinter der Inflationskurve zurückbleibt – das Zinsniveau also möglicherweise nicht hoch genug ist, um die Inflation in Schach zu halten. Demnach implizieren die Markterwartungen entweder einen höheren neutralen Leitzins als die vom FOMC geschätzten 3,1% oder eine über dem Zielwert liegende und anziehende Inflation.
Ausgehend von der Erwartung langfristiger Inflations- und Wachstumsraten von 2% beziehungsweise 1,5% bis 2% betrachtet der Invesco-Experte den aktuellen Leitzins der Fed (3,5% bis 3,75%) als neutral. Die US-Inflation hingegen liegt weiterhin über dem 2-Prozent-Ziel der Fed, und das konjunkturelle Umfeld deutet Jackson zufolge auf eine mögliche allmähliche Zunahme des Inflationsrisikos hin.
Wie der Invesco-Experte erläutert, ist der aktuelle Konjunkturaufschwung, der in den meisten Ländern Mitte 2020 begann, inzwischen weit fortgeschritten und in eine Phase eingetreten, in der angespannte Arbeitsmärkte, steigende Löhne und eine Belebung der Immobilienmärkte erfahrungsgemäß zu einem erhöhten Inflationsdruck führen können: „Die derzeitige Expansionsphase dauert nun schon sechs Jahre an. Damit ist sie bereits länger als die von 1973 bis 1979 und fast so lang wie die von 2001 bis 2007, gemessen am aggregierten BIP der G7. Auch wenn der aktuelle Aufschwung erst etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Dauer früherer Expansionsphasen wie 1980-1990, 1991-2000 und 2008-2019 erreicht hat, dürfte er inzwischen an einem Punkt angelangt sein, an dem sich ein zunehmender Inflationsdruck entwickeln könnte.“
Da die Inflation häufig ein nachlaufender Indikator sei, könnten ein weiterer Rückgang der Arbeitslosigkeit und eine zunehmende Dynamik bei den US-Immobilienpreisen den Preisdruck im Laufe des kommenden Jahres und vor allem ab der zweiten Jahreshälfte 2027 verstärken. International bleibe das Inflationsbild uneinheitlich. In den meisten großen Volkswirtschaften lägen die Gesamt- und Kerninflationsraten – mit Ausnahme Chinas – nahe am oder über dem 2-Prozent-Niveau. Während China Anzeichen einer zunehmenden Inflationsdynamik von einem niedrigen Ausgangsniveau zeige, deute sich in Großbritannien eine Abschwächung des Preisdrucks an.
Neben konjunkturellen Faktoren bleiben geopolitische Entwicklungen Jackson zufolge das größte kurzfristige Aufwärtsrisiko für die Inflation. „Auch wenn dies nicht unser Basisszenario ist, könnte eine anhaltende Störung der Energielieferungen durch die Straße von Hormus und das Rote Meer zu einem deutlichen Anstieg des Ölpreises führen“, meint er. „Andererseits könnte das globale Ölangebot nach einer Normalisierung der Energieflüsse durch den Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC+ steigen und dadurch den Preisdruck auf den Energiemärkten verringern.“ Unterdessen könnten wetterbedingte Risiken im Zusammenhang mit El Niño Ende 2026 und Anfang 2027 zu höheren Agrarpreisen führen.
Laut Jackson zeichnen andere, längerfristige Einflussfaktoren ein insgesamt ausgewogeneres Bild. Künstliche Intelligenz könnte zu einer temporären Verteuerung von Technologiekomponenten führen, langfristig jedoch disinflationär wirken, falls die erhofften Produktivitätssteigerungen eintreten. Unterdessen könnte das nachlassende globale Bevölkerungswachstum in den kommenden Jahrzehnten unabhängig von konjunkturellen Schwankungen einen anhaltend dämpfenden Effekt auf die Inflation ausüben.
„Insgesamt liegt die Inflation in den meisten Ländern weiterhin über dem Zielwert, ohne dass ein klarer Trend erkennbar wäre. Aus meiner Sicht birgt die Entwicklung im Nahen Osten das größte Aufwärtsrisiko für die Inflation, während die übrigen nichtzyklischen Faktoren ein weitgehend ausgewogenes Bild zeigen. Was den Konjunkturzyklus betrifft, befinden wir uns bereits in einer fortgeschrittenen Phase des Aufschwungs, was für eine höhere Inflation in den nächsten Jahren sprechen könnte. Das könnte darauf hindeuten, dass sich das Zeitfenster für Zinssenkungen schließt und mittelfristig eine erneute geldpolitische Straffung wahrscheinlicher wird“, so Jackson.
Invesco-Stratege Paul Jackson: Warum Anleger die Inflation im Blick behalten sollten
Paul Jackson
