In diesem Jahr verzeichnet Opportunistic Credit bemerkenswerte Kapitalzuflüsse: Allein bis Mai flossen rund 53 Mrd. US-Dollar in flexible Kapitalstrategien wie Opportunistic Credit – ein Betrag, der bereits dem Gesamtvolumen des Vorjahres entspricht und mittlerweile mehr als der Hälfte des gesamten Fundraisings im Private-Credit-Markt ausmacht. Der Anteil dieser Strategien am verwalteten Vermögen im Private-Credit-Markt ist von rund 5% im Jahr 2010 auf über 20% im Jahr 2025 gestiegen. Für institutionelle Investoren stellt sich daher die Frage, was diese Dynamik antreibt – und ob sie sich auch längerfristig fortsetzen wird.
Bei Opportunistic Credit handelt es sich um maßgeschneidertes Fremd- und Hybridkapital für fundamental gesunde Unternehmen, die sich nicht in einer Notlage befinden, jedoch aufgrund höherer Zinsen, stockender Private-Equity-Exits oder anderer unternehmensspezifischer Finanzierungsbedarfe vorübergehend eingeschränkten Zugang zu Kapital haben. Die Investmentchance entsteht dabei nicht durch operative Schwächen der Unternehmen, sondern durch einen Mangel an flexiblem Kapital.
Alte Kapitalstrukturen treffen auf neues Zinsumfeld
Der wichtigste Treiber ist das veränderte Zinsumfeld. Viele Kapitalstrukturen wurden in einer Phase historisch niedriger Zinsen aufgesetzt und passen nicht mehr zu dauerhaft höheren Finanzierungskosten. Gleichzeitig beobachten wir keine einheitliche Verschlechterung der Fundamentaldaten von Kreditnehmern. Stattdessen zeigen sich zunehmend Unterschiede in den finanziellen Ergebnissen der Unternehmen – eine Folge der zahlreichen wirtschaftlichen und makroökonomischen Faktoren, die in den vergangenen Jahren wirksam geworden sind.
Anders als in früheren Kreditzyklen, die von einer breiten Verschlechterung geprägt waren, geht es 2026 vor allem um Anpassung: Firmen müssen sich an neue Kapitalkosten gewöhnen und benötigen dafür oft maßgeschneiderte Lösungen, um die Lücke zwischen bestehenden Bilanzstrukturen und ihren Geschäftsplänen zu schließen.
Verstärkt wird das durch die Situation im Private-Equity-Bereich. Die Haltedauern von Mid-Market-Portfoliounternehmen steigen seit Jahren, weil sich Exits verzögern. Das Volumen reiferer Private-Equity-Mid-Market-Vermögenswerte kurz vor Ende ihrer theoretischen Fondslaufzeit dürfte sich von derzeit rund 275 auf 457 Mrd. US-Dollar bis 2029 nahezu verdoppeln, sofern keine Monetarisierungen erfolgen. Sponsoren weichen deshalb zunehmend auf Rekapitalisierungen, Minderheitsverkäufe oder Continuation Vehicles aus. Hier kann Hybridkapital die Lücke zwischen bestehender Struktur und Exit-Zeitpunkt schließen, zum Beispiel um Liquidität an Limited Partners zurückzuführen, ohne verfrüht verkaufen zu müssen.
Finanzierung über die gesamte Kapitalstruktur hinweg
Für das Verständnis der Strategie ist eine doppelte Abgrenzung wichtig. Gegenüber klassischem Direct Lending unterscheidet sich Opportunistic Credit durch seine Abdeckung der gesamten Kapitalstruktur. Ein klassischer Direct-Lending-Kredit ist meist ein standardisierter Senior-Kredit an ein performendes, überwiegend Private-Equity-finanziertes Unternehmen. Opportunistic Credit kombiniert dagegen häufig mehrere Instrumente – von nachrangigem Fremdkapital über PIK-Strukturen bis zu strukturiertem Eigenkapital. Damit lassen sich individuelle Anforderungen erfüllen, beispielsweise bei Akquisitionsfinanzierungen, Bilanz-Rekapitalisierungen oder Wachstumskapital.
Gegenüber Distressed Credit gilt die umgekehrte Abgrenzung: Opportunistic Credit zielt auf überlebensfähige Unternehmen mit vorübergehendem Kapitalengpass ab – oft in Phasen, in denen traditionelle Finanzierungswege nicht verfügbar, zu teuer oder zu unflexibel sind. Kaufabschläge bei bereits notleidenden Wertpapieren oder Kontrollübernahmen im Rahmen einer Restrukturierung, wie sie Distressed Credit prägen, spielen dabei keine Rolle. Ausschlaggebend ist in erster Linie ein strukturell knappes Angebot an flexiblem Kapital – eine systemische Krise ist dafür keine Voraussetzung. Das macht die Strategie widerstandsfähiger gegenüber dem Konjunkturzyklus als klassisches Stress-Investing.
Das unterschätzte nicht gesponserte Mid-Market-Segment
Ein oft unterschätzter Bereich ist das nicht gesponserte Mid-Market-Segment, also meist gründer- oder managementgeführte Unternehmen ohne Private-Equity-Eigentümer. Diese Firmen stellen zahlenmäßig deutlich mehr als die Hälfte aller US-Unternehmen mit mehr als 100 Mio. US-Dollar Umsatz dar. Sie machen aber nur rund ein Viertel des ausstehenden Leveraged-Loan-Marktes aus – auch weil sie anders als Private-Equity-finanzierte Unternehmen in der Regel keinen Anreiz haben, sich zusätzlich zu verschulden, um die Rendite externer Investoren zu steigern.
Weil diese Kreditnehmer ohne Backstop-Finanzierung eines Sponsors auskommen müssen und Finanzierungen eher über Beziehungsnetzwerke als kompetitive Auktionen zustande kommen, erzielen nicht gesponserte Kredite tendenziell attraktivere Konditionen: höhere Emissionsabschläge, breitere Spreads, stärkeren Kündigungsschutz. Eine aktuelle Analyse von J.P. Morgan Research zu B-gerateten Kreditnehmern – diese machen zwei Drittel des Leveraged-Loan-Marktes aus – zeigt einen durchschnittlichen Spread-Aufschlag von rund 140 Basispunkten gegenüber vergleichbaren gesponserten Krediten gleicher Ratingklasse. Der Wettbewerb ist hier zudem geringer, da sich viele große Kreditgeber – ähnlich wie Banken im syndizierten Kreditmarkt – zunehmend auf größere, standardisierte Transaktionen konzentrieren und aus dem Mittelstand zurückgezogen haben.
Wie sich Risiken mindern lassen
Diesen Chancen stehen allerdings auch Risiken gegenüber. Wenn Kapital hinter vorrangigen Forderungen steht, bringt dies typischerweise ein Nachrangigkeitsrisiko mit. Dazu kommt ein Ausführungsrisiko, wenn die Wertrealisierung von künftigen Sponsor-Maßnahmen, M&A oder operativer Verbesserung abhängt. Hinzu kommen Dokumentations-, Liquiditäts- und Bewertungsrisiken, die bei komplexen, wenig standardisierten Strukturen typischerweise stärker ausgeprägt sind als bei liquiden Wertpapieren.
Diese Risiken lassen sich durch konservative Strukturierung, Underwriting auf Basis nachhaltiger freier Cashflows statt bereinigtem EBITDA sowie Diversifikation über Transaktionsarten und Sektoren hinweg mindern. Entscheidend ist deshalb die Auswahl von Managern mit belastbarer Erfolgsbilanz über mehrere Kreditzyklen und ausreichender Größe, um im Mid-Market-Segment Zugang zu Transaktionen mit günstiger Risiko-Rendite-Relation zu erhalten.
Wandelnde Finanzierungsbedürfnisse stärken die Rolle von Opportunistic Credit
Für institutionelle Investoren kann Opportunistic Credit aus unserer Sicht eine sinnvolle Ergänzung zu klassischem Direct Lending und Private Equity sein. Gegenüber Direct Lending erschließt die Strategie ein breiteres Spektrum an Komplexitäts-, Strukturierungs- und Illiquiditätsprämien. Gegenüber Private Equity bietet sie eine ähnliche Exponierung gegenüber der Wertschöpfung privater Unternehmen, jedoch mit stärkerer Betonung auf vertraglicher Rendite und verhandeltem Abwärtsschutz.
Letztlich verändern sich die Finanzierungsbedürfnisse privater Unternehmen. Zunehmend benötigen sie mehr als lediglich kontrollorientiertes Private Equity oder standardisierte besicherte Term Loans. Flexibles, lösungsorientiertes Kapital entwickelt sich dabei zu einem dauerhaften Bestandteil der Finanzierungslandschaft und ist nicht nur eine zyklische Reaktion auf einzelne Marktphasen. Die Welle auslaufender Mid-Market-Kredite – rund 1,2 Billionen US-Dollar in den kommenden sieben Jahren, davon 760 Mrd. US-Dollar bereits innerhalb der nächsten vier Jahre – verstärkt diese Entwicklung, erklärt sie jedoch nicht vollständig.
Für Investoren mit längerem Anlagehorizont und der Bereitschaft, sich mit der zusätzlichen Komplexität auseinanderzusetzen, stellt Opportunistic Credit aus unserer Sicht ein strukturell attraktives und zunehmend dauerhaftes Chancenspektrum dar.
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*) Ashwin Krishnan, Head of North America Private Credit, Morgan Stanley IM
Gastbeitrag: Zwischen Direct Lending und Distressed – Opportunistic Credit rückt immer stärker ins Blickfeld
Ashwin Krishnan
