Foundation | Welcome

Menu


Gastbeitrag: Trügerische Ruhe?

Globale Konjunktur zwischen resilienter Momentaufnahme und geopolitischen Tail-Risiken

Martin Roßner

Die Weltwirtschaft sieht sich derzeit einer paradoxen Situation gegenüber: Trotz massiver geopolitischer Spannungen im Nahen Osten und volatiler Energiemärkte zeigt sich die globale Konjunktur ungewöhnlich widerstandsfähig. Während historische Krisenjahrzehnte oft von unmittelbaren Schocks geprägt waren, reagiert das heutige Marktumfeld mit einer neuen Dynamik, die institutionelle Investoren vor komplexe Bewertungsfragen stellt.

Faktoren der globalen Widerstandsfähigkeit
Die aktuelle Resilienz stützt sich im Wesentlichen auf drei Pfeiler, die den klassischen Effekt eines Ölpreisschocks abfedern:
• Fiskalische Stützung: Massive staatliche Programme in den USA, China, Japan und Deutschland stabilisieren die Nachfrage.
• Strukturelle Trends (KI): Langfristig geplante Investitionen in Künstliche Intelligenz senken die Preiselastizität der Ölnachfrage, da diese Kapitalströme unabhängig von kurzfristigen Energiekosten fließen.
• Marktimbalancen: Ein physischer Angebotsüberhang von circa 3-4 Mio. Barrel pro Tag wirkte bisher als Puffer. Zudem reflektierten die Ölpreise auf dem Niveau von 2021 lange Zeit nicht die zwischenzeitlich aufgelaufene Inflation.

Regionale Divergenzen und Marktreaktionen
Die Auswirkungen der Energiepreisdynamik variieren signifikant nach Geographie und Assetklasse: Der Aktienmarkt in den USA zeigt sich bisher als „Safe Haven“. Höhere Energiekosten führten hier bisher zu keiner Trendumkehr in den Kernsektoren.

In Europa und Teilen Asiens ist das Bild kritischer. Höhere Zinsen und Energiekosten erzeugen Straffungsrisiken für die ansonsten robuste Konjunktur. Besonders kleinere, offene Volkswirtschaften (EMEA) sowie asiatische Importeure leiden unter der gefährdeten Energiesicherheit.

Während US-Aktienmärkte moderat reagierten, sorgten Inflationsrisiken für eine risikoadjustierte Underperformance von Anleihen. Regionale Spreads bei den Ölpreisen erhöhten zudem in Europa und Asien spürbar das Rezessionsrisiko.

Unterschätzte Tail-Risiken für das Portfolio
Bemerkenswert bleibt das Ausblenden von Extremrisiken („Tail Risks“) an den Finanzmärkten. Die aktuelle Forward-Kurve der Energiemärkte antizipiert eine zeitnahe Entspannung. Sollte es jedoch zu einer Eskalation kommen – etwa einer dauerhaften Blockade der Straße von Hormus oder einem Wegfall iranischer Ölexporte –, ist dieses Szenario nicht eingepreist.

Für die Portfoliokonstruktion ergeben sich daraus einige Implikationen. Die aktuelle Performance US-amerikanischer Märkte könnte sich umkehren, wenn globale Ölpreis-Spreads nach dem ersten Krisenschock konvergieren. Außerdem könnten Aktien in einem harten Rezessionsszenario deutlich korrigieren, während Anleihen aufgrund des Wachstumseinbruchs ihre Rolle als defensiver Anker (Flight to Quality) zurückgewinnen würden.

Trotz der aktuellen Resilienz durch fiskalische Puffer und strukturelle Trends bleibt das Risiko einer Eskalation im Nahen Osten der entscheidende Performance-Treiber. Vermutlich steht die riskanteste Phase des Konflikts noch bevor. Institutionelle Investoren sollten daher die Diskrepanz zwischen optimistischen Markterwartungen und realen Tail-Risiken kritisch prüfen und den Wert von Portfolio-Absicherungen priorisieren.

---
*) Martin Roßner ist Geschäftsführer von Third Year Capital und Fondsberater des ART Global Macro