Der Rückgang des US-Dollars, der zu einer Anpassung der Markterwartungen hinsichtlich der wirtschaftlichen Dominanz der USA führte, eröffnete Chancen sowohl in Schwellen- als auch in den Industrieländern. Zwar gab es bislang noch keine größere Abkehr vom US-Dollar und von US-Anlagen, doch deuten erste Anzeichen darauf hin, dass künftige Investitionen zunehmend in nicht-amerikanische Industrie- und Schwellenländer fließen könnten.
Die Entwicklungen im Nahen Osten zeigen, wie der Markt geopolitische und andere globale makroökonomische Unsicherheiten herunterbricht. Das Worst-Case-Szenario ist zwar nicht eingetreten, aber auch vor der „Waffenruhe“ mit dem Iran haben die Märkte nicht ausverkauft. Das bedeutet nicht, dass wir Tail-Risiken ignorieren sollten, aber wir müssen erkennen, dass das aktuelle Marktumfeld Bottom-up-Carry-Chancen begünstigt. Je nachdem, wie stark die einzelnen Sektoren und Emittenten fundamental betroffen sind oder wie gut sie sich anpassen können, wird es zu Performanceunterschieden kommen.
Strukturelle Vorteile und stabile Fundamentaldaten stützen Schwellenländeranleihen
Die Attraktivität von Schwellenländeranleihen wird derzeit durch signifikante strukturelle und zyklische Veränderungen gestützt, die von der Politik und der Wachstumsdynamik sowohl in den USA als auch in den Schwellenländern ausgehen. Das globale Wachstum scheint sich von einer US-geführten Dominanz zu einer ausgewogeneren globalen Landschaft zu entwickeln. Während die USA die Phase der fiskalischen Großzügigkeit, des Handelsprotektionismus und einer expansiven Geldpolitik fortsetzen, bleibt die Inflation in den USA höher als im Rest der Welt.
Im Gegensatz dazu profitieren die Schwellenländer von den zunehmenden Wachstumsunterschieden, da die US-Politik für die USA eine stärkere Belastung darstellt als für den Rest der Welt. Obwohl die Wachstumserwartungen weltweit gesunken sind, gibt es Gründe für die Annahme, dass sich das Wachstum in den USA deutlicher abschwächen wird als in den Schwellenländern.
Die Fundamentaldaten der Schwellenländer sind relativ stabil geblieben und haben sich in letzter Zeit besser entwickelt als die der Industrieländer. Zwar sind die Haushaltsdefizite nach wie vor negativ, doch in vielen Ländern verbessern sich die rollierenden Zwölfmonatsdefizite, sodass die Staatsverschuldung stabil bleibt und die Kreditwürdigkeit zahlreicher Schwellenländer steigt. Ein schwächerer US-Dollar würde die Schuldenquote in den Schwellenländern verringern und ein günstigeres außenwirtschaftliches Umfeld schaffen.
Auch die Geldpolitik der Zentralbanken der Schwellenländer bleibt unterstützend, da sie nach den Zinserhöhungen nach der Covid-Pandemie Fortschritte bei der Inflation erzielen und weniger Sorgen um ihre Währungen haben – mit Spielraum für eine Lockerung –, was die Binnennachfrage fördert.
Attraktive Spreads und robuste Chancen in Hartwährungsanleihen
Die Spreads der Schwellenländer liegen am unteren Ende der Bandbreite, wobei die Streuung zwischen den Bonitätskategorien weiterhin groß ist. Attraktiv sind Schwellenländeranlagen in Hartwährung aufgrund der Rendite-/Carry-Möglichkeiten, des attraktiven Relative Value sowie der Möglichkeit, angesichts des globalen Makrokontexts und der länderspezifischen Fundamentaldaten Gewinner und Verlierer zu identifizieren. Selbst im zweiten Quartal schnitten die hochverzinslichen Staatsanleihen der Schwellenländer recht gut ab.
In einer fragmentierten globalen Landschaft bieten Schwellenländeranleihen in Hartwährung eine seltene Kombination aus Rendite, Diversifizierung und makroökonomischer Widerstandsfähigkeit. Angesichts zunehmender politischer Unsicherheit in den USA und sich verlagernder globaler Kapitalströme sollte das Potenzial für eine Outperformance der Schwellenländer ein günstiger Zeitpunkt sein, um die strategische Allokation zu überdenken und eine Erhöhung des Engagements in dieser unterallokierten Anlageklasse in Betracht zu ziehen.
Die Zinsen in den Schwellenländern haben angesichts des Wachstumsrückgangs, der verhältnismäßig stabilen Wechselkurse und des ausgeglichenen Kräfteverhältnisses Spielraum nach oben, auch wenn ein Anstieg der Ölpreise die Zinssenkungen kurzfristig bremsen könnte. Im zweiten Quartal legten fast alle Schwellenländerwährungen gegenüber dem US-Dollar zu, trotz höherer US-Renditen aufgrund steigender Realrenditen. Ein schwächerer, aber uneinheitlicher Dollartrend könnte in Zukunft zahlreiche Chancen für Relative Value bieten.
Warum ist ein schwächerer Dollar zu erwarten?
Obwohl Präsident Trump von den höchsten Zöllen Abstand genommen hat, wirkt sich ein Mindestsatz von 20%, der auf viele Länder erhoben wird, immer noch negativ für das Nettowachstum aus, Dies dürfte die Fed schließlich dazu veranlassen, die Zinsen stärker als erwartet zu senken und damit anderen Zentralbanken voraus zu sein. In der EU, allen voran in Deutschland, könnte die relative Wachstumsdynamik besser sein als in den USA, da die langsamen fiskalischen Maßnahmen Wirkung zeigen. Schließlich scheint das wirtschaftliche Umfeld in China stabil zu sein, was die Volatilität niedrig halten und zyklische Währungen mit höherem Beta unterstützen dürfte.
Nach wie vor gibt es deutlichen Gegenwind. Dazu zählen die Ungewissheit über den Zeitpunkt und die Auswirkungen des Handelskriegs, die Handelsbeziehungen zwischen den USA und China sowie eine mögliche erneute Eskalation im Nahen Osten. Die Neuordnung der Weltordnung bietet jedoch auch Chancen. Die technischen Daten sind nach wie vor relativ günstig für die Anlageklasse, da engagierte Anleger im Allgemeinen "risikoscheu" sind und Crossover-Anleger von der Attraktivität der Rendite und der Diversifizierung angezogen werden könnten.
---
*) Cathy Hepworth, Head of PGIM’s Fixed Income Emerging Markets Debt Team
Gastbeitrag: Schwellenländer zeigen sich trotz Handelskrieg widerstandsfähig

Cathy Hepworth