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Gastbeitrag: Renditekurven - die transatlantische Kluft

Es wurde erwartet, dass das Jahr 2026 für die Zentralbanken eine Übergangsphase darstellen würde, gekennzeichnet durch die Fortsetzung des globalen Lockerungszyklus vor dem Hintergrund einer rückläufigen Verbraucherpreisinflation. Der Ausbruch des Dritten Golfkriegs hat jedoch die makroökonomische Lage grundlegend verändert. Die Währungshüter stehen nun vor einem heiklen Balanceakt: Sie müssen die aus dem Energieschock resultierenden Inflationsrisiken gegen eine wachsende Konjunkturgefährdung abwägen.

Guillaume Rigeade

Eurozone: Glaubwürdigkeit um jeden Preis
Tritt Christine Lagarde in die Fußstapfen von Jean-Claude Trichet, indem sie den Kampf gegen die Inflation zur obersten Priorität der EZB für die kommenden Monate erklärt? Die Antwort ist nicht ganz eindeutig. Das Umfeld im Jahr 2026 unterscheidet sich erheblich von früheren Inflationsphasen. Denn eine geldpolitische Straffung ist bei der Bewältigung eines Angebotsschocks oft nur begrenzt wirksam: Höhere Zinsen können weder die Öl- oder Gaspreise direkt senken noch die Lieferketten wiederherstellen.

Die Märkte haben ihre veränderte Rhetorik bereits eingepreist. Die Erwartungen hinsichtlich des Leitzinses zum Jahresende 2026 wurden nach oben korrigiert, während das lange Ende der Staatsanleihen-Renditekurve ebenfalls auf die jüngsten geopolitischen Entwicklungen reagiert hat. Der Renditeanstieg ist dennoch relativ moderat ausgefallen, obwohl die Rendite der 10-jährigen deutschen Bundesanleihe mittlerweile auf einem Niveau liegt, das seit fünfzehn Jahren nicht mehr erreicht wurde.

Angesichts der sich nun abzeichnenden Risiken erscheint diese Marktreaktion nach wie vor moderat. Tatsächlich hängt die künftige Inflationsvolatilität nicht allein davon ab, ob die Straße von Hormus offen oder geschlossen bleibt. Der breitere Kontext der globalen geopolitischen Neuordnung dürfte zu größeren Preisschwankungen führen. Zudem sind die Haushaltsentwicklungen der europäischen Regierungen zunehmend eine Sorgenquelle. Hinzu kommen anhaltende und herausfordernde politische Instabilitäten in mehreren Mitgliedstaaten.

Besondere Beachtung verdienen die derzeit am britischen Rentenmarkt zu beobachtenden Spannungen. Sie verdeutlichen, wie empfindlich Anleger auf Abweichungen vom Haushaltskurs reagieren; insbesondere vor dem Hintergrund strukturell höherer Inflationsraten und eines höheren Zinsrisikos. Einige Länder der Eurozone weisen mittlerweile ebenso fragile finanzpolitische Fundamentaldaten auf und könnten im Falle eines Regierungswechsels oder einer Verschlechterung der öffentlichen Finanzen ähnlichen Entwicklungen ausgesetzt sein.

Kevin Warsh: Schon vor seinem ersten Treffen im Rückstand?
Die Aussicht auf eine geldpolitische Lockerung, für die sich Donald Trump lange eingesetzt hat, scheint nun in weite Ferne zu rücken. Auf der anderen Seite des Atlantiks werden die Argumente, die eine eher akkommodierende Haltung der Federal Reserve rechtfertigen könnten, immer seltener.
Ein wichtiger Einflussfaktor ist der Arbeitsmarkt. Zwar hatte sich im Sommer 2025 eine Abschwächung abgezeichnet, was Zinssenkungserwartungen geschürt hatte, doch hat sich die Dynamik seitdem deutlich erholt. Die weiterhin widerstandsfähige Wirtschaftstätigkeit hat zu einer Erholung bei der Schaffung von Arbeitsplätzen im privaten Sektor beigetragen und damit das Risiko einer drastischen Verschlechterung der Arbeitslosenquote verringert. Auf längere Sicht könnten sogar wieder Engpässe auf dem Arbeitsmarkt auftreten.

Die Schuldenorgie wird für die Märkte ein Weckruf sein
Seit Anfang 2026 haben sich die Zinskurven deutlich abgeflacht, da die Anleger den Kurswechsel der großen Zentralbanken sowohl in den USA als auch in Europa nach und nach eingepreist haben. Vor diesem Hintergrund ist bei Anleihen mit langer Laufzeit weiterhin Vorsicht geboten, da deren Bewertungen die Risiken, die mit einer höheren Inflations-Volatilität und einer anhaltend hohen Staatsverschuldung verbunden sind, nur unvollständig widerspiegeln.

Im Gegensatz dazu erscheinen die kurzen und mittleren Segmente der Zinskurven nun attraktiver. In der Eurozone bieten kurzfristige Zinsen nicht nur Erträge aus einer Carry-Strategie, sondern auch Spielraum für einen Renditerückgang, falls sich die EZB als akkommodierender erweisen sollte als derzeit erwartet.

In anhaltendes Umfeld hoher Zinsen bleibt für die Realwirtschaft niemals ohne Folgen. Zwar rechnen wir in den kommenden Monaten nicht mit einem Szenario, das mit der Subprime-Krise vergleichbar wäre, doch zeichnen sich in bestimmten Segmenten des Credit-Marktes bereits erste Spannungen ab. Weitere Gefahrenherde könnten entstehen, wenn sich die kumulativen Auswirkungen der geldpolitischen Straffung weiterhin auf die Wirtschaft auswirken.

Langfristig wird die Fortsetzung des Wirtschaftswachstums wahrscheinlich eine Rückkehr zu expansiveren finanziellen Rahmenbedingungen sowie eine anhaltende Abhängigkeit von öffentlichen und privaten Krediten erfordern. Vor diesem Hintergrund bleibt eine Versteilerung der Zinskurve unserer Ansicht nach das wahrscheinlichste Szenario.

Diese bevorstehende Entwicklung der Zinskurven dürfte jedoch nicht zwangsläufig mit einem strukturellen Renditerückgang bei den längsten Laufzeiten einhergehen. Die Anhäufung öffentlicher Defizite, der steigende Finanzierungsbedarf und die zunehmende Unsicherheit hinsichtlich der Inflationsentwicklung dürften dazu führen, dass Anleger höhere Laufzeitprämien verlangen, insbesondere in den USA, wo alle drei Faktoren gegeben sind.

Europa hingegen könnte in den kommenden Monaten attraktivere Anlagemöglichkeiten im Rentenangebot bieten. Anleger preisen derzeit einen besonders restriktiven Kurs der Geldpolitik ein, obwohl die Wachstumsaussichten weiterhin fragil sind und der zugrunde liegende Inflationsdruck deutlich geringer ist als in den USA. Diese Asymmetrie eröffnet taktische Chancen bei europäischen Anleihen mit kurzen und mittleren Laufzeiten, bei denen das Rendite-Risiko-Profil derzeit günstiger erscheint als auf der anderen Seite des Atlantiks.

In einem solchen Umfeld dürften flexible Fixed-Income-Strategien weiterhin einen entscheidenden Vorteil haben. Ihre Fähigkeit, zwischen Positionen mit langer und kurzer Duration in verschiedenen Wirtschaftsregionen zu wechseln, dürfte es ihnen ermöglichen, sowohl von Phasen taktischer geldpolitischer Lockerung als auch von Phasen des Drucks auf die langfristigen Renditen zu profitieren, die in einer Welt, die durch strukturell hohe Verschuldungsniveaus gekennzeichnet ist, wahrscheinlich häufiger auftreten werden.

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*) Guillaume Rigeade, Co-Head of Fixed Income bei Carmignac