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Gastbeitrag: Overlay-Strategien – mehr Diversifikation für ein Kapitalmarktumfeld mit neuen Risiken

Die Grundannahmen institutioneller Diversifikation verändern sich. Über viele Jahre galt die Kombination aus Aktien und Anleihen als verlässliches Fundament für ein ausgewogenes Risiko-Rendite-Profil. Doch dieses Paradigma gerät zunehmend unter Druck. Geopolitische Konflikte, handelspolitische Spannungen, strukturelle Technologietrends wie Künstliche Intelligenz sowie ein verändertes Inflations- und Zinsumfeld führen dazu, dass sich Marktbewegungen oft gleichzeitig auf verschiedene Anlageklassen auswirken. Gerade in Stressphasen steigen die Korrelationen zwischen Aktien- und Rentenmärkten aktuell ausgerechnet dann, wenn Diversifikation ihre größte Wirkung entfalten sollte. Ein Beispiel: Steigende Energiepreise und Inflationserwartungen haben in den vergangenen Quartalen wiederholt dazu geführt, dass sowohl Anleihe- als auch Aktienmärkte gleichzeitig unter Druck gerieten.

Dr. Peter Oellers

Für institutionelle Investoren reicht es deshalb nicht mehr aus, ausschließlich auf die Diversifikation klassischer Assetklassen zu vertrauen. Gefragt sind zusätzliche Renditetreiber, die möglichst unabhängig von traditionellen Marktbewegungen sind.

Overlay-Strategien als Ergänzung der strategischen Asset Allocation
Vor diesem Hintergrund gewinnen Overlay-Strategien an Bedeutung. Sie ergänzen die strategische Asset Allocation um Renditequellen, die möglichst unabhängig von den klassischen Beta-Risiken sind. Da sie überwiegend mit derivativen Instrumenten umgesetzt werden, benötigen sie nur einen vergleichsweise geringen Kapitaleinsatz und lassen sich flexibel an unterschiedliche Marktphasen anpassen. Ihr größter Mehrwert liegt darin, dass sie das Risiko-Rendite-Profil bestehender Portfolios verbessern und die Abhängigkeit von einzelnen Marktregimen reduzieren können. Voraussetzung ist eine hohe Liquidität der eingesetzten Instrumente, damit Positionen auch in Stressphasen effizient angepasst werden können.

Carry- und Volatilitätsstrategien als sinnvolle Bausteine
Um solche Renditequellen zu erschließen, die möglichst unabhängig von traditionellen Marktbewegungen sind, haben sich insbesondere Carry-Strategien auf Kreditrisikoprämien sowie Volatilitätsstrategien auf Unternehmensanleihen und Aktien bewährt. Beide verfolgen unterschiedliche Ertragsquellen und ergänzen sich deshalb sinnvoll. Je breiter verschiedene Overlay-Strategien kombiniert werden, desto größer fällt in der Regel der Diversifikationseffekt aus. Ziel ist nicht die Maximierung einzelner Erträge, sondern ein robuster Strategie-Mix mit stabileren Ertragseigenschaften.

Carry-Strategien nutzen relative Bewertungsunterschiede
Konkret funktionieren Carry-Strategien folgendermaßen: Sie basieren auf der Beobachtung, dass Investoren für längere Laufzeiten meist höhere Kreditrisikoprämien verlangen als für kürzere Laufzeiten. Der sogenannte Carry setzt sich aus dem laufenden Spread-Ertrag sowie dem Rolldown-Effekt zusammen. Durch den Vergleich verschiedener Laufzeiten lässt sich eine Rangfolge attraktiver und weniger attraktiver Laufzeiten ableiten. In der praktischen Umsetzung werden attraktive Laufzeiten über Derivate gekauft und weniger attraktive gleichzeitig verkauft. Diese relative Positionierung reduziert die Abhängigkeit von allgemeinen Marktbewegungen erheblich und konzentriert die Strategie auf Bewertungsunterschiede innerhalb der Kreditkurve. Gerade diese relative Betrachtung macht Carry-Strategien für institutionelle Investoren interessant, weil sie weniger von der absoluten Richtung der Märkte abhängen als klassische Buy-and-Hold-Ansätze.

Volatilitätsstrategien erschließen eine eigenständige Risikoprämie
Institutionelle Investoren können sich bei der Nutzung von Volatilitätsstrategien insbesondere den folgenden Effekt zunutze machen: Auf liquiden Optionsmärkten für Aktienindizes und Unternehmensanleihen zeigt sich langfristig häufig, dass die implizite Volatilität oberhalb der später realisierten Volatilität des Basispreises liegt. Diese Differenz stellt eine systematisch vereinnahmbare Risikoprämie dar. Durch den Verkauf von Optionen und die laufende Absicherung des Delta-Risikos kann diese Prämie genutzt werden. Gleichzeitig ist ein professionelles Risikomanagement unverzichtbar. Insbesondere in Phasen sehr niedriger impliziter Volatilität sollten Tail-Risk-Hedges eingesetzt werden, um sprunghafte Marktbewegungen abzufedern und die Strategie robust zu halten. Die Kombination aus systematischem Hedging, laufender Risikoüberwachung und klar definierten Limiten ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Diversifikation wird messbar
Eine Auswertung der seit Anfang 2025 beobachteten Korrelationen bestätigt den Diversifikationseffekt. Während Volatilitätsstrategien auf Aktien naturgemäß noch einen stärkeren Bezug zum Aktienmarkt aufweisen, zeigen Strategien auf Unternehmensanleihen deutlich niedrigere und teilweise sogar negative Korrelationen zu klassischen Rentenanlagen. Besonders aussagekräftig ist der kombinierte Strategie-Mix. Er reduziert die Abhängigkeit von traditionellen Assetklassen spürbar und verbessert damit die Stabilität des Gesamtportfolios. Werden Aktien-Volatilitätsstrategien ausgeklammert, sinken die Korrelationen teilweise auf unter 25% beziehungsweise werden gegenüber hochwertigen Staatsanleihen sogar negativ. Für institutionelle Anleger bedeutet dies, dass Overlay-Strategien einen eigenständigen Diversifikationsbeitrag leisten können und nicht nur als zusätzliche Ertragsquelle zu verstehen sind.



Governance und Umsetzung
Institutionelle Investoren sollten beachten, dass neben der Auswahl geeigneter Strategien der operativen Umsetzung eine zentrale Bedeutung zukommt. Overlay-Strategien erfordern klare Governance-Strukturen, definierte Risikolimite und ein kontinuierliches Monitoring der Positionen. Ebenso wichtig ist die Abstimmung mit der strategischen Asset Allocation sowie den regulatorischen Anforderungen institutioneller Investoren. Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können die zusätzlichen Renditequellen dauerhaft und kontrolliert erschlossen werden.

Fazit
Die Herausforderungen institutioneller Investoren haben sich verändert. Steigende Korrelationen, geopolitische Risiken und höhere Marktvolatilität erfordern neue Diversifikationsbausteine. Overlay-Strategien bieten die Möglichkeit, zusätzliche Renditequellen zu erschließen und gleichzeitig die Robustheit bestehender Multi-Asset-Portfolios zu erhöhen. Sie sind damit keine Speziallösung für außergewöhnliche Marktphasen, sondern entwickeln sich zunehmend zu einem festen Bestandteil moderner institutioneller Portfoliosteuerung. Gerade in einem Umfeld strukturell höherer Unsicherheit können sie dazu beitragen, Portfolios widerstandsfähiger aufzustellen und langfristige Anlageziele mit einer stabileren Risiko-Ertrags-Struktur zu erreichen.

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*) Dr. Peter Oellers, Leiter Regelbasierte Investments, LBBW Asset Management