Die vergangenen Monate haben gezeigt: Der europäische High-Yield-Markt konnte die deutliche Korrektur vom März weitgehend aufholen – trotz geopolitischer Spannungen, des Energiepreisschocks und anhaltender Unsicherheit über die Geldpolitik. Zugleich wurden unterschiedliche Risiken besser eingepreist, und für aktive Investoren haben sich selektive Chancen eröffnet. Die Spreads bleiben in vielen Segmenten allerdings eng. Erneute Volatilität lässt sich nicht ausschließen. Technische Faktoren, wie die Nachfrage von Versicherern und Produkte mit fester Laufzeit stützen zugleich die sichereren Marktsegmente.
Aus unserer Sicht liefert der Blick auf das absolute Gesamtrenditeniveau des Marktes nicht ausreichend Aufschluss, um die Anlage zu bewerten. Entscheidend ist auch die Renditeverteilung im Markt. Zu Jahresbeginn war diese Verteilung sehr eng und auf der Seite der niedrigeren Renditen konzentriert: Ein großer Teil des Marktes bewegte sich im Bereich von 3,5% bis 4,5% Rendite. Eine solche Verzerrung ist langfristig kaum tragfähig, weil sie unterschiedliche Risiken nur unzureichend widerspiegelte. Die anschließende Marktbewegung hat dazu beigetragen, Risiken besser einzupreisen.
Heute ist das Bild differenzierter. Der Großteil des europäischen High-Yield-Marktes, vor allem im BB-Bereich, weist inzwischen Renditen von 4,5% bis 5% auf – ein Niveau, das historisch attraktiv erscheint. Zugleich ist die Renditestreuung breiter geworden. Am oberen Ende der Verteilung finden sich einzelne Emittenten mit Renditen von etwa 6% bis über 10%. Diese breitere Verteilung ist dabei nicht automatisch als Hinweis auf deutlich steigende Ausfälle zu verstehen. Sie schafft vor allem Ansatzpunkte für aktives Management.
Volatilität wird häufig vor allem als Risiko gesehen. Für aktive Investoren kann sie aber auch eine wichtige Quelle selektiver Anlagechancen sein. Wenn Märkte fast nur in eine Richtung laufen – nach oben oder nach unten –, verschwimmen die Unterschiede zwischen guten und schwächeren Emittenten häufig. In Phasen mit Volatilität und Dispersion trennt der Markt dagegen wieder stärker zwischen Emittenten und Sektoren. Genau dort entstehen Chancen für gezielte Titelselektion.
Besonders interessant erscheinen uns derzeit ausgewählte Bereiche. Im Chemiesektor sehen wir in Teilen bessere Wettbewerbsbedingungen. Europäische Chemieunternehmen litten in den vergangenen Jahren unter Überkapazitäten. Nun profitieren Teile des Sektors von erschwerten Handelsbeziehungen in Richtung Osten und veränderten Handelsströmen. Dadurch verbessert sich für einige europäische Anbieter die Wettbewerbssituation. Diese Veränderung dürfte zumindest teilweise auch über die aktuelle geopolitische Phase hinaus Bestand haben.
Auch bei einzelnen Energietiteln sehen wir selektive Chancen. Hier macht die breitere Renditestreuung eine genaue Analyse einzelner Titel besonders wichtig. Entscheidend ist auch hier der einzelne Emittent – nicht ein pauschales Urteil über den gesamten Sektor.
Wir beobachten außerdem Softwareunternehmen, die eigentlich von der künstlichen Intelligenz negativ betroffen sein sollten und nun im Hochzinsbereich interessante Bewertungen bieten.
Interessant sind darüber hinaus ausgewählte britische Emittenten. Einige von ihnen haben zuletzt unter der politischen Lage gelitten. Da der britische Markt auch Emittenten aus defensiveren Segmenten umfasst, können sich dort selektiv interessante Anlagechancen ergeben. Auch hier kommt es darauf an, einzelne Emittenten und deren Renditeprofile gezielt zu prüfen.
Vorsichtig bleiben wir dagegen in Marktsegmenten, in denen Risiken aus unserer Sicht nicht ausreichend eingepreist sind. Der Automobilsektor beispielsweise erscheint uns weiterhin herausfordernd. Die Branche steht durch Zölle, Kosten, branchenspezifische Trends, die Nachfrageentwicklung und hohe Investitionsanforderungen gleichzeitig unter Druck. Viele Unternehmen steuern zwar aktiv gegen. Doch die aktuellen Rendite- und Spread-Niveaus spiegeln diese Risiken unseres Erachtens nicht ausreichend wider.
Fundamental stehen viele europäische Unternehmen dagegen weiterhin solide da. Sie zeigen weiterhin eine hohe Anpassungsfähigkeit. Kostenkontrolle und eine flexible Steuerung der Investitionsausgaben helfen dabei, Verschuldungskennzahlen und Zinsdeckungsgrade stabil zu halten. Frühzeitige Refinanzierungen haben zudem die Fälligkeitsstruktur verbessert. Viele Unternehmen haben kurzfristige Fälligkeiten bereits refinanziert und die Laufzeiten ihrer Verbindlichkeiten bis 2030 oder 2031 verlängert. Die sogenannte Maturity Wall bleibt deshalb überschaubar, was den Refinanzierungsdruck reduziert.
Auch bei den Ausfallraten sehen wir derzeit keine Verschlechterung. Gleichzeitig bleibt die Unsicherheit kurzfristig hoch. Kostenbelastungen, Handelsstörungen und inflationäre Effekte könnten länger anhalten, als der Markt derzeit berücksichtigt. Zudem könnte der Markt erneute Volatilität unterschätzen. Unsere konstruktive Einschätzung stützt sich unter anderem auf die Erwartung, dass sich die geopolitischen Spannungen schrittweise entschärfen und sich der Verkehr durch die Straße von Hormus allmählich normalisiert.
Vor diesem Hintergrund bleiben wir für den europäischen High-Yield-Markt konstruktiv. Das aktuelle Renditeniveau bietet laufende Ertragschancen. Zugleich ermöglicht die größere Renditestreuung eine deutlich selektivere Positionierung. Entscheidend ist aus unserer Sicht, flexibel zu bleiben, Risiken differenziert zu prüfen und gezielt dort zu investieren, wo Volatilität und Dispersion attraktive Risiko-Rendite-Profile auf Einzeltitelebene sichtbar machen.
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*) Elena Musumeci, Portfoliomanagerin bei Eurizon
Gastbeitrag: Europäische High-Yield-Anleihen bleiben attraktiv – warum Selektion jetzt entscheidend ist
Elena Musumeci
