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Gastbeitrag: Die neue Blaupause für konstruktivere US-China-Beziehungen

Warum der bilaterale Ansatz die Spielregeln der Geopolitik verändert

Martin Schulz

Im heutzutage hektischen Nachrichtenzyklus kann sogar das Treffen der beiden wichtigsten Staatsoberhäupter der Welt, Donald Trump und Xi Jinping, schnell zur Randnotiz verkommen. Besonders, da es keine signifikanten Durchbrüche zu berichten gab. Doch während ein geopolitischer Befreiungsschlag ohnehin nie zur Debatte stand, war eine Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und China durchaus realistisch. Interessanterweise handelte es sich dabei nicht bloß um die Wiederaufnahme des alten Dialogs, sondern um einen neuen, strikt bilateralen Ansatz.

Ein neuer institutioneller Rahmen für den Systemwettbewerb
Beide Parteien beschrieben ihr Ziel als eine „konstruktive strategische Stabilität“. Die feindselige Rhetorik ist – zumindest vorerst – vom Tisch. An ihre Stelle trat der Versuch, einen festen institutionellen Rahmen für den Wettbewerb zu schaffen: das neue US-China Board of Trade and Investment. Dieses Gremium könnte durchaus als eine Art bilaterale Welthandelsorganisation (WTO) für eine Post-WTO-Ära dienen.

Dabei suchen beide Seiten nach strategischen Hebeln: die USA über Zölle und Protektionismus, China über seine Dominanz bei Seltenen Erden. Auf dem Gipfel vereinbarten die Chinesen den Kauf von Boeing-Jets, während die USA im Gegenzug die Lieferung von Nvidia-Chips freigaben. Zudem wurden Abkommen über gezielte Zollsenkungen und Agrarexporte geschlossen. China signalisierte Bereitschaft, auf die Bedenken der USA hinsichtlich Seltener Erden einzugehen, betonte jedoch gleichzeitig, die Kontrolle über die Lieferketten zu behalten.

Taiwan und das Halbleiter-Dilemma
Taiwan bleibt der Elefant im Raum und ein Problem, das sich auch mit diesem neuen Ansatz nicht so einfach lösen lässt. Die gern als „strategische Ambiguität“ betitelte Unschärfe der Frage, ob die USA Taiwan im Ernstfall militärisch verteidigen würden, ist für die USA ebenso eine Selbstfindungsfrage wie ein Rätsel, das China zu lösen versucht.

In der Zwischenzeit bleibt die Welt fundamental von Taiwan abhängig, da die Insel die Halbleiterfertigung im Zuge des KI-Booms dominiert. Diese Produktionskapazitäten basieren jedoch maßgeblich auf westlichem geistigem Eigentum, das außerhalb der Reichweite der chinesischen Marine liegt. Diese gegenseitige Abhängigkeit ist nicht vergleichbar mit der Dynamik zwischen den USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges, die vor allem von grimmigem Säbelrasseln auf Distanz geprägt war.

Das Ende des Multilateralismus und Chinas Achillesferse
Der Schwenk zum Bilateralismus markiert gleichzeitig einen herben Rückschlag für die Europäer. Sie haben ihre Zukunft ganz auf den Multilateralismus gesetzt und glänzten bisher darin, transnationale Gremien wie die WTO anzuführen und zu lenken. Die Bedeutung von Institutionen mit universellen Regeln für alle Marktteilnehmer schwindet jedoch. Stattdessen befindet sich die Realpolitik im Aufwind – Einflusssphären und bilaterale Verhandlungen sind das Gebot der Stunde. Bezeichnend: Kaum hatte Präsident Trump Peking verlassen, traf bereits der russische Präsident Wladimir Putin ein, um sich mit Xi Jinping zu treffen.

Kurzfristig zeigt sich zudem, dass China direkt von den geopolitischen Verwerfungen in Venezuela und jüngst im Iran betroffen ist. Die Industrieproduktion stieg im April im Jahresvergleich um magere 4,1% nach 5,7% im März. Auch wenn die Daten vom Mai mit 4,5% schon wieder eine leichte Erholung andeuten: Der anfängliche Einbruch unterstreicht eindrucksvoll, wie anfällig Asien gegenüber Störungen in der Straße von Hormus und von Energieimporten aus dem Nahen Osten bleibt. Die chinesische Regierung hat darauf bisher nicht fiskalpolitisch reagiert. Wie gewohnt spielt China das lange Spiel. In Peking, so scheint es, habe man darauf gewartet, bis sich der Nebel im Verhältnis zu den USA zumindest ein Stück weit lichtet.

Fazit: Pragmatisches Management statt wirtschaftlicher Scheidung
Auch wenn Reibungen und Spannungen bestehen bleiben, zeichnet sich eine Roadmap für die Zukunft der beiden Supermächte ab. Mit einer Reihe von geplanten Treffen in den kommenden Monaten und einem neuen institutionellen Organ zur Klärung von Handelsfragen stehen die Kommunikationskanäle offen. Wie ein Kommentator es treffend formulierte: Wir befinden uns nicht in einem neuen Kalten Krieg mit China, sondern vielmehr in einem „Hot Peace“.

Beide Seiten scheinen zunehmend zu realisieren, dass sie wirtschaftlich aufgrund der enormen Verflechtung nicht ohneeinander können. Die Realität ist, dass die USA und China zu stark aneinandergekettet sind, um die Handelsbeziehungen ohne astronomische Kosten zu kappen. Der tiefsitzende wirtschaftliche und strategische Wettbewerb wird Bestand haben, trotzdem gab es von beiden Seiten klare Signale, dass sie pragmatisches Konfliktmanagement der Eskalation vorziehen. Und das allein ist bereits ein echter Fortschritt.

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*) Martin Schulz, Senior Portfolio Manager bei Federated Hermes