Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Nachhaltigkeitsstudie von Union Investment, für die Anfang 2026 insgesamt 130 institutionelle Investoren mit einem verwalteten Vermögen von rund 1,7 Billionen Euro befragt wurden. Zu den Teilnehmern gehörten Unternehmen, Banken, Versicherungen, Kapitalverwaltungsgesellschaften, Stiftungen sowie Altersvorsorgeeinrichtungen.
ESG bleibt Standard im Investmentprozess
Die Untersuchung zeigt, dass Nachhaltigkeit bei institutionellen Investoren inzwischen weitgehend zum Standard geworden ist. 85% der Befragten berücksichtigen ESG-Kriterien bei ihren Anlageentscheidungen. Nachhaltige Investments machen mittlerweile durchschnittlich 65% der Portfolios aus, während konventionelle Anlagen noch auf 35% kommen.

Bemerkenswert ist dabei die Stabilität der Entwicklung. Obwohl die Diskussion um Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren deutlich kontroverser geworden ist, sehen 88% der Investoren keine Auswirkungen der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung auf ihre Anlagestrategie.
„Bei den meisten institutionellen Investoren ist Nachhaltigkeit im Investmentprozess fest etabliert. Sie lassen sich durch öffentliche Debatten wenig beeindrucken und konzentrieren sich stattdessen auf die Qualität ihrer Anlagestrategie und den Anlageerfolg“, erklärt Harald Rieger.
Nachhaltigkeit ja – aber nicht um jeden Preis
Die Studie zeigt jedoch auch eine gewisse Ernüchterung. Zwar sehen 68% der Befragten einen langfristigen ökonomischen Nutzen nachhaltiger Kapitalanlagen, gleichzeitig steht für die Mehrheit weiterhin die Rendite im Vordergrund.
Für 62% der Investoren besitzt die finanzielle Performance Vorrang gegenüber der Nachhaltigkeitswirkung. Lediglich 38% stellen den gesellschaftlichen oder ökologischen Impact an erste Stelle.
Dieses Ergebnis verdeutlicht eine Entwicklung, die sich seit einigen Jahren in vielen institutionellen Portfolios beobachten lässt: Nachhaltigkeit wird zunehmend als integraler Bestandteil professioneller Kapitalanlage verstanden und weniger als eigenständiges Anlageziel. ESG soll Risiken reduzieren, Chancen identifizieren und langfristig stabile Erträge unterstützen.
Passend dazu sehen die meisten Befragten kaum Unterschiede zwischen nachhaltigen und konventionellen Anlagen. 66% erkennen bei der Rendite keine wesentlichen Differenzen, während 63% auch hinsichtlich des Risikoprofils vergleichbare Eigenschaften feststellen.
Interessant ist zudem, dass 40% nachhaltigen Strategien eine hohe Bedeutung für das Risikomanagement ihrer Portfolios zuschreiben.
KI sorgt für neue Nachhaltigkeitsdebatten
Erstmals rückt auch das Thema Künstliche Intelligenz stärker in den Fokus der Nachhaltigkeitsdiskussion.
87% der Befragten erwarten Auswirkungen von KI auf nachhaltige Kapitalanlagen. Dabei gehen die Einschätzungen jedoch auseinander. Während 56% davon ausgehen, dass künstliche Intelligenz positive Effekte auf Nachhaltigkeit und Effizienz haben wird, befürchten 44% einen steigenden Ressourcenverbrauch und zusätzliche Belastungen für Klima und Umwelt.
Die Diskussion erinnert an die aktuelle Debatte rund um den enormen Energiebedarf von Rechenzentren und KI-Anwendungen. Gleichzeitig eröffnet die Technologie neue Möglichkeiten für ESG-Datenanalyse, Risikomanagement und Transparenz entlang komplexer Wertschöpfungsketten.

Frust über die Regulierung wächst
Deutlich kritischer als die Nachhaltigkeitsidee selbst beurteilen institutionelle Investoren die regulatorischen Rahmenbedingungen.
92% der Befragten fordern eine praktikablere ESG-Regulierung. Damit gehört die Regulierung mittlerweile zu den größten Kritikpunkten professioneller Anleger.
Hintergrund sind unter anderem die umfangreichen Berichtspflichten im Rahmen von SFDR, CSRD und EU-Taxonomie sowie die weiterhin bestehenden Interpretationsspielräume bei Nachhaltigkeitsdefinitionen.
Gleichzeitig sehen sich viele Investoren durchaus gut aufgestellt: 60% bewerten ihre Kenntnisse im Bereich nachhaltiger Kapitalanlagen als gut oder sehr gut. Zudem wird das aktuelle Marktangebot an nachhaltigen Produkten und Lösungen von einer knappen Mehrheit als hilfreich eingeschätzt.
Zweifel an den Klimazielen nehmen zu
Besonders auffällig ist die wachsende Skepsis gegenüber politischen Klimazielen.
Lediglich neun Prozent der Befragten glauben noch daran, dass die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Ziele tatsächlich erreicht werden können. Bereits vor zehn Jahren überwogen die skeptischen Stimmen, seither ist deren Anteil jedoch nochmals deutlich gestiegen.
Diese Einschätzung dürfte auch die zunehmende Komplexität der globalen Transformation widerspiegeln. Geopolitische Spannungen, Energieversorgungssicherheit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und hohe Investitionskosten erschweren die Umsetzung vieler klimapolitischer Vorhaben.
Nachhaltigkeit wird erwachsen
Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass Nachhaltigkeit bei institutionellen Investoren eine neue Phase erreicht hat. Die Grundsatzdiskussion über die Relevanz von ESG scheint weitgehend beendet. Stattdessen rücken Fragen nach Umsetzbarkeit, Wirtschaftlichkeit und regulatorischer Praktikabilität in den Vordergrund.
„Die meisten institutionellen Investoren setzen eine Nachhaltigkeitsstrategie um, sind aber realistisch. Sie wünschen sich eine deutlich pragmatischere Regulierung und sehen Nachhaltigkeit zunehmend als integrales Instrument ihres Investmentprozesses und Risikomanagements“, fasst Rieger zusammen.
Für institutionelle Anleger bedeutet dies: Nachhaltigkeit bleibt ein zentraler Bestandteil der Kapitalanlage – allerdings zunehmend eingebettet in eine ganzheitliche Betrachtung von Risiko, Rendite und langfristiger Portfoliostabilität.
Union-Investment-Studie: ESG ist etabliert – Investoren fordern jedoch mehr Pragmatismus bei der Regulierung
Harald Rieger
