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„Über drei Viertel der Umfrageteilnehmer gehen davon aus, dass die Nachfrage nach KI-basierten Investmentstrategien in den nächsten fünf Jahren zunehmen oder erheblich zunehmen wird“

Künstliche Intelligenz (KI) scheint in aller Munde. Ihr Potenzial ist in vielen Sektoren bislang jedoch wenig erschlossen. Das gilt auch für die Finanzbranche. Speziell zum Anteil von KI im Investmentprozess gibt es noch wenig Historie. Pablo Hess und Michael Günther von Tungsten TRYCON haben eine Umfrage unter Investoren zu dem Thema durchgeführt. IPE D.A.CH-Chefredakteur Frank Schnattinger sprach mit den beiden Portfoliomanagern über die Ergebnisse.

Pablo Hess (oben) und Michael Günther

IPE D.A.CH: Herr Günther, Herr Hess, vor einiger Zeit haben wir uns zu den Themen Datenanalyse und KI ausgetauscht. Zunächst zur Definition vorab: Durch was zeichnet sich eine Investmentstrategie aus, bei der Anlageentscheidungen durch KI unterstützt werden?
Günther: Gegenüber traditionellen quantitativen Handelsstrategien kommt ein Vielfaches, mithin das Hunderttausendfache, an Daten zum Einsatz. Zudem wird eine fortschrittliche Technologie benötigt, die diese Informationen intelligent verknüpft, Muster erkennt und Analysen erstellt.

IPE D.A.CH: Können Sie zur Rolle und Bedeutung der Daten einige Beispiele geben?
Günther: Wir haben unlängst vornehmlich institutionelle und semi-institutionelle Anleger zu ihren Erwartungen beim Thema KI befragt: In der Tat ist für zwei von drei Teilnehmern die Berücksichtigung größerer, relevanter Datenmengen die Top-Priorität. Der Verbesserung des Chance-Risiko-Verhältnisses sowie der Eliminierung des Behavioral Bias kommt mit 51% beziehungsweise 43% ebenfalls eine hohe Bedeutung zu. Interessanterweise ist Rendite, dies wäre vielleicht naheliegend, nicht der erste Faktor, mit dem Anleger KI-Technologien bei der Geldanlage bewerten.

IPE D.A.CH: Ein Mehr an Daten dürfte aber noch kein Garant für Erfolg sein?
Hess: Inwieweit KI den menschlichen Analysten ergänzt oder zur Mitsteuerung des Investmentprozesses zum Einsatz kommt, dies dürfte die Asset Management-Branche in nächster Zeit weiter beschäftigen. Ebenso, in besonderem Maße, welche Art von Daten dabei Verwendung findet. Einige Anbieter nutzen vornehmlich strukturierte Finanzinformationen und Zeitreihen, etwa Preis- und Umsatzdaten, andere versprechen sich Erkenntnisse beispielsweise aus Social Media-Nachrichten wie Twitter oder aus der Auswertung von GPS-Daten und Satellitenbildern. Fast die Hälfte der befragten Anleger nimmt die Qualität der verfügbaren Daten als größte Herausforderung bei der Umsetzung eines von Algorithmen gestützten Portfolios wahr.

IPE D.A.CH: Wie schneidet die Finanzindustrie beim Einsatz von KI ab?
Günther: Die Anwendung von KI auf die Finanzmärkte ist herausfordernd. Dies trifft vielleicht nicht so sehr auf administrative, prozessuale oder IT- und vertriebsseitige Einsatzgebiete von KI zu. Wenn es aber darum geht, Handelsgelegenheiten zu finden und - datengetrieben - Investmentideen abzuleiten, dann bewegen wir uns an den Kapitalmärkten natürlich immer in einem schwer antizipierbaren Umfeld. Fast jeder zweite Teilnehmer der genannten qualitativen Befragung hält daher diese Eigenheiten und Komplexitäten der Finanzmärkte für die größte Herausforderung in der Praxis.

IPE D.A.CH: Wie wirkt sich dies im Branchenvergleich aus?
Günther: Die Ergebnisse legen nahe, dass die Umfrageteilnehmer die Finanzindustrie beim Einsatz von KI im Branchenvergleich auf einem der hinteren Plätze verorten. Das mag zum einen daran liegen, dass der Einsatz von KI hier weniger sichtbar ist als in manch anderen Feldern, man denke zum Beispiel an das autonome Fahren. Im Automobilsektor wird KI aus Sicht der befragten Anleger so auch tatsächlich bislang am erfolgreichsten eingesetzt, gefolgt von der Telekommunikationsindustrie. KI im Investment Management ist aber noch einmal ein ganz eigenes Parkett, daher wollten wir dazu dezidiert einige Einschätzungen aus Anlegersicht einholen. Im Fehlen menschlicher Kontrollinstanzen sowie etwaig geringen Erfahrungswerten und Mangel an Spezialisten sehen die Investoren im Vergleich zu den eingangs genannten Punkten weniger große Hürden.

IPE D.A.CH: Warum findet die KI – zumindest bisher – nicht mehr Verbreitung?
Hess: KI-Zukunftstechnologien werden – noch – vornehmlich mit anderen Ländern und Regionen assoziiert. Den USA und China stellen die Anleger in unserer Befragung mit Schulnote 2(+) ein gutes Zeugnis aus, Deutschland und Europa schneiden nur mit Note 4 ab. Aber natürlich erwarten wir, dass das Thema auch hierzulande künftig mehr Visibilität und Verbreitung im Fondsmanagement erhalten wird. Auch über drei Viertel der Umfrageteilnehmer gehen davon aus, dass die Nachfrage nach KI-basierten Investmentstrategien in den nächsten fünf Jahren zunehmen oder erheblich zunehmen wird.

IPE D.A.CH: Wo sehen Sie die Grenzen beim Einsatz von KI-Strategien?
Hess: Ungeachtet der verwendeten Daten und Algorithmen muss klar sein: die KI arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten für den Eintritt von Szenarien. Der Algorithmus ist keine Glaskugel. Er interpretiert bestimmte Marktereignisse und Kursentwicklungen. Wie jede andere Investmentstrategie werden KI-basierte Strategien profitable und schwächere Phasen haben. Einer der Vorteile ist sicherlich, dass KI einen anderen Blick auf die Märkte ermöglicht.

IPE D.A.CH: Abschließend ein weiter Blick in die Zukunft: Inwieweit wird maschinelle Intelligenz in den nächsten fünf Jahren für den Hauptteil des Investment Managements verantwortlich sein?
Günther: Nur wenige Anbieter haben ihr Asset Management heute bereits voll auf KI ausgerichtet. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten circa fünf Jahren die Entwicklung im Asset Management zunächst in Richtung „Assisted Intelligence“ gehen wird, in der Form, dass die Maschine eine zweite Meinung liefert, bis dann im weiteren Verlauf größere Teile des Investmentprozesses auf die KI übertragen werden.

IPE D.A.CH:
Besten Dank für diese Einblicke.