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Kommentar: Anspruch und Wirklichkeit - Zur Situation ethischer Standards in der Finanzbranche

Im Gefolge vielfacher Verfehlungen und Sorgfaltspflichtverletzungen hat sich die Finanzbranche einen Kulturwandel und eine Verbesserung ihrer ethischen Standards auf die Fahnen geschrieben. Dass dieser Wandel nicht gelang, gilt als (Mit)Grund für den jüngsten Austausch an der Spitze des Vorstands einer großen deutschen Privatbank. Inwieweit hat die Branche also in den letzten Jahren Fortschritte in Deutschland gemacht? Und in welchen Bereichen ist der Nachholbedarf noch immer hoch? Drei unterschiedliche Studien beleuchten das Thema und geben – teilweise desillusionierende – Antworten.

Susan Spinner

Ethik = Bremse für Karrieren in der Finanzindustrie?
Die spannende grundsätzliche Frage lautet: Ist die Finanzindustrie mit ihren inhärenten Mechanismen per se anfällig für unethisches Gebaren? Dieser Frage ging unlängst das <link http: www.secwhistlebloweradvocate.com>Mendoza College of Business der Notre Dame University nach. Anfang des Jahres wurden 925 Einzelpersonen in den USA und 298 in Großbritannien, darunter Investmentbanker, Portfoliomanager und weitere Berufsgruppen aus der Finanzindustrie, befragt. Die Studie hat zwar einige Schwächen, legt aber an einer Stelle sehr plakativ die nicht untypischen Denkmuster in der Finanzbranche offen: Danach sagen 32% der Studienteilnehmer (mit weniger als 10 Jahren Berufserfahrung) dass Sie Insider-Informationen ausnutzen würden, wenn sie damit 10 Mio. US-Dollar für sich persönlich einstreichen könnten. Ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen Initiativen, die ein starkes Umfeld professioneller Standards etablieren wollen. Die Ergebnisse decken sich mit einer <link http: www.cfainstitute.org about research surveys pages crisisofculture.aspx>Studie des CFA Institute unter 400 Nichtmitgliedern des Verbands (davon 42% aus Europa) aus Geschäftsbanken, Asset Management-Häusern, Investmentbanken, Wealth Managern und weiteren Finanzdienstleistern. Danach sagen zwar 91% der befragten Top-Manager, dass sie die Bedeutung ethischer Richtlinien für die Industrie anerkennen. Und immerhin 67% der Umfrageteilnehmer bekunden, für ihre Mitarbeiter entsprechende Ethik- und Verhaltenskodex-Programme angestoßen zu haben. Allerdings sagt mehr als die Hälfte (53%) der Manager, dass ein beruflicher Aufstieg in Finanzhäusern schwierig ist, wenn ethische Standards nicht „flexibel“ gehandhabt werden können. Die klaffende Lücke zwischen dem theoretischen Anspruch und der Wirklichkeit in der täglichen Umsetzung bleibt die große Herausforderung.

Mega-Themen Niedrigzins, Altersvorsorge, Finanzberatung
Vor dem Hintergrund des anhaltenden Niedrigzinsumfelds und den damit verbundenen Herausforderungen bei den Themen Vermögensaufbau und Altersvorsorge erhält das Thema eine zusätzliche Wichtigkeit und Dimension. Es bedarf gut ausgebildeter Finanzberater mit versiertem Know-how verschiedener Assetklassen und Anlagestrategien, die ihr Wissen glaubwürdig an Kunden weitervermitteln können.

Die <link http: www.cfainstitute.org about research surveys pages global_market_sentiment_survey.aspx>aktuelle Mitgliederbefragung des CFA Institute, an der über 5.000 Investment Manager und professionelle Anleger (davon rund 30% aus Europa und Deutschland) teilnahmen, zeigt daher auch: In Deutschland stehen die Befragten dem Thema „Falschberatung“ besonders kritisch gegenüber: 37% der Befragten sehen darin die größte Herausforderung für den deutschen Markt in 2015. In der Bewältigung diese Themas offenbart sich die zweite große Lücke zwischen Anspruch und Realität: Es fehlt an Vorbildern, die vertrauensbildendes Verhalten vorleben. Es fehlt zudem an einem Umfeld, das „gutes“ Verhalten belohnt und Sanktionen oder zumindest Meldesysteme gegenüber Fehlverhalten ermöglicht.

Dieses Problem hat die Studie der Notre Dame University nochmals aufmerksamkeitsstark entlarvt. Danach bestätigen zahlreiche Umfrageteilnehmer, dass in ihren Häusern ethische Probleme lieber unter den Teppich gekehrt oder verschwiegen werden. Noch schlimmer: Die Mitarbeiter in den Finanzhäusern befürchten negative Konsequenzen für ihre persönliche Karriere, wenn sie Fehlverhalten gegenüber Regulierern oder Aufsichtsbehörden melden.


Sieben Jahre nach Lehman Brothers: Und jetzt?
Als Vertreterin der <link http: www.cfa-germany.de>CFA Society Germany, dem größten Verband für professionelle Anleger in Deutschland, vertrete ich die Meinung, dass nun vor allem drei Dinge adressiert werden müssen:
1.) Schaffen es die großen Geldhäuser, einen nachweislichen Wandel ihrer Praktiken herzustellen?
2.) Wer soll diesen Wandel innerhalb der Geldhäuser vorleben und tragen?
3.) Welche Trainings oder welchen „ethischen Kompass“ benötigen diese Mitarbeiter?

Was sich bereits abzeichnet: An den Konzernspitzen hat es unlängst einige wichtige Wechsel gegeben. Hier sind beispielsweise Barclays in Großbritannien, die Credit Suisse in der Schweiz oder BNP Paribas in Frankreich zu nennen. Von den neuen Vorstandschefs wird nun erwartet, dass sie eine neue Kultur aktiv vorleben und in allen Bereichen der Organisation verankern. Es bedarf Incentives für diejenigen, die dies aktiv mitgestalten. Zur Stärkung des Vertrauens können dabei sogenannte Wohlverhaltensregeln oder Verhaltenskodizes helfen, denn ethische Grundsätze greifen auch da, wo es keine Regulierung gibt. Das Thema ist trainierbar. Es gehört daher in das Ausbildungs-Curriculum aller Anlageberater. Einige Ausbilder, wie zum Beispiel das CFA Institute, fordern von den Trägern des Titels „Chartered Financial Analyst“ (CFA) sich mindestens jährlich zu entsprechenden Ethik- und Branchenstandards zu bekennen. Bei Verstößen gegen diese Auflagen, zum Beispiel im Falle bewusster Verschleierung von Interessenkonflikten und Intransparenz gegenüber den Kunden, kann der Titel aberkannt werden. Mitarbeiter in der Finanzbranche müssen verstehen, dass Interessenkonflikte ein Teil des Arbeitslebens sind. Wichtig ist es, diese Konflikte zu erkennen und darauf zu reagieren – und nicht die Augen zu schließen und zu hoffen, dass die Situation verschwindet. Finanzberater, Vermögensverwalter und Investmentmanager stehen in einem Treuhandverhältnis mit ihren Kunden. Die Interessen des Endkunden haben daher immer im Vordergrund zu stehen. Es sendet ein wichtiges Signal, wenn wir uns nicht auf einen Konsens mit dem niedrigsten gemeinsamen Nenner, sondern auf höchstmögliche professionelle Standards verpflichten.


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*) Susan Spinner, CFA, leitet den Berufsverband CFA Society Germany seit Juni 2011 als Managing Director. Mit rund 2.200 Mitgliedern ist die CFA Society Germany die größte Gesellschaft für Finanzanalysten, Investmentmanager und institutionelle Investoren in Deutschland. Susan Spinner blickt auf rund 25 Jahre Berufserfahrung in der Investmentbranche mit den Schwerpunkten Portfolio Management und Wertpapieranalyse zurück. In Deutschland war sie für renommierte Finanzinstitute wie Cominvest (2005-2007), Commerz Asset Managers (2001-2005), Commerz International Capital Management (2000-2001), die Hamburgische Landesbank (1996-1998) sowie für die Dresdner Bank (1991-1992) tätig. Darüber hinaus war sie in Chicago (USA) für die Bank of Montreal (1992-1996) aktiv, zuletzt in der Funktion als Director Global Financial Products.