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Gastbeitrag: Immaterielle Vermögenswerte (IAS38) und politische Reizthemen – der Wert von Sozialkapital in Wissensökonomien

Im Sommer bot Meta-Chef Mark Zuckerberg dem australischen Softwareentwickler und Mitbegründer von TML, Andrew Tulloch, rund 1,5 Mrd. US-Dollar, um ihn abzuwerben. Tulloch lehnte ab, um im Oktober dann doch zuzusagen. Der Vorfall wurde öffentlich diskutiert und kritisiert. Die eigentliche Problematik wurde allerdings übersehen: immaterielle Vermögenswerte, unter anderem Sozialkapital, sind in der heutigen Wissensökonomie wertvoll, aber nur unzureichend bilanzierbar. Der zugrundeliegende Rechnungslegungsstandard IAS38 müsste bereits seit einigen Jahren überarbeitet und angepasst werden. Denn die derzeitige Definition führt zu potenziell negativen Konsequenzen für die Erfassung von Wertschöpfung, in der Bilanzierung aber auch in der Analyse und Bewertung von Unternehmen.

Dr. Katrin Gülden Le Maire

Das mag erstens daran liegen, dass Entscheidungsträger Debatten über Rechnungslegungsstandards an Wirtschaftsprüfer delegieren (und auch relegieren). Zweitens sind Aufmerksamkeit und organisatorische Ressourcen stark gebunden, gesetzliche Rechenschaftspflichten einzuhalten. Der positive Effekt immaterieller Güter wird in Fallstudien dargelegt, um dem „Comply & Explain Prinzip“ und guter Corporate Governance zu genügen. Dies gilt insbesondere für Sozialkapital, dass sich zu einem politischen und kulturellen Reizthema und Kampfplatz entwickelt hat und Unternehmen reputativ und finanziell nutzt oder schadet. Sie vernachlässigen jedoch oft die kritische Differenzierung kausaler Zusammenhänge, Korrelationen, (ir)relevante Messdaten und -größen oder Komplementärdaten. Sie spielen ungewollt Kritikern in die Hände, wie etwa der populäre – jedoch wissenschaftlich widerlegte – McKinsey Diversity Report.

Sozialkapital ist ein volkswirtschaftlicher wie auch soziologischer Begriff, der sich mit dem Wert von Beziehungen, Interaktionen, kulturellen Gepflogenheiten, geteilten Normen, Werten und Verständnissen befasst. Das Konzept beinhaltet Aspekte demografischer und kognitiver Diversität, geht aber über sie hinaus. Es handelt sich um eine „soziale Energie“, also ein psycho-soziales Konzept mit anschließenden Effekten, das sich in Unternehmen in überdurchschnittlicher hoher Kreativität, Loyalität, Kohärenz und gutem Management ausdrückt und zu Innovationen und Wachstum beiträgt. Es ist bis heute fast unmöglich, Sozialkapital adäquat bilanziell abzubilden, was unter anderem an einer veralteten Definition von IAS38 liegt. Dieses Defizit ermöglicht es kritischen Investoren und politisch motivierten Vertretern Bemühungen als Verletzung der Treuepflicht (Fiduciary Duty) abzulehnen.

Dabei wurde eine mögliche Teil-Lösung schon 2017 von den britischen Wirtschaftswissenschaftlern Jonathan Haskell und Stian Westlake vorlegt.

Immaterielle Vermögenswerte
Der International Accounting Standard 38 ist ein Rechnungslegungsstandard des International Accounting Standards Board (IASB), der die Bilanzierung immaterieller Vermögenswerte regelt. Die ersten Entwürfe des Standards wurden 1977 entwickelt. Er wurde 1998 veröffentlicht und zuletzt 2014 leicht angepasst. Zum Vergleich: der Beginn der digital dominierten Wissensökonomie wird auf die frühen 2000er, der Anfang der vierten industriellen Revolution („Industry 4.0“) auf 2011 datiert.

In ihrem Buch „Capitalism without Capital – The Rise of the Intangible Economy“ diskutieren die Forscher den Fortschritt entwickelter Volkswirtschaften hin zu immateriellen Volkswirtschaften sowie immaterielle Investitionen (Forschung/Entwicklung, Patente/Software, Design/Marke, Abläufe/Prozesse). Sie erachten, dass die zunehmende Ablösung von Sachwerten für zugrundeliegende Phänomene wie etwa sinkende Produktivität, eine zunehmende soziale Ungleichheit, Mängel im öffentlichen Wesen und eine stagnierende Finanzpolitik mitverantwortlich sei. Die beiden identifizieren vier wirtschaftliche Eigenschaften („4S“), die heutige immaterielle Vermögenswerte kennzeichnen und auf spezielle Charakteristiken zurückzuführen sind: ihre Unsicherheit, ihr Optionswert in Kosten-Nutzen-Analysen und ihre Anfechtbarkeit.

Erstens, Skalierbarkeit („Scalability“): immaterielle Vermögenswerte können mit geringem Kostenaufwand an mehreren Orten reproduziert werden (wie z.B. Software). Zweitens, ihr versunkener Wert („Sunkenness“) wirkt sich stark auf den Wiederverkaufswert immaterieller Güter aus. Er ist in der Regel gering. Drittens, die Übertragungseffekte („Spillover“) immaterieller Güter an andere Unternehmen können selten vollständig erfasst werden. Sie werden jedoch immer wichtiger. Viertens, generieren immaterielle Güter einen oft höheren Wert in Kombination mit anderen immateriellen Vermögenswerten („Synergies“).

Wissensökonomien und Technonationalismus
Parallel propagieren Haskell und Westlake eine Überarbeitung von Messgrößen der Volkswirtschaften, um Verzerrungen und unvollständigen Abbildungen in Wissensökonomien vorzubeugen. So wird beispielsweise die Methodik des Statistischen Bundesamtes nur alle fünf Jahre überarbeitet; zum letzten Mal 2021. ChatGPT wurde im November 2022 veröffentlicht; seitdem dominiert die KI-Revolution Debatten und Investitionsvorhaben. In den USA wurde Software erst 1999 in BIP-Berechnungen eingefügt; ähnliches gilt für Deutschland. Marktforschung, Markenbildung und Schulungen, für die Unternehmen großen Summen ausgeben, werden auch weiterhin nicht berücksichtigt. Die fehlende Diskussion um die Ausweitung hat auch potenzielle Auswirkungen auf aktiv gemanagte Aktienportfolios. Acht der zehn größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung sind Technologiefirmen (inklusive Tesla). Bilanzen von Unternehmen deren Wert wesentlich von immateriellen Gütern bestimmt wird, sind weniger aussagekräftig. Von daher ist exzellenter Aktienresearch in Wissensökonomien essenziell. Denn geopolitische Entwicklungen wie der wachsende Technonationalismus, aber auch Herausforderungen von Kapitalmobilität über die Besteuerung von Unternehmen, zur Erosion sozialer Infrastrukturen, demografischem Wandel und damit verbundenen Kosten immaterieller Vermögenswerte und Sozialkapitals beeinträchtigen die Portfoliovolatilität und das Risiko.

Vertrauen und Sozialkapital
Sozialkapital wirkt sich unmittelbar und komplex auf Unternehmensergebnisse aus. Das wird insbesondere in der Tech-Branche sichtbar. Die Integration diverser miteinander verbundener Chancen und Risiken im 21. Jahrhundert lässt sich nicht auf die integrierte Berichterstattung reduzieren. Die Sichtbar- und Prüfbarmachung der strategischen Ausrichtung von Unternehmen quantifiziert ihr nachhaltiges, gesellschaftlich verantwortliches Wirtschaften und macht sie somit vergleichbar. Sie ist ein Werkzeug für die Finanzindustrie und Politik. Bilanzielle und realwirtschaftliche Herausforderungen bleiben.

Eine kritische Debatte zur Anpassung von IAS38 schafft gedanklichen Raum, Herausforderungen rund um die Thematik Sozialkapital betriebswirtschaftlich anzugehen. Immaterielle Werte werden in Wissensökonomien immer wichtiger. Sie müssen somit bilanzierbar gemacht werden, um ihnen einen messbaren, wirtschaftlichen Wert zuzuordnen. Die Erweiterung von IAS38 ermöglicht es Entscheidern ebenfalls, aufgeheizte Thematiken finanzrechtlich zu verankern und übergeordnet und somit apolitisch zu positionieren. Dies ist insbesondere in den Jurisdiktionen wichtig, in denen Investoren, Boards aber auch C-Suites politisch unter Druck geraten und konkrete, regulatorische und haftungsrechtliche Konsequenzen fürchten müssen.

Haskell und Westlakes Forderungen werfen nicht nur steuer- und wettbewerbspolitische Fragen auf. Die buchhalterische Abbildung von Sozialkapital stärkt auch Vertrauen. Das ist umso wichtiger in einem globalen Umfeld, in dem Unternehmen unterschiedlichen Share- und Stakeholderinteressen gerecht werden müssen, aber nicht als Spielball parteipolitischer Vertreter aktiviert oder degradiert werden möchten.

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*) Dr. Katrin Gülden Le Maire, Strategieberaterin

Der Artikel wurde ohne Einsatz von KI erstellt. Dr. Katrin Gülden Le Maire ist die originäre Verfasserin.