Europa mangelt es nicht an Ideen. Auch nicht an Talenten, Forschungsinfrastruktur oder technologischer Exzellenz. Was dem Kontinent jedoch weiterhin fehlt, ist ein Finanzierungssystem, das Innovationen konsequent bis zur globalen Skalierung trägt. Gerade für institutionelle Investoren liegt hier nicht nur eine strukturelle Schwäche der europäischen Wirtschaft – sondern auch eine strategische Investitionschance.
Eine in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentliche Analyse zeigte jüngst, dass Europa in mehreren Schlüsselindustrien der kommenden Jahrzehnte global führend werden könnte – von künstlicher Intelligenz über Halbleiter bis hin zu grünem Wasserstoff. Entscheidend wird jedoch weniger sein, ob diese Technologien entstehen. Entscheidend wird sein, ob genügend langfristiges Kapital bereitsteht, um sie zur Marktreife und darüber hinaus zu finanzieren.
Hier kommt institutionelles Kapital ins Spiel.
In den Vereinigten Staaten bilden Pensionsfonds, Universitätsstiftungen und Versicherungen seit Jahrzehnten das Rückgrat der Venture-Capital-Industrie. Ihre langfristigen Allokationen haben es ermöglicht, große Fondsstrukturen aufzubauen, die Unternehmen von der frühen Innovationsphase bis zur globalen Expansion begleiten können. In Europa dagegen ist die Beteiligung institutioneller Investoren im Venture-Capital-Segment weiterhin vergleichsweise gering.
Die Folge ist eine strukturelle Finanzierungslücke – insbesondere in der Phase zwischen Start-up und Scale-up. Europa bringt eine große Zahl innovativer Unternehmen hervor, doch viele von ihnen greifen in späteren Wachstumsphasen auf Kapital aus den USA oder Asien zurück.
Dabei fehlt es weniger an Kapital als an dessen Mobilisierung.
„Deutschland hat kein Kapitalproblem. Wir lassen Kapital ungenutzt“, sagt Ulrike Hinrichs, Vorstandssprecherin des Bundesverbands Beteiligungskapital (BVK).
Für institutionelle Investoren, die angesichts niedriger Wachstumsraten und volatiler Kapitalmärkte nach Diversifikation und langfristigen Renditequellen suchen, gewinnt Venture Capital zunehmend strategische Bedeutung. Venture-finanzierte Unternehmen sind überproportional häufig Treiber technologischer Durchbrüche und Produktivitätsgewinne in modernen Volkswirtschaften.
Auch der Bundesverband Alternative Investments (BAI) hebt die volkswirtschaftliche Bedeutung hervor: „Venture Capital ist eine der wichtigsten Finanzierungsquellen für innovative junge Unternehmen und ein zentraler Treiber technologischen Fortschritts.“
Wenn Europa technologisch mit den USA und Asien konkurrieren will, wird institutionelles Kapital eine deutlich größere Rolle bei der Finanzierung von Innovation spielen müssen.
Drei Hebel könnten diesen Wandel beschleunigen.
Erstens braucht es investorenfreundlichere regulatorische Rahmenbedingungen für langfristiges institutionelles Kapital. In mehreren europäischen Jurisdiktionen wirken aufsichtsrechtliche Anforderungen und Kapitalunterlegungspflichten weiterhin als Hemmnis für Venture-Capital-Allokationen.
Zweitens benötigt Europa größere und stärker integrierte Venture-Ökosysteme. Fragmentierte Märkte und vergleichsweise kleine Fondsvolumina erschweren es insbesondere großen Pensionsfonds oder Versicherungen, signifikante Allokationen effizient zu platzieren.
Drittens müssen Investitionshorizonte besser mit technologischen Entwicklungszyklen harmonieren. Viele der entscheidenden Innovationen – etwa in den Bereichen Climate Tech, industrielle Dekarbonisierung, Quantencomputing oder Deep Tech – benötigen deutlich längere Entwicklungsphasen als klassische Software-Start-ups.
Institutionelle Investoren verfügen mit ihren langfristigen Verbindlichkeiten strukturell über genau den Anlagehorizont, den solche Technologien erfordern.
Die zentrale strategische Frage lautet daher nicht, ob Europa innovativ genug ist. Das ist es zweifellos. Die Frage ist vielmehr, ob es gelingt, ausreichend Kapital zu mobilisieren, um diese Innovationen auch in Europa zu skalieren.
Für institutionelle Investoren ergibt sich daraus eine seltene Konstellation: Eine Allokation in europäisches Venture Capital und Growth Equity ist nicht nur eine Frage der Portfolio-Diversifikation. Sie ist zugleich eine Investition in die wirtschaftliche und technologische Zukunft Europas.
Die technologische Souveränität Europas wird letztlich nicht allein in politischen Programmen entschieden. Sie entsteht in Investmentkomitees, Fondsstrukturen und langfristigen Kapitalallokationen.
Institutionelle Investoren können maßgeblich dazu beitragen, dass Europa nicht nur ein Kontinent der Innovation bleibt – sondern auch einer der Skalierung.
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*) Hans-Jürgen Dannheisig ist in vielen Berufen daheim, aber als Unternehmer zu Haus. Nach Studienabschlüssen rund um Ökonomie und IT machte er zunächst eine Karriere als linker Banker bei einer Gewerkschaftsbank, um später das Investmentgeschäft einer alten Privatbank zu verantworten. Dannheisig engagiert sich heute als Business Angel für Impact-starke Unternehmen, als Partner einer auf nachhaltige Transformation spezialisierten Beratungsfirma, als Mitinhaber einer PR- und Marketingagentur, sowie als Herausgeber von – auf diese Themen spezialisierten – Finanzmedien zur Transformation von Finanzwirtschaft und Gesellschaft.
Gastbeitrag: Europas technologische Zukunft braucht institutionelles Kapital
Hans-Jürgen Dannheisig
