Die vierte Auflage der DAX-Klimastudie von Union Investment zeichnet ein ernüchterndes Bild der Dekarbonisierungsfortschritte deutscher Großunternehmen. Zwar halten zahlreiche Konzerne an ihren Klimazielen fest, doch bei der tatsächlichen Reduktion der Treibhausgasemissionen kommt die Entwicklung nur schleppend voran.
„Der DAX ist in Sachen Klima stehen geblieben“, stellt Dr. Henrik Pontzen, Chief Sustainability Officer bei Union Investment, fest. Um die Klimaziele zu erreichen, brauche es neben politischem Druck vor allem konkrete wirtschaftliche Anreize für die Unternehmen.
Für die Untersuchung wurden die im Oktober 2026 im DAX vertretenen Unternehmen anhand von vier Kriterien bewertet: Transparenz der Klimaberichterstattung, Ambitionsniveau der Klimaziele, klimabezogene Anreize in der Vorstandsvergütung sowie tatsächliche CO₂-Reduktionen. Berücksichtigt werden dabei die Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, also Scope 1, 2 und 3.
Acht Klima-Vorreiter – neun Unternehmen fallen zurück
Insgesamt acht DAX-Konzerne erzielen in der Studie gute bis sehr gute Gesamtergebnisse. An der Spitze steht erneut GEA, das wie im Vorjahr die volle Punktzahl erreicht.
Zur Spitzengruppe gehören außerdem SAP, Mercedes-Benz, Deutsche Telekom, Merck KGaA, Vonovia, Beiersdorf und BMW. SAP und Vonovia haben sich gegenüber dem Vorjahr deutlich verbessert und zählen nun erstmals zu den Vorreitern. Auch Heidelberg Materials, Daimler Truck und Deutsche Bank konnten ihre Bewertungen verbessern, ohne allerdings die Spitzengruppe zu erreichen.
Auf der anderen Seite identifiziert Union Investment neun Klima-Nachzügler. Schlusslicht ist Hannover Rück, gefolgt von weiteren schwach bewerteten Unternehmen wie Rheinmetall, Siemens Energy, Airbus und Commerzbank.
Besonders auffällig ist die Entwicklung der Deutschen Börse: Das Unternehmen fiel aufgrund schwächerer Ergebnisse bei den Kriterien Klimaanreize und Emissionsreduktion vom Vorreiter des Vorjahres in die Gruppe der Nachzügler zurück.

Klimatransparenz verschlechtert sich deutlich
Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse betrifft die Transparenz der Klimaberichterstattung.
Während 2025 noch 21 DAX-Unternehmen bei diesem Kriterium eine gute Bewertung mit vier oder fünf Punkten erreichten, sind es aktuell nur noch neun Unternehmen. Lediglich BMW, Siemens Energy und Infineon konnten ihre Bewertung verbessern, während 16 Unternehmen schlechter abschnitten als im Vorjahr.
Für institutionelle Investoren ist diese Entwicklung besonders relevant. Denn eine verlässliche Einschätzung von Klimarisiken, Transformationsfortschritten und langfristigen Geschäftsmodellen setzt belastbare und vergleichbare Unternehmensdaten voraus.
„Klimatransparenz ist kein Selbstzweck – sie stärkt das Investorenvertrauen“, betont Dr. Johannes Kreim, ESG-Analyst bei Union Investment. Unternehmen müssten Klimarisiken klar quantifizieren und ihre Fortschritte messbar machen.
Klimaziele und Vergütungsanreize reichen nicht aus
Bei den langfristigen Klimazielen fällt die Bilanz deutlich positiver aus. Nach der Methodik der Studie befinden sich 13 DAX-Unternehmen mit ihren Klimazielen über alle Emissionsbereiche hinweg auf Kurs, um die zeitlichen Vorgaben des deutschen Klimaschutzgesetzes einzuhalten. Weitere 17 Unternehmen erfüllen die entsprechenden EU-Vorgaben und verfügen über Zwischenziele für ihre Scope-3-Emissionen.
Auch bei der Vorstandsvergütung sind klimabezogene Anreize inzwischen weit verbreitet. 24 der 40 DAX-Unternehmen erreichen in diesem Bewertungskriterium die volle Punktzahl. Besonders positiv bewertet Union Investment hier GEA, Daimler Truck, RWE und Heidelberg Materials.
Allerdings zeigt sich eine erhebliche Diskrepanz zwischen Zielsetzungen und tatsächlicher Umsetzung. Lediglich sieben Unternehmen erreichen bei der Emissionsreduktion eine aus Sicht der Studie ausreichende Bewertung.
Besonders problematisch ist die Entwicklung der indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette: Bei der Hälfte der DAX-Konzerne sind die Scope-3-Emissionen gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Bei Siemens Energy, Volkswagen und Airbus nahmen die Emissionen trotz bereits hoher Ausgangswerte weiter zu.
Relevanz für institutionelle Investoren
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass ambitionierte Klimaziele allein noch keine verlässliche Aussage über den tatsächlichen Transformationsfortschritt eines Unternehmens ermöglichen.
Für institutionelle Anleger gewinnen deshalb die Qualität der Klimaberichterstattung, überprüfbare Zwischenziele und die tatsächliche Entwicklung der Emissionen an Bedeutung. Gerade bei langfristig orientierten Portfolios stellt sich zunehmend die Frage, inwieweit Klimastrategien auch operativ umgesetzt werden und welche finanziellen Risiken aus einer verzögerten Transformation entstehen können.
Die Studie liefert damit auch Argumente für einen stärker ergebnisorientierten Engagement-Ansatz. Entscheidend dürfte weniger sein, ob Unternehmen ambitionierte Klimaziele formulieren, sondern ob sie nachvollziehbare Fortschritte bei deren Umsetzung erzielen.
Das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Die grundsätzliche Bereitschaft zur Dekarbonisierung ist bei vielen DAX-Konzernen weiterhin vorhanden. Bei Transparenz und tatsächlichen Emissionsreduktionen besteht jedoch erheblicher Nachholbedarf.
DAX-Klimastudie: Ambitionierte Ziele, aber kaum Fortschritte bei der CO2-Reduktion
Dr. Henrik Pontzen
