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AFME-Positionspapier: Starke Kapitalmärkte als Schlüssel für ein stabiles Rentensystem

Das deutsche Rentensystem steht vor einer strukturellen Herausforderung. Demografische Entwicklungen – insbesondere der Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand und anhaltend niedrige Geburtenraten – setzen das umlagefinanzierte System zunehmend unter Druck. Schon heute reichen die Beiträge der Erwerbstätigen nicht mehr aus, um die Auszahlungen zu decken. Für das Jahr 2026 erwartet die Bundesregierung einen Bundeszuschuss von rund 128 Mrd. Euro, was etwa einem Viertel des Bundeshaushalts entspricht. Ohne Reformen dürfte sich diese Finanzierungslücke weiter vergrößern.

Für institutionelle Investoren eröffnet diese Entwicklung zugleich eine grundsätzliche Debatte: Wie kann privates Kapital stärker in die Altersvorsorge integriert werden – und damit sowohl die finanzielle Stabilität des Systems als auch die Entwicklung der Kapitalmärkte unterstützen?

Schwache zweite und dritte Säule
Ein Blick auf die Struktur der Altersvorsorge zeigt erheblichen Nachholbedarf. Zwar verfügen deutsche Haushalte über ein beträchtliches Vermögen, doch rund 70% davon liegen weiterhin in niedrig verzinsten Spar- oder Sichteinlagen. Kapitalmarktbasierte Anlagen spielen eine vergleichsweise geringe Rolle.

Auch die betriebliche Altersvorsorge ist weniger verbreitet als in anderen europäischen Ländern. Nur etwa jeder zweite sozialversicherungspflichtige Beschäftigte verfügt über eine Betriebsrente. In Ländern mit verpflichtenden oder stark verbreiteten Systemen – etwa den Niederlanden – liegt die Abdeckung dagegen bei rund 90%.

Ähnlich fragmentiert ist die private Altersvorsorge. Die Riester-Rente, ursprünglich als Instrument zur Förderung privaten Sparens gedacht, verliert seit Jahren an Bedeutung. Die Zahl der Verträge ist von 16,6 Millionen im Jahr 2017 auf rund 15 Millionen im Jahr 2024 gesunken. Zudem bleiben die Auszahlungen häufig begrenzt: Laut Bundesfinanzministerium beträgt die durchschnittliche monatliche Riester-Rente etwa 132 Euro – ein Betrag, der kaum geeignet ist, Versorgungslücken im Alter zu schließen.

Privates Kapital als Teil der Lösung
Vor diesem Hintergrund plädiert die Association for Financial Markets in Europe (AFME) für eine stärkere Einbindung kapitalgedeckter Elemente in allen drei Säulen des Rentensystems. Ziel sei es, langfristiges privates Kapital zu mobilisieren, die individuelle Altersvorsorge zu stärken und gleichzeitig Investitionen in die Realwirtschaft zu fördern.

Eine solche Neuausrichtung könnte erhebliche Auswirkungen auf die Kapitalmärkte haben. Würden größere Teile der derzeit in Bankeinlagen gehaltenen Vermögen in langfristige Anlageprodukte fließen, entstünde ein stabiler Kapitalpool für Infrastruktur, Innovation und Unternehmensfinanzierung.

Modernisierung der privaten Vorsorge
Ein zentraler Vorschlag ist die Einführung eines sogenannten Altersvorsorgedepots (AVD). Dieses soll die private Altersvorsorge vereinfachen und stärker auf kapitalmarktbasierte Anlagen ausrichten.

Entscheidend für den Erfolg eines solchen Instruments wäre dabei eine klare und investorenfreundliche Ausgestaltung. Dazu gehören insbesondere reduzierte Garantieanforderungen, um langfristige Renditechancen nicht zu begrenzen, ein digitaler und standardisierter Zugang für Anleger sowie ein breites Spektrum an Anlageoptionen – etwa ETFs, aktiv gemanagte Fonds oder direkte Aktienanlagen.

Ebenso wichtig wären transparente Zertifizierungsstandards und ein einfaches steuerliches Auszahlungsmodell. Eine flexible Entnahmephase könnte zusätzlich dazu beitragen, das Produkt für Anleger attraktiver zu machen.

Kapitalmarktkomponente in der gesetzlichen Rente
Neben der privaten Vorsorge wird auch eine Ergänzung der gesetzlichen Rentenversicherung durch kapitalgedeckte Elemente diskutiert. Ein staatlich kontrollierter Reservefonds, der langfristig an den internationalen Kapitalmärkten investiert, könnte als zusätzlicher Stabilitätsanker dienen.

Internationale Beispiele zeigen, dass solche Modelle funktionieren können. In Schweden etwa tragen staatliche Pensionsfonds dazu bei, die Belastung des Umlagesystems zu reduzieren. Selbst moderate jährliche Einzahlungen könnten über längere Zeiträume erhebliche Vermögenswerte aufbauen. Für institutionelle Investoren wäre ein solcher Fonds zugleich ein Signal für eine langfristigere Ausrichtung der deutschen Altersvorsorgepolitik. Darüber hinaus könnte er eine stabile inländische Investorenbasis für Infrastruktur, Technologie und Unternehmensfinanzierung schaffen.

Betriebliche Altersvorsorge als Wachstumstreiber
Als kurzfristig wirksamster Hebel gilt der Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge. Internationale Erfahrungen zeigen, dass automatische Einschreibungsmodelle mit Opt-out-Möglichkeit die Teilnahmequoten deutlich erhöhen können.

In Kombination mit standardisierten Anlagestrategien – etwa Lebenszyklus- oder ETF-basierten Portfolios – ließe sich die kapitalgedeckte Vorsorge breiter verankern. Gerade jüngere Beschäftigte und Personen mit niedrigeren Einkommen, die bislang seltener teilnehmen, könnten so stärker einbezogen werden.

Für institutionelle Investoren würde eine breitere betriebliche Vorsorge zugleich neue Anlagevolumina und langfristige Kapitalströme schaffen.

Frühere Kapitalmarktteilnahme
Ergänzend schlägt AFME vor, die geplante sogenannte Frühstart-Rente weiterzuentwickeln. Der aktuelle Vorschlag der Bundesregierung sieht staatliche Einzahlungen von monatlich zehn Euro für Kinder zwischen sechs und 18 Jahren vor.

Aus Sicht vieler Marktteilnehmer ließe sich der Effekt deutlich verstärken, wenn die Einzahlungen bereits ab der Geburt beginnen und zusätzliche private Beiträge ermöglicht würden. Zudem könnten solche Konten als Junior-Version des Altersvorsorgedepots ausgestaltet werden und beim Eintritt ins Erwachsenenalter automatisch in reguläre Vorsorgekonten übergehen.

Chance für Kapitalmarkt und Altersvorsorge
Die Diskussion um die Zukunft des Rentensystems berührt damit nicht nur sozialpolitische Fragen, sondern auch die Entwicklung der europäischen Kapitalmärkte. Eine stärkere kapitalgedeckte Vorsorge könnte langfristig sowohl die finanzielle Stabilität der Altersversorgung verbessern als auch Investitionen in Wirtschaft und Infrastruktur fördern.

Für institutionelle Anleger ergibt sich daraus eine doppelte Perspektive: Einerseits als potenzielle Verwalter wachsender Vorsorgevermögen, andererseits als Investoren in eine stärker kapitalmarktbasierte Altersvorsorgestruktur. Insgesamt würde ein solcher Wandel nicht nur das Rentensystem stabilisieren, sondern auch die Rolle Deutschlands als Kapitalmarktstandort stärken.