Foundation | Welcome

Menu


Buchbesprechung: „Thinking, Fast and Slow“ von Daniel Kahneman

Diese Rezension ist wirklich eine Herausforderung: Weder mein „schneller“, noch mein „langsamer“ Denkmodus haben mir ermöglicht zu entscheiden, ob ich das Buch gut finde oder nicht. Ganz schnell kann man sagen: Das Thema ist relevant, interessant, ja spannend; aber meine Kritik an dem Buch kommt ganz langsam daher…

Dr. Oliver Roll über den Kahneman-Bestseller

Die Rezension
Kahnemans Buch ist auch schnell zum Bestseller geworden, hält derzeit beispielsweise auf Amazon immer noch Rang 6 der verkauften englischen Bücher - das scheint nicht ohne Grund so zu sein und verdient daher immer noch nach Erscheinen im Oktober 2011 und der Taschenbuchausgabe sowie der deutschen Übersetzung vor genau einem Jahr eine Rezension. Zumal Kahneman, israelisch-amerikanischer Psychologe und 2002 Träger des „Wirtschafts-Nobelpreises“, auch aktuell noch gern gesehener Key-Note Speaker auf Konferenzen ist (z.B. beim diesjährigen Institutional Money Congress in Frankfurt; vgl. zu seiner Biographie auch Wikipedia).

Ein gespitzter Bleistift ist das Bildmotiv des Buches, und einen solchen will ich beim Eintippen dieser Rezension dann auch anwenden. Interessant ist, dass ein Psychologie-Buch (mit Schwerpunkt Entscheidungstheorie) gerade in der Community derjenigen, die berufsmäßig mit dem spitzen Bleistift arbeiten, so starke Resonanz findet – wo doch eigentlich gar kein expliziter Bezug im Titel oder Inhaltsverzeichnis auf wirtschaftswissenschaftliche Fragen auftaucht. Dennoch sind die meisten Beispiele – gefühlt 90% – aus dem Bereich von Gewinn- oder Verlust-Entscheidungssituation. Das erklärt sicherlich schon zum großen Teil, warum sich diejenigen, die mit 'rationalen Entscheidern' zu tun haben, so sehr für dieses Buch interessieren.

Der rote Faden des Buches ist das Wechselspiel zwischen den zwei „Modi“ des schnellen und quasi automatischen Denkens („System 1“) und des erhöhte Aufmerksamkeit und Konzentration erfordernden langsamen Denkens („System 2“). Für den Wirtschaftswissenschaftler sind die „Humans“ und die „Econs“ die Reinformen dieser Modelle. Man benötigt nicht allzuviel von System 2, um die Hypothese zu entwickeln, dass die andauernde Wirtschaftskrise und viel erlebte Irrationalität in Politik und Wirtschaft auch einer der Gründe für den Erfolg dieses Buches ist. Die Frage, wie Entscheidungen zustande kommen, wie „Wirtschaftssubjekte“ handeln – ob dies tatsächlich dem Paradigma des Homo Oeconomicus entspricht – hat ja fast schon den Status einer Sinnfrage.

Nun geht es in einer Buchrezension natürlich nicht nur um die Frage, ob das Thema relevant, sondern ob es gut behandelt ist. Mir ist klar (das sagt mir sogleich mein System 1), dass ich mit Kritik an einem Buch, welches zum Bestseller geworden ist, starken Gegenwind habe – aber vielleicht erleben auch Andere bei der gezwungenermaßen langsamen Lektüre einige Punkte wie ich. Zunächst hatte ich große Schwierigkeiten, das Buch in der „natürlichen“ Reihenfolge zu lesen (von vorne nach hinten)… Vielleicht mangelnde Geduld, vielleicht eine gewisse Ermüdung mit vielen alten Beispielen (zum Beispiel von optischen Täuschungen), die in der Detailfreude des Spinnenliebhabers, der jedem der acht Beine seiner geliebten Tierchen ein eigenes Kapital widmet, begründet liegt. So wie die acht Beine, werden alle Facetten jeder möglichen noch so kleinen (wirtschaftlichen) Entscheidung vorwärts und rückwärts, von links und von rechts beleuchtet – das mag ja alles für den arbeitenden Wissenschaftler (Psychologen) wichtig und richtig sein. Mir fehlten die Konklusionen: Was mache ich aus all diesen atomar zergliederten Täuschungen, Illusionen, Entscheidungsirrläufern? Alles interessant, aber ein wenig wie mit den Jugendbüchern mit hunderten von optischen Täuschungen: Man versteht jede einzelne, aber wird man damit zum besseren Betrachter eines Gemäldes? Ich habe es dann beim zweiten Mal von hinten nach vorne gelesen; das ging besser.

Kahneman beschreibt viele Bäume, aber er zeigt uns nicht den Wald. Amos Tversky, sein Wissenschaftspartner, mit dem er gemeinsam den „Wirtschafts-Nobelpreis“ gewonnen hatte, sitzt ab Seite 3 auch mit am Tisch (bzw. im Hochsitz) – und wird gebührend gewürdigt: Man spürt, welch wichtige Rolle er im Leben und der wissenschaftlichen Arbeit von Daniel Kahneman gespielt hat (Amos ist 1996 verstorben). Mir hat allerdings der „lockere“ Faden auch nicht gefallen, dass die Arbeiten und Gespräche mit Amos immer und immer wieder, vermittelt und unvermittelt, als Rahmen für das Buch herhalten müssen. So schwankt das ganze Werk zwischen einer Art Erlebnisbericht oder Entwicklungsgeschichte der gemeinsamen Forschungen und einer systematischen Darstellung von Wirkungen von System 1 und 2 in der Entscheidungstheorie – aber es ist keins von beiden.

Die Beschreibung des Waldes anhand jedes einzelnen Baumes hat natürlich auch sein Gutes – denn es gibt viele und hochinteressante Exemplare – also Fallbeispiele für Entscheidungssituationen. Am besten gefallen hat mir Teil 3 über "Overconfidence" und insbesondere die Ex-Post-Rationalisierungen. Viele der analysierten Beispiele kommen wie Szenen eines bekannten Films daher und man kommt ins sinnieren. Nur angesichts der inflationären Vielzahl von Varianten und Szenarien bleibt zu oft die Frage: Haben wir da eine ganz tiefe Wahrheit vor uns – oder eine Trivialität des Alltagslebens auf dem Seziertisch?


---
Das Buch: „Thinking, Fast and Slow“, Farrar, Straus and Giroux, New York, 2011, 499 Seiten

Der Autor: Daniel Kahneman

Der Rezensent: Dr. Oliver Roll, Managing Director, max.xs financial services AG