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Kommentar: Governance im neuen Sozialpartnermodell – Lessons from Behavioural Finance

Diesen Artikel drucken ( Dr. Dorothee Franzen*, 12.10.17)

Mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) hat der Gesetzgeber erstmals eine reine Beitragszusage mit Zielrente in die betriebliche Altersversorgung (bAV) eingeführt. Die reine Beitragszusage kann ausschließlich von den Tarifvertragsparteien per Tarifvertrag vereinbart werden. Die Tarifvertragsparteien können darüber hinaus sogenannte Optionssysteme umsetzten, d. h. automatische Entgeltumwandlung mit Widerspruchsrecht des Arbeitnehmers. Das Sozialpartnermodell wurde vom Gesetzgeber explizit als kapitalmarktorientiertes Instrument mit Garantieverbot konzipiert. Es wird stark von der Governance abhängen, ob eine effektive Balance zwischen den eingezahlten Beiträgen und den erzielten Renditen erreicht wird.


Dr. Dorothee Franzen

Im neuen Zielrentensystem wird der Arbeitnehmer erstmalig ein symmetrisches Investmentrisiko tragen: Er kann bei günstigerer Ertragsentwicklung der Einrichtung profitieren, bei ungünstigerer Entwicklung kann es aber auch zu Kürzungen der laufenden Rentenzahlungen kommen. Bei einer entsprechenden professionellen Umsetzung durch die Investmentprovider wird der Arbeitnehmer im neuen System von insgesamt wesentlich höheren Leistungen profitieren. Diese können jedoch schwanken, was erhebliche Anforderungen an die Kommunikation mit den Mitgliedern stellt, insbesondere der Krisenfall sollte gut vorbereitet sein.

Bislang steht in der Diskussion in Deutschland die Reduzierung der Volatilität der Leistung im Vordergrund. Es wird mit Pufferungs- und Glättungsmechanismen gerechnet, um Rentenkürzungen zu vermeiden oder zu verringern. Dies ist auch berechtigt. Die Niederlande haben erfahren, zu welch einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung Kürzungen von Rentenzahlungen führen können insbesondere, wenn sie aufgrund komplexer Regulierung nicht mehr verständlich kommuniziert werden können.

Allerdings sollte auch die Volatilität der Versorgungskonten nicht ganz aus dem Auge verloren werden. Aus kapitalmarkttheoretischer Sicht ermöglicht der Wegfall von Garantien eine chancenreichere Kapitalanlage, sodass die Arbeitnehmer in den neuen Systemen von höheren Renten profitieren können. Die Kapitalmarkttheorie besagt ferner, dass die Risikotragfähigkeit mit zunehmendem Investmenthorizont steigt. Lebenszyklusmodelle oder Target-Date-Funds beginnen daher bei jungen Mitgliedern mit einer hohen Quote an risiko- und renditereichen Assets, die zum Renteneintritt hin reduziert wird.

Das kann die Konsequenz haben, dass junge, neue Mitglieder sehr früh die Erfahrung machen, auf ihrer jährlichen Information statt des erwarteten Kapitalanstiegs ein Minus zu sehen. Das kapitalmarkttheoretische Argument lautet: Das ist nicht weiter tragisch, wir haben ja noch viel Zeit den Fehlbetrag wieder aufzuholen. Die individuelle Wahrnehmung der Arbeitnehmer, die üblicherweise nicht über eine fundierte kapitalmarkttheoretische Ausbildung verfügen und meist wenig Erfahrung mit Geldanlage haben, kann von dieser Sichtweise aber durchaus abweichen. Wir wissen aus der von Tversky und Kahnemann begründeten Behavioural Finance, dass Arbeitnehmer risikoavers sind. Absolut Geld zu verlieren wird als schmerzhafter empfunden als einen kleineren Gewinn zu haben.

In Großbritannien ist NEST¹ daher innovative Wege bei der Ausgestaltung der Investmentstrategien gegangen. Statt mit einer hohen Aktienquote zu starten, stehen zunächst Anlagestrategien im Vordergrund, die das Verlustrisiko minimieren. Auf diesem Weg soll zunächst Vertrauen bei den meist kapitalmarktunerfahrenen und risikoaversen Mitgliedern aufgebaut werden. Diese Strategie wurde mit sehr geringen Opting-Out Quoten belohnt.

Alle Stakeholder im neuen Sozialpartnermodell müssen sich mit dem Thema Investmentrisiko auseinandersetzen. Die Arbeitnehmer werden Investmentrisiko ausgesetzt sein; eine individuelle Investmententscheidung ist aber nicht vorgesehen. Die Investmententscheidungen werden, wie bislang auch, vom Management der jeweiligen Versorgungseinrichtung oder von einem beauftragten Asset Manager getroffen werden. Die Tarifpartner müssen sich nach BRSG an der Steuerung und Durchführung der reinen Beitragszusage beteiligen. Sie sollen an der Kapitalanlage mitwirken und eine Vereinbarung über die Zielvolatilität der Rentenzahlung abschließen. Hier sind noch wichtige Fragen von Entscheidung und Verantwortung zu klären. Der Erfolg der Sozialpartnermodelle wird in hohem Maße von der Governance abhängen. Effektives Management von potenziellen Interessenkonflikten, hinreichendes Fachwissen und Expertise der verantwortlichen Aufsichtsratsmitglieder, klar definierte Investmentgrundsätze sind nur einige der zu definierenden Aufgaben. Gerade da die Mehrheit der Sozialpartnermodelle voraussichtlich eine Vielzahl von Aufgaben an externe Provider outsourcen wird, ist hier wirklich providerunabhängige Beratung sehr wichtig.

¹National Employment Savings Trust (NEST) wurde 2008 von der britischen Regierung als eine durchführende Einrichtung für die Beitragszusage im neuen Optionsmodell gegründet. Die Zielgruppe von NEST sind Arbeitnehmer mit geringen Einkommen, die unteren 30%.

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*) Dr. Dorothee Franzen ist Managing Director, Germany, bei Avida International in München (www.avida-int.com).


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